Blue Flag

Ein Junge verliebt sich in ein Mädchen, doch es hat nur Augen für einen anderen. Dieser wiederum möchte keine Beziehung mit dem Mädchen, sondern hat Interesse an jemand ganz anderem. Was auf den ersten Blick nach einem typischen Liebesdreieck an einer Oberschule aussieht, erweist sich als Geschichte, in der viel mehr steckt. Mangaka KAITO (Cross Manage) schafft mit dem ersten in Deutschland veröffentlichten Werk aus eigener Feder, Blue Flag, Freundschaft, Zukunftsplanung und Selbstfindung zu thematisieren, und das auch unter sozialkritischen Aspekten in Bezug auf Homosexualität. Dank Carlsen Manga ist es Lesenden in Deutschland möglich, die in acht Bänden abgeschlossene Reihe zu genießen und zu reflektieren: Die Liebe kann ihren Weg finden, auch wenn dieser eventuell zu einem Menschen desselben Geschlechts führt. Wie sich der steinige Pfad in KAITOs Geschichte entwickelt, ist bis zum Ende ungewiss.

 

Taichi Ichinose ist ein ruhiger, eher unauffälliger Oberschüler. Sein Kindheitsfreund Thoma Mita hingegen ist Kapitän des Baseballteams der Schule, wird von seinen Mitschülern bewundert und hat auch dank seines guten Aussehens schon das eine oder andere Liebesgeständnis erhalten. Eines Tages wird Taichi von dem sehr schüchternen Mädchen Futaba Kuze angesprochen. Sie hat sich in Thoma verliebt, traut sich allerdings nicht, ihm ihre Gefühle zu beichten und bittet daher Taichi um Hilfe. Nach anfänglichem Zögern willigt dieser ein. Als sie mehr Zeit miteinander verbringen, bemerkt Taichi, dass er Gefühle für Futaba entwickelt. Trotz allem versucht er sie weiterhin mit seinem Kumpel zu verkuppeln, denn er hat es ihr versprochen. Thoma hingegen fühlt sich auch zu einem besonderen Menschen aus seinem Freundeskreis hingezogen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die scheue Futaba, sondern um seinen Kindheitsfreund Taichi.

Ein schwieriger Weg

Originaltitel Ao no Flag
Jahr 2017 – 2020
Bände 8
Genre Romanze, Drama
Mangaka  KAITO
Verlag Carlsen Manga (2018 – 2021)
Seit Mai 2021 vollständig im Handel

Es bedarf einiges an Mut, dem Star der Schule die Liebe zu gestehen. Und genau das fehlt der schüchternen Futaba. Sie lässt sich sehr schnell verunsichern und es fällt ihr schwer, die eigene Meinung auszusprechen. Dass ein Gespräch mit Taichi über ihre Gefühle überhaupt stattfindet, kann damit zusammenhängen, dass sie sich mit ihm auf einer Wellenlänge sieht. Dem Gesprächspartner fehlt es wie dem Mädchen auch an Selbstvertrauen. Also wird Taichi eine Art Lockvogel für Futaba um eine Liebesbeziehung ins Rollen zu bringen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist die Tatsache, dass Thoma sich für ihn interessiert und das nicht nur auf freundschaftlicher Ebene. Als weitere psychische Belastung entwickelt Taichi Gefühle für Futaba. Denn wie belastend es ist, ein Mädchen, das man selbst liebt, immer in seiner Nähe zu haben versucht, es mit dem besten Freund zusammenzubringen und genau zu wissen, dass es beziehungstechnisch kein Interesse am Beiwerk hat, kann man an Taichis Reaktionen und besonders seinem Gesichtsausdruck deutlich sehen. Alle Mitwirkenden befinden sich in einem Alter, in dem sie sich selbst finden müssen. So entsteht auch bewusst die sexuelle Orientierung, was KAITO sehr realitätsnah mithilfe psychologischer Einflüsse darstellt.

Wer ist der oder die Richtige?

Zu Beginn noch langsam erzählt, entwickelt sich die Handlung in kleinen Schritten stetig weiter. Was als Liebesdreieck anfängt, wandelt sich im Verlauf der Geschichte zu einem Quadrat. Denn nicht nur Thoma gesteht sich ein, einen anderen Jungen zu lieben, sondern ein weiteres Mädchen kommt mit ähnlichen Gefühlen dazu. Die ganzen Gefühlsandeutungen sind bereits am Anfang der Reihe leicht zu durchschauen. Es liegt nun an jedem Einzelnen, sich den eigenen Gefühlen klar zu werden und herauszufinden, was er oder sie wirklich will. Die Liebe, die Thoma für Taichi empfindet, baut KAITO gleichmäßig in den Verlauf ein und nicht nur als Nebenhandlung. So wissen die Lesenden bereits ab dem ersten Band, dass ein großes Thema von Blue Flag die gleichgeschlechtliche Beziehung ist. Da Taichi und Futaba sich aber doch in einer Art und Weise näher kommen, wird schnell klar, dass die verschiedensten Möglichkeiten entstehen, wie die Geschichte enden kann. So handelt es sich nicht ausschließlich um einen Boys Love-Manga, sondern um ein Werk, das versucht, die verschiedenen Arten von Beziehungen entstehen zu lassen. Wer also ein trockenes Oberschul-Drama erwartet, könnte hierbei enttäuscht werden. Und auch das Ende birgt die Gefahr, die Erwartungen der Lesenden zu spalten.

