DARQ

Lesezeit: 4 Minuten

Vom Filmmusikkomponisten zum Spieleentwickler: Eigentlich waren Videospiele nur ein Hobby für Wlad Marhulets, dem Gründer von Unfold Games, doch in den letzten dreieinhalb Jahren entwickelte sich dieses Hobby zum Vollzeitjob und gipfelte schließlich im August 2019 in der Veröffentlichung seines Debütspiels DARQ. Lassen wir den Publicity fördernden Hickhack mit Epic Store mal außen vor (erwähnen ihn aber trotzdem, huehue) und wenden uns direkt diesem Spiel zu, in dem sich ein glatzköpfiger Junge auf einen Psycho-Trip durch seine Klarträume begibt.

 

Die Schlafenszeit stellt für gewöhnlich den entspannenden und verjüngenden Teil des Tagesablaufs dar. In DARQ aber ist sie die nie endende Quelle für Gefahr und Horror. Wir begleiten den jungen Lloyd (Glatze, schwarze, leere Augen sowie Beine und Arme wie Streichhölzer) auf seine Reise durch die Welt der Klarträume. Verzerrte Wirklichkeiten, unrealistische Gravitation, rollstuhlfahrende Horror-Gestalten und Physikrätsel, die gelöst werden wollen – have fun.

Luzide Träume

Originaltitel DARQ
Jahr 2019
Plattform PC
Genre Puzzle
Entwickler Unfold Games
Publisher Unfold Games
Spieler 1

Der Klartraum (bzw. der luzide Traum) dürfte wohl vor allem durch Christopher Nolans Inception (2010) ins Kollektivbewusstsein der Filmegucker eingedrungen sein, während Anime-Fans bereits 2006 von Satoshi Kon und seinem Paprika behutsam-irre in diese Thematik eingeführt wurden. Der Klartraum ist ein Traum, in dem sich der Träumende darüber bewusst ist, dass er träumt. Dabei gibt es verschiedene Stufen des Klartraums. So hat etwa der Otto Normalverbraucher unter den Oneironauten (griechisch: Traumreisende) „nur“ die Möglichkeit zur freien Entscheidung. Der Fortgeschrittene dagegen verfügt über eine realistische, wenn nicht sogar überempfindliche Sinneswahrnehmung. Bei Lloyd kann man wohl von der höchstens Stufe der Luzidität ausgehen, denn Lesen und Rechnen bzw. in Lloyds Fall das Meistern von komplexen Puzzeln ist auch für erfahrene Klarträumer eine der härtesten Nüsse.

Ein kleiner Schritt für Lloyd, ein großer für den Mindfuck

Der Einfluss auf die Umgebung ist ein wichtiges Merkmal des Klartraums und gleichzeitig die Basis für DARQs Rätselmechanik sowie auch dessen eindringlichstes Gimmick, denn durch das Aushebeln der Gravitation und das damit verbundene Gehen an Decken und Wänden eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Lloyds erster Schritt an die Wand wird dabei stets begleitet von einem tief abfallenden Basston, der manchen INSIDE-Fan vielleicht an das Shockwave-Areal erinnert. Der Mix der Rätsel ist dabei ausgewogen, denn es gibt sowohl die billigen Schieberätsel als Einstiegsdroge, als auch unheimlich faszinierende Konstrukte, bei denen man besagte Gravitation ändert, die Räume wie eine Walze in einem Spielautomaten zum Drehen bringt, ein bisschen Elektrizität zum Fließen bringt und sich ständig fragt, wo man das riesige Western-Piano in seiner Hosentasche denn nun eigentlich platzieren muss.

Hallo Victor!

