Wer ist Hanna?

Was für ein Film: Unter der Anleitung des britischen Regisseurs Joe Wright (Stolz & Vorurteil) kämpft sich eine junge Assassinin (Saoirse Ronan, mehrfach oscarnominiert, u.a. für Ladybird) durch drei verschiedene Klimazonen, um schließlich in Berlin zum finalen Todesschuss anzusetzen. Irgendwo zwischen Coming of Age, Roadmovie und ekstatischem Thriller angesiedelt, inszeniert der ursprünglich auf Dramen fokussierte Regisseur in Wer ist Hanna? eine temporeiche Erzählung, die sich immer wieder Zeit für gefühlvolle Sequenzen nimmt. Begleitet wird dies von den elektrisierenden Klängen der The Chemical Brothers, die in den 90ern als Vertreter des Big Beat populär wurden. Dass in dem Film Stoff für mehr steckt, erkannten auch die Amazon Studios, die 2019 eine TV-Serie für Nutzer von Amazon Prime Video veröffentlichten.

   

Finnland: Mitten in den Wäldern und fernab der Zivilisation wächst die 16-jährige Hanna (Saoirse Ronan) auf. Ihr Vater Erik (Eric Bana, Troja) lehrt sie das Überleben in der Wildnis. Hirsche jagen mit Pfeil und Bogen, Sprachen und Nahkampf. Der ehemalige CIA-Agent formt Hanna zu einer perfekten Überlebenskünstlerin. Hinter dem Haus befindet sich ein Peilsender, durch dessen Aktivierung eine Frau namens Marissa Wiegler (Cate Blanchett, Babel) auf das Versteck aufmerksam wird. Als Hanna den Knopf eines Tages drückt, bleibt nicht viel Zeit: Eric hofft, seine Tochter hinreichend auf das vorbereitet zu haben, was nun auf sie zukommt und tritt selbst die Flucht an. Daraufhin wird Hanna von einer Horde Männern aufgespürt und mitgenommen. Doch diese unterschätzen die Fähigkeiten der jungen Kämpferin und Hanna sorgt in einem unterirdischen Labor für die ersten Toten. Ihr Ziel: Berlin, wo die geheimnisvolle Marissa lauert. Diese Reise ist nicht nur ein Aufbruch ins Ungewisse, sondern ein Lernfeld: Technologie, Zivilisation und zwischenmenschlicher Umgang sind Lernfelder für Hanna …

Künstlerisch angehauchter Thriller

Originaltitel Hanna
Jahr 2011
Land USA
Genre Action, Thriller, Drama
Regie Joe Wright
Cast Hanna: Saoirse Ronan
Erik Heller: Eric Bana
Marissa Wiegler: Cate Blanchett
Johanna Zadek: Vicky Krieps
Sophie: Jessica Barden
Laufzeit 111 Minuten
FSK

Beinahe wie im Schlaf inszeniert Joe Wright seinen Thriller, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Jede Einstellung, jeder Winkel: Alles so routiniert und durchdacht, dass man als Zuschauer sofort spürt, dass der Regisseur einen unglaublich hohen Anspruch an die Ästhetik seiner Produktion besitzt. Kampfchoreografien erhalten die Grazie eines Tanzes und die schnell geschnittenen Bilder vermitteln einen Hauch Kraft und Dynamik. Das ist auch deswegen nötig, da Wer ist Hanna? in seinen Grundzügen ein simpler Film mit überkonstruierten Ereignissen ist. Gerade diese überdrehte Natürlichkeit des Stoffes ist es, die mittels der extravaganten Aufmachung an Stilsicherheit gewinnt. Zu keiner Sekunde möchte man irgendeinem Kampf anzweifeln, er sei überzogen oder unrealistisch.

