Vernetzt – Johnny Mnemonic

Cyberpunk. Alle kennen es, viele lieben es, viele vergöttern es. Begründer und Koryphäe des Genres ist Autor William Gibson (Neuromancer). Er ist der Grund, weshalb der Zuschauer den Begriff Cyberspace mit Datentransfer, welcher ein allumspannendes Netzwerk bildet, verbindet. Der Look ist bekannt, man hat unweigerlich Datenströme wie in Matrix vor Augen. 1994 wurde zum ersten Mal eine Geschichte von Gibson verfilmt: Vernetzt – Johnny Mnemonic. Eben mit einem gewissen Keanu Reeves (John Wick). Die 90er und ihr Look haben Film und Fernsehen fest im Griff und die 80er verabschieden sich hierin endgültig. Willkommen zum audiovisuellen Psychotrip des Datenhighways von Robert Longo, der voll auf die Power des Zeitgeists setzt – mit Dolph Lundgren (The Expendables), Ice-T, bürgerlich Tracy Lauren Marrow (Mean Guns – Knast ohne Gnade), Henry Rollins (Bad Boys II) und als Verfechter seltsamer Charaktere ist auch Udo Kier (End of Days – Nacht ohne Morgen) vertreten. Und zum ersten Mal in einer US-Produktion: Takeshi „The Beat“ Kitano (Hana-Bi – Feuerblume). Der Cast verspricht eines: Krawall und keine Shakespeare-Dialoge; oder etwa doch?

 

Die Welt in einer brüchigen und entzweiten Zukunft im Jahre 2021. Johnny (Keanu Reves) ist ein Schmuggler der besonderen Art. Er transportiert illegale Daten mit einem Speicherchip in seinem Gehirn. Dank des Klassenkampfes und der klaffenden Schere zwischen Arm und Reich sind solche Jobs nicht ungewöhnlich. Daher muss sich Johnny auch immer mehr einfallen lassen und um konkurrenzfähig zu bleiben, erweitert er die Festplatte in seinem Hirn auf unfassbare 320 Gigabyte. Dafür muss er Platz schaffen und Erinnerungen von sich opfern. Ohne sein Langzeiterinnerungsvermögen lässt es sich Johnny gut gehen – doch will er diesen „Unsinn“ nicht mehr mitmachen und sein Leben und vor allem Erinnerungen an seine Kindheit zurück. Dumm nur, dass der letzte Job die Yakuza und ihren Boss (Takeshi Kitano) auf den Plan ruft und die seinen Kopf haben wollen. Dabei ist das das geringere Übel, denn Johnny hat seine Festplatte maßlos überladen und diese droht sein Gehirn in 24 Stunden zu schmelzen. Ein Wettlauf gegen die Zeit, Yakuza und einen Cyborg-Priester mit gewalttätiger Mission (Dolph Lundgren) beginnt und die Zeit rinnt unaufhörlich herunter.

Brainscan, anyone?

Originaltitel Johnny Mnemonic
Jahr 1995
Land Kanda, USA
Genre Science-Fiction
Regie Robert Longo
Cast
Johnny Mnemonic: Keanu Reeves
Jane: Dina Meyer
J-Bone: Ice-T
Takahashi: Takeshi Kitano
Shinji: Denis Akiyama
Laufzeit 95 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Es gibt Filme, die sich ins Gehirn der Zuschauer brennen. Sei es wegen einer tollen, spannenden Szene, einer gewalttätigen Handlung, etwas völlig Absurdes, Lustiges oder einem Soundtrack, der eine schwache Handlung trägt. Vernetzt – Johnny Mnemonic hatte zum Release 1995 einen aus heutigem Blickwinkel vermutlich seltsamen Start. Der Film wurde in einer strammeren Fassung ins Kino gebracht. Es existiert eine weitere sieben Minuten längere Fassung mit anderem Soundtrack und Schnitten, die der eine oder andere „runder“ bezeichnen würde. Die Fassungen unterscheiden sich nicht in Action oder „Gewalt“. Darum muss heute kein Zuschauer sorgen. Anders sah es Mitte der 90er bei der Heimkinoauswertung aus; wartet Vernetzt – Johnny Mnemonic doch mit ordentlichem Tempo und auch mit der einen oder anderen Szene auf, die in ihrer Härte überrascht. Vernetzt – Johny Mnemonic hat aus heutiger Sicht einen Nostalgiebonus. So sind die unglaublichen technischen Fortschritte wie 320-Gigabyte-Festplatten, Datennetz und „Internet“ heute nicht der Rede wert, sondern gehören zur Grundausstattung eines Grundschülers. Der Zahn der Zeit nagt an Robert Longos Film und der Zeitgeist der 90er mag ein Revival feiern, doch zwischen den Dekaden des Filmnachwuchs ist sehr, sehr viel Leerlauf.

