Under The Rose

Mittlerweile sind viele Zuschauer hinsichtlich Gewaltspitzen abgestumpft. Man hat (gefühlt) schon alles gesehen und beim Quälen fiktiver Figuren hat sich im Terrorkino auch schon Routine eingestellt. Etwas raffinierter geht es der spanische Regisseur Josué Ramos an, der in seinem Film Under the Rose bis auf wenige Ausnahmen körperliche Leiden im Off stattfinden lässt, dafür aber den Psycho-Terror-Anteil auf 120 Prozent aufdreht. Dass hier nicht alles so ist, wie es scheint, deutet bereits der geheimnisvolle Anfang an. Nach einem limitierten Mediabook-Release im Dezember 2019 erschien im April 2020 schließlich auch die reguläre Blu-ray-Fassung des Films. Das Cover wirbt mit dem Slogan “Eine moderne Variante von Funny Games” – und dieser Vergleich ist zur Abwechslung mal sogar der Wahrheit entsprechend.

 

Als die zehnjährige Sara (Patricia Olmedo) nicht nach Hause kommt, bricht große Sorge bei Familie Castro aus. Kurze Zeit später flattert der Brief eines Entführers ins Haus. Dieser bittet darum, ohne Einschalten der Polizei als Gast zur Familie zu kommen. Die Castros gebieten ihm Einlass und erfahren, auf welches Spiel sie sich hier eingelassen haben: Damit Sara lebendig zurückkommt, müssen Vater Oliver (Pedro Casablanc), Mutter Julia (Elisabet Gelabert) und Sohn Alex (Zack Gómez) einander ihre schlimmsten Geheimnisse anvertrauen. Und das ganz ohne zu wissen, auf welches Geheimnis es der Entführer (Ramiro Blas) nun abgesehen hat …

Die Demoralisierung einer Familie

Originaltitel Bajo La Rosa
Jahr 2017
Land Spanien
Genre Psycho-Thriller
Regie Josué Ramos
Cast Oliver Castro: Pedro Casablanc
Mann in schwarz: Ramiro Blas
Julia Francés: Elisabet Gelabert
Alex Castro: Zack Gómez
Laufzeit 100 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 24. April 2020

Was der Regie-Debütant Ramos mit seiner Geschichte bezweckt, offenbart sich erst im Laufe der rund 100-minütigen Geschichte. Solange wirken sowohl Saras Entführung als auch die zunehmenden Qualen der Familie nahezu willkürlich. Dabei ist das Schema relativ repetitiv: Ein Familienmitglied offenbart ein (äußerst unbequemes) Geheimnis und muss daraufhin bestraft werden. Diese Strafen haben es in sich und schlagen nicht nur auf die Nieren, sondern auch auf das Gemüt. Weitaus schlimmer als die körperlichen Schmerzen ist das Bloßstellen vor den anderen Familienmitgliedern, wenn die abscheulichsten Geheimnisse auf den Tisch kommen. Als Zuschauer muss man hierbei schon ein wenig sensationslüstern sein, um die perverse Situation auskosten zu können.

Die Schlinge zieht sich um den Hals

In Sachen Gewaltakte gibt sich Ramos eher zurückhaltend: Zwar finden blutige Tatsachen statt, aber zumeist im Off. Der psychologische Terror erweist sich allerdings als unheimlich intensiv und die Zuschauer werden immer wieder selbst vor moralische Scheidewege gestellt. Gesicht und Ehre bewahren oder der Tod eines zehnjährigen Mädchens? Diese Frage stellt sich nicht wirklich, aber mit den immer extremer werdenden Forderungen des Entführers wachsen auch die Schmerzgrenzen an. Das darstellende Quartett liefert dabei eine überzeugende Schauspielarbeit ab und vor allem Ramiro Blas mimt einen schauderhaften Entführer, dessen Überlegenheit in keiner Sekunde angezweifelt wird, obwohl sein eigentliches Auftreten sogar relativ harmlos ist. Die Spannung der Geschichte hält von Anfang bis Ende an: Ist diese Familie es wert, zerstört zu werden, oder sind die Gründe völlig nihilistisch? Die Auflösung am Ende kommt erwartungsgemäß mit einem Twist daher, um nochmals alles in ein anderes Licht zu rücken.

Anspruchsvolle Zerstörung

Auch wenn es sich Under the Rose auf den Zettel geschrieben hat, kontrovers sein zu wollen, gehört die Produktion nicht zu jenen Filmen, die das um jeden Preis erreichen wollen. Im Gegenteil: Der Regisseur legt Wert darauf, die unterschiedlich ausgeprägten Beziehungen der Familienmitglieder zu testen. Damit wird eine psychologische Schmerzgrenze erreicht, die polarisiert, aber weit weniger platt daherkommt als etwa ein Trauma – Das Böse verlangt Loyalität. Diese erzählerischen Qualitäten machen Under the Rose innerhalb einer eigenen Sparte zu einem der anspruchsvolleren Genre-Beiträge.

Fazit

Under the Rose ist ein echter Schlag in die Magengrube und damit eine Perle für alle, die das Gefühl haben, bereits alles in Sachen Terrorkino gesehen zu haben. Und das ganz ohne Gewalt ausufern zu lassen oder Ekel-Effekte auszupacken. Zielgerichtet und punktgenau schmerzen die inhaltlichen Entscheidungen dort, wo es am meisten weh tut. Es dauert, das Erlebte danach erst einmal sacken zu lassen.  Vor allem, weil soviel Schmutzwäsche gewaschen wird und das Rechtfertigen vor den eigenen Familienmitgliedern gleich dreimal so schwer ist als vor sich selbst.

© WVG Medien GmbH


Ab dem 24. April 2020 im Handel erhältlich:

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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