Gefühlvolle Erzählung statt klinischer Tötung

Bei manch ähnlich gearteten Filmen wie Lucy oder Ultraviolet, in denen sich eine junge Frau durch Widersacherhorden schlägt, steht vor allem der Stil im Vordergrund. Das ist bei Hanna zwar auch häufig der Fall, doch das Drehbuch verliert nie aus den Augen, worum es im Kern geht: Identität. Der deutsche Titel ist da (ausnahmsweise) sogar passend gewählt, denn der Coming-of-Age-Anteil, bei dem Hanna nicht nur die Welt kennenlernt, sondern auch erstmals sich selbst außerhalb des väterlichen Drills, überwiegt deutlich. Auch wenn Hannas zielorientierte Persönlichkeit vor allem in den Actionszenen zur Geltung kommt, ist Wer ist Hanna eben kein Actionfilm nach Schema F. Die existenzielle Verunsicherung der Hauptfigur wird zunehmend aufgebrochen, als sie die gleichaltrige Sophie (Jessica Barden, The End of the F***ing World) und ihre liberale Familie kennenlernt. Das unterscheidet Hanna von vielen anderen Amazonen: Die Handlung ist darum bemüht, wirkliches Verständnis für sie aufzubauen.

Ein bisschen Integrationsdrama

Auf Saoirse Ronan kamen gleich zwei große Herausforderungen zu. Zum einen ist da ihre Physis zu nennen, denn Hanna ist pausenlos in Bewegung und muss auch im Kampf gegen erwachsene Männer überzeugen können. Die Schauspielerin begann ein halbes Jahr vor den Dreharbeiten mit Muskelaufbau, um der Figur gerecht zu werden. Der andere Punkt ist noch zentraler: Es gelingt ihr, den Zuschauer in Hannas Welt mitzunehmen. Eine Welt, in der das Meiste noch vollkommen unbekannt ist und erst entdeckt werden muss. Diese künstliche Welt durch ihre Augen zu erforschen, fängt der Düsseldorfer Kameramann Alwin H. Küchler (Sunshine) in authentischen Bildern ein. Aber neben der Hauptrolle sind auch die weiteren Rollen mit viel Gespür besetzt und ebenso gut gespielt. Besonders Cate Blanchett als kalte Jägerin von Hanna, deren Rolle ähnlich mysteriös ist wie Hanna selbst, jagt dem Zuschauer dann und wann schon einmal einen Schauer der Verachtung über den Rücken.

Faszinierende Überinszenierung

Besonders hervorzuheben ist der Soundtrack von The Chemical Brothers, der sich hypnotisch ins Ohr frisst und im Besonderen die Actionszenen pulsierend antreibt. Das Stück “Container Park” ist bezeichnend für den immensen Spannungsaufbau, mit dem die Soundkünstler arbeiten. Das Klanggerüst geht nur einher mit der Ausdrucksstärke der Bildsprache. Obwohl der Film audio-visuell überstilisiert ist, erzeugt diese künstlerische Entscheidung keine Distanz, sondern unterstützt Hanna als Figur wie zwei Minuspole, die gemeinsam ein Plus ergeben. Vor allem das im Freizeitpark Plänterwald gedrehte Finale unterstreicht den märchenhaften Charakter des Films. Dem entgegen stehen furiose Nahkampfszenen: Wenn Eric Bana in einer Berliner U-Bahn-Unterführung ein halbes Dutzend Killer mit rasanten Aikido- und Mixed Martial Arts-Moves zusammenfaltet und die Kamera den Kampf in einem einzigen, schier endlos andauerndem Steadycam-Shot dokumentiert, erzeugt das mächtig Eindruck.

Fazit

Alle Zutaten mögen nach uninspirierter Kopie aussehen, doch schon nach wenigen Minuten offenbart sich Wer ist Hanna? als das, was man gerne darin sehen möchte: Modernes Action-Märchen, eine Emanzipationsgeschichte, gefühlvoll erzählte Coming-of-Age-Story oder abwechslungsreicher Roadmovie. Hanna ist alles davon – und funktioniert! Eine kleine Perle, die überraschend emotional daherkommt.

© Sony Pictures Home Entertainment


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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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