Zombie – Dawn of the Dead

1978 – die wilden 70er näherten sich dem Ende. Regisseur George A. Romero (Die Nacht der lebenden Toten) verfilmte mit Zombie – Dawn of the Dead einen Abgesang der Ära und ihm gelang mit diesem unbestreitbaren Klassiker des Horrorkinos (aber auch der Erzählkunst) ein Meilenstein. Der Film prägte Genre und Sicht, wie Zuschauer*innen rund um den Globus Zombies wahrnehmen, bis heute. Blut, Gewalt und Überlebenswillen treiben eine Hand voll Überlende zu undenkbaren Taten und stellen im Laufe ihres Überlebenskampfes fest – die lebenden Toten sind nicht die einzige Gefahr. Handgemachte Effekte, eitrige und blutige Wunden von Altmeister Tom Savini (Texas Chainsaw Massacre 2) und eine milde Gabe von Kultregisseur Dario Argento (Suspiria) machten Zombie – Dawn of the Dead zu dem was es ist ein zeitloser Klassiker.

Es sind Jahre vergangen seit den seltsamen Ereignissen, als Untote wieder auf der Erde wandelten. Die Menschheit wurde dieser Gefahr und Plage nicht Herr. In allen Teilen der USA passieren grausame Dinge und die Lage eskaliert völlig. Das Kriegsrecht wird von der Regierung als letzte Handlung ausgerufen, bevor die Zivilisation in ihrer demokratisch-zynischen Pracht untergeht. Stephen Andrews (David Emge, Basket Case 2), ein Reporter mit Heli, seine schwangere Freundin Francine Parker (Gaylen Ross, Madman), Mitarbeiterin desselben Senders und zwei Beamte (Ken Foree, Halloween und Scott H. Reiniger, Knightriders Ritter auf heißen Öfen) eines Sondereinsatzkommandos fliehen zu Beginn des Chaos gemeinsam im Helikopter. Sie erkennen die Gelegenheit, die eine verlassene Shopping-Mall ihnen bietet. So beginnen ein nackter Kampf ums Überleben, Einöde, Langeweile und die moralische Grundfrage: Sind wir verpflichtet, Tote erneut zu töten?

Wenn Horror logischer als eine US-Steuererklärung erscheint

Originaltitel Dawn of the Dead
Jahr 1978
Land USA
Genre Horror
Regie George A. Romero
Cast Stephen “Flyboy” Andrews: David Emge
Peter Washington: Ken Foree
Roger “Trooper” DeMarco: Scott Reiniger
Francine “Fran” (“Flygirl”) Parker: Gaylen Ross
Laufzeit 118 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Die moralische Grundfrage wird, je nach Gefallen des Films, als pro oder contra ausgelegt. Es ist unbestritten, dass George A. Romero ein Meisterwerk geschaffen hat. Etwas, was es bis zu diesem Zeitpunkt in keinem Kino gegeben hat. Eine logische Geschichte, realistisch verfilmt, bedacht handelnde Protagonisten und unendlich viel Gewalt. Gewalt gegen Menschen und menschenähnliche Wesen. Aus heutiger Sicht erkennt man, woher Filme und Filmperlen sich geistige Anregungen geholt haben, Cineasten erfreuen sich am Ursprung des Zombie-Horrors. Dabei hatte es Romero sehr schwer, einen passenden Investor und Distributor für den Film zu finden. Sein letzter Film Martin war ein Desaster, der Vorgänger in der “… of the Dead”-Chronologie, Die Nacht der lebenden Toten, war ganz nett, aber kein Erfolg. Daher gebührt Dario Argento, dem Meister des Giallos und von Mord als Kunstform, ein großer Dank. Als großer Fan von Die Nacht der lebenden Toten kaufte er sich mit 250.000 US-Dollar (1978 war das eine Menge Holz) in die Produktion ein. Uneigennutz und reine Nächstenliebe waren das nicht, denn er sicherte sich damit für den nicht-englischsprachigen Markt den Vertrieb und das Recht, Schnittfassungen zu veröffentlichen.

