Vivarium

Lesezeit: 4 Minuten

Wie schön: Glücklich verliebt und jetzt das erste eigene Haus. In Vivarium wird nicht nur die neue Immobilie für das Protagonistenpaar zum Alptraum, sondern gleich die gesamte Stadt um sie herum. Regisseur Lorcan Finnegan (Foxes) inszeniert einen surrealistische Mystery-Film voll idyllischer Perfektion und lässt die Zuschauer gemeinsam mit den beiden Hauptfiguren erkunden, ob es aus diesem Labyrinth einen Ausweg gibt. Dabei setzt er vor allem auf die psychologische Beobachtung der Charaktere und die neuen Herausforderungen, die sich in einem perfekten Leben auftun.

 

Tom (Jesse Eisenberg, The Social Network) liebt Gemma. Gemma (Imogen Poots, 28 Weeks Later) liebt Tom. Er ist Landschaftsarchitekt. Sie ist Lehrerin. Beide sind happy. Nun steht der nächste Schritt an: Ein gemeinsames Zuhause. Nicht irgendeines, es soll perfekt sein! Der merkwürdige Immobilienmakler hat da auch direkt das richtige Objekt in der Neubausiedlung “Yonder” parat. Hier ist ein Haus an das andere gereiht. Alles identisch, alles idyllisch. Grüne Wiese vor dem Haus, Sonnenschirm hinten im Garten und auch die farblich vollständig abgestimmte Einrichtung: einfach alles makellos. Während der Besichtigung verschwindet der Makler Martin (Jonathan Aris, Der Marsianer) plötzlich und Tom und Gemma stellen fest, dass sie in einem Labyrinth gefangen sind. Hier ist einfach alles gleich: jede verdammte Straße und jedes Haus. Es gibt keinen Ausweg mehr und so bleibt ihnen nur noch der Unterschlupf im neuen perfekten Zuhause …

Unwirkliche Welt: Willkommen im klaustrophobischen Suburbia

Originaltitel Vivarium
Jahr 2019
Land Irland/Belgien/ Dänemark/USA
Genre Drama
Regisseur Lorcan Finnegan
Cast Gemma: Imogen Poots
Tom: Jesse Eisenberg
Martin: Jonathan Aris
Laufzeit 97 Minuten

Es gibt wahrscheinlich schlimmere Orte, als in einem perfekten Zuhause festzuhängen. Keine Nachbarn, niemand stört und die Schlafanzüge liegen auch schon bereit. Was zunächst wie ein harmloses Problem klingt, wird zu einem echten Alptraum. Denn egal, wie oft Tom und Gemma die Straßen auf und ab laufen oder auf das Hausdach klettern: Kein Weg führt hinaus. Die Wolken am Himmel sehen alle gleich perfekt geformt aus und woher die Essenslieferungen wie von Zauberhand auftauchen, muss auch geklärt werden. Man kann hier nun alt werden und die ultimative Zweisamkeit genießen (Spoiler: soweit wird es nicht kommen) oder aber gemeinsam sterben. In Perfektion. Wie fühlt sich ein Leben ohne Mitmenschen, ohne Produktauswahl (es gibt genau eine Marke Cornflakes von – Überraschung – Yonder) und Fernsehprogramm an? Ohne Smartphone-Empfang und eigene Klamotten?

Surrealismus als Abbild der Realität

Die Auswirkungen auf die Psyche sind der interessanteste Aspekt von Vivarium: Tom und Gemma entwickeln sich in ganz unterschiedliche Richtungen. Man kann das neue Leben mangels Alternativen nur bejahen oder verneinen und solange wie möglich dagegen ankämpfen. Gibt es einen Kreislauf, den man hier durchbrechen kann? Irgendwelche Kameras, die es zu entdecken gilt? Führt wenigstens ein Loch im Boden irgendwohin, wenn es schon nach oben, links und rechts keinen Ausweg gibt? Es gibt viele psychologische Perspektiven auf diesen Film. Geschlechterverhältnisse, Elternschaft, Generationenkonflikte.

Life in plastic, it’s fantastic

Visuell wird ein heller und freundlicher Look gezaubert. Die geschniegelte Vorstadt besitzt einen immer rosanen Himmel mit flauschigen Wolken und die Inneneinrichtung des Hauses gleicht einer IKEA-Kulisse. Dass Vivarium eine Low Budget-Produktion ist, spiegelt sich vor allem bei der Fahrt durch die Stadt wider, wenn die Reihenhäuser nur allzu stark nach CGI aussehen. Auch der Handlungsraum ist auf das Nötigste beschränkt: Haus und Vorgarten. Dementsprechend gering sind die Schauwerte, wenngleich der Look direkt aus einem Musikvideo stammen könnte, so surrealistisch und plastisch er erscheinen mag. Einen starken Kontrast dazu setzen die ersten zehn Minuten, die Bilder aus der Natur (und damit übrigens schon erstes Interpretationsmaterial) liefern.

Akzeptanz oder Verweigerung?

Erzählerisch lässt sich Vivarium in drei Akte herunterbrechen: Die Einführung mit Erkundung des neuen Lebens, der Mittelteil mit einer ganz neuen Herausforderung für das Paar sowie der Schluss, der offen hält, ob es einen Ausweg gibt oder nicht. In allen drei Teilen kämpfen beide Figuren auf unterschiedliche Weise um Akzeptanz und Verweigerung. Funktioniert vor allem der erste Akt noch vorbildlich, entstehen im zweiten ärgerliche Längen. Denn sobald es kein Weiterkommen, keine neuen Erkenntnisse gibt, ist der Zuschauer ebenso frustriert. Der finale Akt wird dann zur Zerreißprobe: Das Ende besitzt das Potenzial, die Gemüter zu spalten. Denn das Ende hält keine Aufklärung parat. Es liefert nur weitere Metaphern (die junge Generation setzt die ältere vor die Türe; sich selbst ein Loch buddeln) parat. Jesse Eisenberg und Imogen Poots verkörpern glaubhaft ihre beiden Charaktere, deren Standpunkte sich mit der Zeit immer klarer abzeichnen.

Fazit

Vivarium ist ein ruhig erzählter Alptraum. Eine Verzerrung der hochstilisierten Vorstadtidylle, in der ein besseres Leben geführt wird. Das geschniegelte Leben gleicht einem Grab, denn die Aussichten auf ein erfüllendes Leben sind verschwindend gering. Um Freude an diesem Titel zu haben, werden Geduld, Neigung zur Charakterbeobachtung und vor allem Rätselfreudigkeit erfordert. Dann wird man mit feinen Twilight Zone-Vibes überrascht. Wer nicht gerne interpretiert, wird sich an den zahlreichen Metaphern sowie dem Ende aufhängen.

© Tele München Gruppe

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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