Wie geht der Weg weiter?

Im letzten Jahr der Oberschule müssen sich die Absolventen auch mit ihrer Zukunft auseinandersetzen: Was mache ich nach der Schule? Ein enormer Druck lastet auf dem Abschlussjahrgang. An Thoma wird das Thema sehr anschaulich gezeigt. Die komplette Schülerschaft sieht ihn als starken, selbstbewussten jungen Mann, der klar vor Augen hat, wohin sein Weg führt. Doch genau das ist er nicht, denn die Angst zu versagen, belastet ihn. Auch wird Thoma von KAITO deutlich als Mensch dargestellt, der mit der Ungewissheit kämpft, einen falschen Berufsweg einzuschlagen. Der Fokus liegt auf diesem Thema und nicht auf seiner Homosexualität. Thoma ist nicht der perfekte Schüler, wie er nach außen hin wirkt. Im Inneren verbirgt sich hinter der fröhlichen Fassade ein Gefühlsmensch, der damit hadert, was er privat machen soll. Wie sagt er es Taichi? Soll er es überhaupt ansprechen? Was passiert, wenn der beste Freund sich von ihm abwendet? Wie reagiert die Familie? Gefühle in jeglicher Hinsicht sind enorm wichtig und werden auf die Lesenden anschaulich übertragen. Es braucht keine großen Actionszenen, um die Spannungskurve aufrechtzuhalten.

Große Augen und wenige Worte

Nicht nur die passenden Worte, sondern auch die zeichnerische Umsetzung ist wichtig. Wer detailreiche Hintergründe erwartet, könnte eventuell enttäuscht werden. Das liegt daran, dass KAITO den Fokus der Zeichnungen auf die Gesichter der Figuren legt. Ganzseitige Panels ermöglichen den Lesenden einen Blick in die Augen der Charaktere, in welchen die Detailverliebtheit zu sehen ist. Besonders ausgeprägte Gesichtszüge und Mimiken schaffen es, ihre Worte, die Gefühle der Charaktere zu übertragen. Ein paar Seiten später springt der Zeichenstil in eine ganz andere Richtung, etwa mit Chibi-Figuren oder in Karikatur-Form. Diese wirken, als wollte KAITO bewusst die Stimmung etwas ins Lächerliche ziehen, um die dramatischen Momente aufzulockern. Ein Schema, was besonders zu Beginn verwirrend wirkt und nicht jedem Geschmack entspricht. Ein Blick auf die Cover rückt aber Emotionen verschiedenster Art in den Vordergrund. Seien es die drei Protagonisten lachend im Freien oder alleine im Regen. Die gedeckten Farben bieten dabei die perfekte Umrandung des Gesamtwerks.

Fazit

Bis zum letzten Band bleibt spannend, wie die Geschichte von Blue Flag enden könnte. Liebesdreiecke sind bekannt und hier ist schon zu Beginn klar, dass es kompliziert wird. Schon am Anfang ist zu sehen, dass Thoma Gefühle für Taichi hat. Es ist gut gelöst, dass KAITO es für Lesende, die den Manga in den Händen halten, gleich deutlich macht. Thoma wird als lächelnder junger Mann, der auch Gefühle zeigt, ins Herz geschlossen und besonders Taichi hat eine liebevolle Art. Beide entwickeln sich zu interessanten Männern, mit denen man mitempfinden kann. Futabas Verhalten Taichi gegenüber wirkt am Angang etwas eigennützig, aber Taichi willigt immerhin ein. Im Lauf der Handlung findet das extrem unsichere Mädchen zum Glück immer mehr zu sich selbst. Die Zeichnungen sind vor allem am Anfang noch ungewöhnlich, insbesondere wenn es in die Richtung von Karikaturen geht. Auch Taichis Freunde, die mal liebenswert als Pilzköpfe bezeichnet werden können, haben mich optisch nicht so sehr begeistert. Dafür stechen die Panels ohne große Worte besonders ins Auge, vor allem gegen Ende. Anhand der Gesichtszüge der Figuren kann wahnsinnig viel interpretiert werden.

© Carlsen Manga


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