Die Farce der deutschen BPJM und der Veröffentlichungspolitik

Hier ist auch schon die Odyssee von Zombie – Dawn of the Dead heruntergebrochen. Es ist kein Geheimnis, dass der Film blutig ist. Ja. Es werden die ikonischen Szenen erstmalig gezeigt, was aus einer Würstchenkette, Kunstblut und „Blutbeutel“ für ein Ekel im Kopf hervorgerufen werden kann. Dazu spart Romero nicht an Großaufnahmen und zelebriert Einschüsse und platzende Köpfe. Insbesondere für den hiesigen Markt in Deutschland ein absolutes No-Go – vermuten wohl viele. Doch in der Tat ist es so, dass als Zombie – Dawn of the Dead 1979 in Deutschland in die Kinos kam, der Film überraschenderweise nur leicht geschnitten war. Die deutsche Schnittfassung war auf den Argento-Cut zurückzuführen, der weitaus kürzer als Romeros Cut lief und demnach auch brutaler wirkte. Es kamen keine Verschnaufpausen auf und das Werk wirkte wesentlich “actionlastiger”. Das änderte sich aber für die Heimkinoauswertung. In den goldenen Zeiten der Videotheken fand sich nur eine verstümmelte Fassung des Argento-Cuts wieder. Gewalt- aber auch reine Geschichtsschnitte fanden tiefgreifend statt.

Man muss den Tiefpunkt erreichen um wieder aufzusteigen

Wer meint das wäre alles – der hat die Videothekenware in den 90ern nicht erlebt. Es folgte eine FSK 18-Fassung, die sarkastischer nicht hätte werben können: “Der härteste Horrorfilm aller Zeiten”. Es fehlten aber fast alle Szenen mit Gewalt – eigentlich alle. Die Odyssee ging weiter und tatsächlich darf sich der Fan bei Regisseur und Label-Chef Oliver Krekel, der selbst in Filmkreisen einen gewissen Ruf und Mitteilungsbedürfnis pflegt, bedanken. Er hat 1999 mit seinem Label ASTRO die weltweit längste Fassung herausgebracht. Liebevoll Krekel-Cut genannt oder Ultimate Final Cut. Es kann und darf darüber diskutiert werden, ob es sinnvoll war, die Schnittfassungen zusammenzulegen. Heraus kam ein 156 minütiges Monster, das einige Längen aufwies. Dennoch sind diese und der Romero-Cut beim geneigten Fan mitunter am beliebtesten.

Zeitloser Klassiker

Unabhängig von dieser Farce an Veröffentlichungs- und Konsumentenpolitik, was Zombie – Dawn of the Dead auch nach über 40 Jahren so sehenswert macht, ist der Aufbau der Geschichte. Es wurde bewusst viel Zeit in die Charaktere und das Casting investiert. Wo viele Filme heute eine Diversity-Agenda haben (insbesondere Netflix’ hauseigene Produktionen), weiß Romero dies ebenfalls einzusetzen, ohne seine Konstellation befremdlich oder erzwungen wirkt. Frauen, Männer, Soldaten, People of Color – alle vertreten mit menschlichen Makeln, Fehlern und besonderen Kenntnissen. In der ersten halben Stunde wird man Zeuge des Zerfalls der Ordnung, die die Einwohner kennen. Schiere Gewalt entlädt sich beim verzweifelten Kampf gegen die Horden von Untoten. Für Zuschauer*innen wird es unangenehm, wenn Romero völlig unkonventionell mit der Kamera festhält, wenn (Zombie)Kinder und Eltern erschossen werden, selbsternannte menschliche Revoluzzer ins Gras beißen und  sich die Antihelden der Story uneins sind, ob man diese per Kopfschuss in den tatsächlichen Tod schicken soll.

Eine abstrakte Metapher der Gesellschaft mit vier Buchstaben

Grotesk mag es anmuten, dass ausgerechnet zwischen dem 100. Kopfschuss und 29. Mal Gedärme aus den Bäuchen hängend, die kühl-strategischen Gespräche zwischen Washington, DeMarco und Andrews ein wahres Highlight sind. Man wird tatsächlich Zeuge, wie ein Überlebenskampf funktioniert. Wo gibt es Vorräte? Wie kann man sich verteidigen? Was macht weniger Krach? Wie hält man Strom aufrecht? Wo bekommt man alles an einem Ort was der Mensch benötigt? Natürlich, es ist das Einkaufszentrum. Und genau so feiern die vier Helden im Einkaufszentrum. Dekadent, ausschweifend, Zombies aus Spaß tötend. Das geht monatelang gut – während die Welt um sie herum an Mad Max erinnert. Doch wie jede Party und Rausch tritt Ernüchterung ein. Der Umstand der totalen Dystopie holt das Quartett ein und auf die Sättigung folgt die Depression. Die Gruppe sieht sich erneut menschlicher Gefahr in Form einer Rockerbande (es sind die 70er, Rock ist böse) ausgesetzt. Auch wenn es im Grunde eine Ko-Existenz mit dem unliebsamen Gast geben könnte, ist die „Zwei-Staaten-Lösung“ unbefriedigend für die ursprünglichen Besatzer. Romero versteckt unglaublich viele politische Spannungen, das experimentelle Flair der 70er gepaart mit schierer, realistischer Gewalt. Zwischenzeitlich vergisst man fast, dass es ein Zombie-Horrorfilm ist. Genau das ist vermutlich die Stärke von Zombie – Dawn of the Dead. Das Interview im Film stellt hierbei den Leitfaden dar: „Logisch handeln, logisch handeln. Wir müssen unsere Intelligenz einsetzen. Dies ist der einzige Weg.“