Speed killed the Johnny Mnemonic Star

Keanu Reeves hatte kurz vor Vernetzt – Johnny Mnemonic mit Speed einen Actionkracher geliefert, der Filmgeschichte schrieb. Die Formel von Speed, also Geschwindigkeit, schnelle Schnitte, ein verschwitzter Keanu Reeves, der treu guckt und hohes durchgehendes Tempo, schien der neue Filmtrope zu werden. Auch bei Robert Longos Werk findet man diesen Zutatenmix nicht nur zufällig eingestreut und ausgewählt. Die Buchvorlage Der mnemonische Johnny bietet, obwohl es eine Kurzgeschichte ist, eine unglaubliche Tiefe. Bildliche Sprache, gepaart mit subtilen Tönen und Emotionsbeschreibungen lassen diese Geschichte bis dato eine wahre Einstiegsdroge in das Subgenre Cyberpunk sein. Gibson selbst agierte als Drehbuchautor.

Money, Money, Money

Doch es ist wie es ist – mit dem immensen Erfolg von Speed, welcher als Action in Reinkultur bezeichnet werden kann, änderte sich die Sichtweise. Ohne viele Dialoge, ohne Plot-Twist und Vielschichtigkeit – ein Welt- und Publikumserfolg. Daraufhin änderten Gibson und Longo die Urfassung in einen visuell spektakulären Actionstreifen. Damit versprach man sich und dem Studio mehr Zuschauereinnahmen. 24 Millionen US-Dollar Budget zu 52 Millionen Einnahmen sind kein Reinfall, aber es tendiert zum Flop. Die Kritikerstimmen waren unfreundlicher und einstimmiger als das Einspielergebnis.

Die Liebe zum Detail hebt den Film hervor

Genau diese Effekte, welche heute vermutlich alle inklusive Setting am Computer entstanden wären, sind der Trumpf des Filmes. Dies, die Liebe zum Detail und (jüngere Zuschauer werden es nicht glauben können) ein genial aufgelegter Dolph Lundgren als mordender Priester mit der Mission, die Menschheit vor Maschinen zu schützen. In diesen skurrilen Momenten merkt man, dass Longo und Gibson viel mehr herüberbringen wollten. Es blitzt auf jeden Fall auf. Das Set-Design, allen voran des Untergrundhauptsitzes Lo-Tec, ist ein gewaltiger Komplex. Dieser wurde mühevoll aufgebaut, ausgestattet und wie es sich gehört – in die Luft gejagt. Mit echtem Sprengstoff. Als Freund echter Action weht der Rauch förmlich in die Nase.

Die Figuren gewinnen, nicht die Charaktere

Explosionen, Schießereien und die eine oder andere peinliche Schlägerei zwischen Yakuza-Schergen und Lo-Tec-Freiheitskämpfer gibt es en masse. Longo und Gibson haben die „minimalistische Gesichtsmimik“ von Keanu Reeves, für die er bis heute bekannt ist und er sich selbst auf den Arm nimmt, durch die Visualisierung der virtuellen Welten, in denen er mit Vollgas hin und her springt, ausgeglichen. Wenn sich Johnny schmerzverzerrt im Datenhelm windet, feuert Longo ein Feuerwerk aus Funken und Blitzen ab. Hierbei sei daran erinnert, dass es Szenen gibt, die sich in die Erinnerungen von Zuschauern brennen. Dies, die völlig überzogenen Figuren, welche prominent besetzt sind und die Darstellung des Cyberspaces besitzen einen Wiedererkennungswert. Auch mehr als 20 Jahre später erkennt der Zuschauer die Anleihen und Weiterentwicklung heutiger Produktionen.

Fazit

Vernetzt – Johnny Mnemonic ist ein Film, an dem sich Geister, Fans, Zuschauer und Kritiker scheiden (können). Auf der einen Seite spart Regisseur Robert Longo nicht an Effekten und bietet einen gradlinigen, soliden Actionfilm mit extremen Zeitgeisteinschlag. Auf der anderen Seite ist genau dieser Zeitgeist ein Manko. Man hat sich mit Hoffnung auf mehr Zuschauereinnahmen von der Ursprungsgeschichte entfernt und sogar eine Schnittfassung des Films herausgebracht, die sich noch mehr von der tollen Kurzgeschichte Gibsons entfernt. Der Hintergrund ist klar – maximaler Erfolg basierend auf damaligen Zuschauergewohnheiten. Sehr schade, denn die unglaublich große Fangemeinde rund um Gibsons „Cyberpunk-Universum“ war damals schon vorhanden. Damit bleibt die Frage, was wäre wenn? Was, wenn es vielschichtige Charaktere gegeben hätte? Hätte dann noch ein Keanu Reeves gepasst? Hätte dieser nur ein paar Jahre später einen ähnlichen Film gedreht und schlicht Filmhistorie in Style und Trope geschrieben? Natürlich ist hiermit Matrix gemeint. In Vernetzt – Johnny Mnemonic wurde zum ersten Mal das körperliche Bewusstsein aufgelöst und in eine virtuelle Welt transportiert. Longo, auch wenn er nach seinem Erstling nie wieder hinter der Kamera stand, darf sich auf die Fahne schreiben, dass er im Nachhinein ein ganzes Genre beeinflusst hat.

© Turbine Medien


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