DARQ fällt in die Kategorie der Horrorspiele, wobei der Horror eher durch eine gewisse Spannung erzeugt wird denn durch tatsächlichen Schrecken. Die Priorität des Spiels liegt mehr in der schmucken Präsentation der Rätsel und der Tim-Burton-mäßigen Atmosphäre und weniger auf Herzstillständen beim Spieler. Tim-Burton-Look-alike deswegen, da die Ästhetik durchgängig düster ist – immer belegt mit einem violett-stichigen Filter, immer irgendwie diesig und durchsetzt von Steampunk-Motiven. Und auch Lloyd selbst wirkt wie ein Verschnitt von Victor aus Corpse Bride – nur mit weniger Haaren.

Stealth für die Tonne

Damit es den Spielern nicht zu leicht gemacht wird, wurden auch einige Gegnertypen eingestreut, die vor allem dazu da sind, um Lloyds Stealth-Modus einbauen zu können. Besagte Stealth-Passagen werden anderswo als „frustrierend“ beschrieben, wobei man das nicht auf die Schwierigkeit zurückführen kann, sondern nur auf die Unnötig- und Langwierigkeit. Die Passage mit dem Tuba-Mann beispielsweise fordert den Spieler überhaupt nicht und ist schlicht nervig. Auffällig ist auch, dass die Gegnertypen allesamt hölzern animiert und mäßig gestaltet sind. Gerade vor dem Hintergrund eines ansonsten duften Leveldesigns fällt das negativ auf. Jenes Leveldesign kann man mit seiner plastischen Detailliertheit eher mit Little Nightmares vergleichen denn mit dem abstrakteren INSIDE.

Kurzweilig – und kurz

Die Level bzw. Träume werden durch eine kurze Phase des Wachseins, in der sich Lloyd erneut schlafen legt, abgegrenzt (wobei anzunehmen ist, dass es sich bei diesen Phasen um ein „falsches Erwachen“ handelt und Lloyd niemals in die Realität zurück kehrt). Bei der Levelvielfalt lässt sich DARQ nicht lumpen und bietet neben verlassenen Krankenhäusern auch fahrende Dampfloks und groteske Theater. DARQ beherrscht die Klischees der gruseligen Räume, arbeitet sie aber in seinem eigenen visuellen Stil auf, so dass sie sich relativ frisch anfühlen. Auch spieltechnisch erfindet sich das Spiel immer wieder neu. Gerade, wenn man als Spieler denkt, man ist der Pro im An-die-Decke-gehen, führt DARQ eine neue Mechanik ein, die auf die alte aufbaut. Langeweile kommt also nicht auf, zumal das Spiel auch extrem kurz ist. In zwei bis drei Stunden ist man durch, und das ist zu wenig Zeit, um in einen tieferen Schlaf einzutauchen. Da die ersten Level also zu kurz sind und das Finale komplett mit der gewohnten Struktur bricht, liegen DARQs überzeugendste Stücke in der Mitte (hier sei das Oma-im-Rollstuhl-Puzzle erwähnt – Atemaussetzer hoch 10).

Fazit

Und wieder ein Indie-Sidescroller mit düsterem Horror-Touch, bei dem man um dem Vergleich mit den Juwelen aus dem Hause Playdead nicht herum kommt. Allerdings gehört auch DARQ zu jener Sorte, die es schafft, sich abzugrenzen, indem es durch seine schwerkraftverändernde und perspektiverweiternde Rätselmechaniken eine eigene Identität erschafft. Denn das macht DARQ aus: seine intelligenten Rätsel und die Freude daran, die Räume auf Links zu drehen. Storymäßig habe ich aber irgendwie auf mehr gehofft. Die LIMBO-ähnliche Katharsis zum Ende mit dem soundtechnischen „Hint“ gibt in Kombination mit den im Spiel verstreuten Symbolen zwar genug her für eine Interpretation, letztendlich war mir die aber relativ wumpe. Ich hab DARQ eigentlich nur wegen der Rätsel genossen. Also: DARQ ist ein eng geschnürtes Paket mit gut gestalteten, cleveren Rätseln (von denen manche auf großartigen Ideen fußen) in einer schmucken, trostlosen Traumwelt, das allerdings nicht allzu lange nachhallt.

© Unfold Games

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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