1978 vs. 2021

Romero hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Aufbau seiner Trilogie (gut, er hat auch Land of the Dead gedreht, aber darüber reden Fanbase und Kritiker gleichermaßen ungern) eine Allegorie auf den Kapitalismus ist. In einem Interview hat verriet er, dass es eigentlich „sonnenklar“ ist und ihm die Erziehung der Menschen als reine Konsumenten gehörig auf den Keks ginge. So ist es kein Wunder, wenn wir heute von „Konsumzombies“ sprechen. Der Vergleich, lebende hirntote Zombies, wahllos schlürfend darzustellen, in einer Mall ziellos umherirrend zu platzieren ist heute genau so aktuell wie damals. Nur, dass bei einem erneuten Remake (Zack Snyder hat mit seinem Dawn of the Dead im Jahr 2004 bereits gute Arbeit geleistet) die Handies und Tablets nicht fehlen dürfen.

Klassiker

Zombie – Dawn of the Dead bringt restlos alles mit, was der Horrorfan mag und liebt. Wenn man einen gesunden Magen mitbringt, können auch genrefremde Zuschauer*innen Gefallen an einer ausgefallenen und formvollendeten Geschichtserzählung (den Zeitgeist darf man nicht außer Acht lassen) finden. Die Musik, typisch 70er, nimmt dem Film das Reißerische und wirkt somit auf die Zuschauer*innen bedrohlicher. Es fühlt sich realer an, wenn man Menschen bei banalen, alltäglichen Dingen leiden sieht.

Fazit

Romero packt in seinem besten Film viele Eisen an. Abtreibung, Mord, wie weit gehen Menschen, Konsum, Politik – je öfter man diesen Film sieht, desto mehr entdeckt man. Der Film „triggert“ auf vielen Ebenen jeden auf eine andere Weise. Es ist selten mitzuerleben, dass man bei einem Horrorfilm nicht die Augen verdreht und die bloße Dummheit der Protagonisten an den Pranger stellt. Romero hat sich hier viel Zeit für Details gelassen und scheinbar in die Lage versetzt: Was würde ich, der normale Bürger, in so einer Situation machen? Die einzigen zwei Sachen, die „phantastisch“ sind, sind die Zombies an sich und der Zufall, einen Piloten im Team zu haben. Doch auch dieser ist nur ein Pilot und kein Superheld. Im Gegenteil! Er lehrt sogar, wie man den Heli fliegt, damit die Gruppe nicht nur einen Piloten hat. Eine kleine Gruppe funktioniert, aber wie so oft behindern sich der Mensch und die Gruppendynamik selbst. Das ist bei Zombie – Dawn of the Dead grandios eingefangen. Der Gorehound-Fan bekommt seine Gewalt, der Klassiker-Freund die Musik und „entschleunigte“ Erzählung – eine verlorene Kunstform, wenn man mich persönlich fragt – Hobbypsychologen können sich ebenfalls en masse austoben.

Zitat: „Dawn of the Dead ist einer der besten Horrorfilme die je gedreht wurden, und dadurch zwangsläufig einer der erschreckendsten. Er ist grauenhaft, verstörend, widerlich, gewalttätig, brutal und abstoßend. Er ist aber auch (einen Moment bitte, wo ist meine zweite Liste) brillant gedreht, lustig, skurril und in wilder Weise gnadenlos in seiner satirischen Sicht auf die amerikanische Konsumgesellschaft. Es hat nie jemand behauptet, dass Kunst dem guten Geschmack entsprechen müsse.“ – Roger Ebert. Eine klarere Empfehlung kann nicht ausgesprochen werden.

© Koch Media


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