Uncharted

Die Vergangenheit hat gelehrt: Bei Videospiel-Verfilmungen ist höchste Vorsicht geboten. Verübeln kann man das niemandem. Die Zahl qualitativ überragender Produktionen beschränkt sich auf eine Hand voll (gerne wird jene Liste von Christophe Gans’ Silent Hill angeführt), während die breite Masse den Zorn der Spielerschaft auf sich zog (alle Uwe Boll-Produktionen) oder an den Kinokassen abgestraft wurde (Resident Evil: Welcome to Raccoon City). Eine potenzielle Sonderrolle in der Zukunft könnte Sony einnehmen. Denn als eines von fünf Major-Studios in Hollywood und zugleich erfolgreicher Spielkonsolenhersteller liegen gleich zwei Kernkompetenzen unter einem Dach. Das 2019 gegründete Label PlayStation Productions hat sich einige Film- und Serienprojekte auf die Fahne geschrieben. Angefangen mit der Verfilmung Uncharted, der Ghost of Tsushima und die Serie The Last of Us folgen sollen. Die filmische Adaption des Naughty Dog-Hits lief am 17. Februar 2022 in den deutschen Kinos an und nicht einmal eine Woche später ernannte Sony Pictures den Film angesichts schwarzer Zahlen zum Auftakt eines Franchises. Eine Erfolgsstory? Finanziell hat der Film von Ruben Fleischer (Venom) mit Sicherheit eingeschlagen, aber …

 

Nathan Drake (Tom Holland, Spider-Man: Homecoming) kellnert, um sich über Wasser zu halten, doch sein eigentliches Talent liegt darin, seine Mitmenschen zu bestehlen. Der erfahrene Schatzsucher Victor „Sully“ Sullivan (Mark Wahlberg, Ted) sieht einen Nutzen in dieser Fähigkeit und wirbt Nate an, um ein Vermögen zu bergen, das von Ferdinand Magellan angehäuft wurde und 500 Jahre zuvor vom Haus Moncada verloren ging. Was zunächst nach einem einfachen Vorhaben aussieht, erweist sich dank der von Santiago Moncada (Antonio Banderas, Desperado) angeführten Mafia als Herausforderung. Der ist nämlich im Glauben, dass er und seine Familie die rechtmäßigen Erben seien. Gelingt es Nate und Sully, alle Hinweise zu entschlüsseln und damit eines der ältesten Rätsel der Welt zu lösen, sind sie fünf Milliarden Dollar reicher. Nate sieht auch die Chance darin, seinen verschollenen Bruder aufzuspüren …

Uncharted – prädestiniert für ein Film-Franchise

Originaltitel Uncharted
Jahr 2022
Land USA
Genre Abenteuer, Action
Regie Ruben Fleischer
Cast Nathan Drake: Tom Holland
Victor Sullivan: Mark Wahlberg
Santiago Moncada: Antonio Banderas
Chloe Frazer: Sophia Ali
Jo Braddock: Tati Gabrielle
Laufzeit
FSK 116 Minuten
Kinostart: 17. Februar 2022

Seit dem Erscheinen von Uncharted: Drakes Schicksal (PlayStation 3, 2007) hofften Fans auf eine Leinwand-Adaption des Abenteuer-Stoffs. Damals neuartig waren die fließenden Übergänge zwischen filmischen Sequenzen und dem klassischen Gameplay in mitreißender, cineastischer Inszenierung. Dem Spiele-Hit folgten gleich mehrere weitere Teile: Uncharted 2: Among Thieves (PS3, 2009), Uncharted 3: Drake’s Deception (PS3, 2011) und  Uncharted 4: A Thief’s End (PS4, 2016) erzählen Nathan Drakes Geschichte von Anfang bis Ende. Gerne übersehen werden die beiden Spin-offs Uncharted: Golden Abyss (PlayStation Vita, 2011) und Uncharted: The Lost Legacy (PS4, 2017). Schon damals sahen Fans in Nathan Fillion (Castle) die Idealbesetzung für Nathan Drake. Tatsächlich entstand 2018 auch ein Fan-Film mit ihm in der Hauptrolle unter Allan Ungar (Gridlocked). Doch dann kam alles anders und Sony kündigte an, die Geschichte des jungen Nathan Drake mit einem jüngeren Darsteller erzählen zu wollen. In der Hauptrolle: Sony-Zugpferd Tom Holland, der die Hauptrolle in Spider-Man: No Way Home spielt – der erfolgreichsten Produktion der Company überhaupt, aber auch die anderen beiden Spider-Man-Filme mit ihm waren gewinnbringende Blockbuster. Wer mit diesem Casting Kalkül wittert, liegt vermutlich nicht daneben. Auch Mark Wahlberg war nicht die Wunschbesetzung der Fans. Die erhofften sich J.K. Simmons – der lustigerweise ebenfalls Teil des Spider-Man-Kosmos ist. Für sein Casting erntete der Film im Vorfeld überwiegend Zweifel.

Indiana Jones für die junge Generation

Im Unterschied zu den Spielen sind Schießeinlagen und langwierige Klettersequenzen eher selten bis gar nicht Teil des Abenteuers. Das liegt selbstverständlich daran, dass die spielerischen Elemente nur bedingt für Filmaugen geschaffen sind und narrativ nicht viel hergeben. Nämlich die mechanischen Ziele der Spiele (Hinweis A, Gegenstand B, Gewinn C) müssen mit persönlichem Einsatz unterfüttert werden, um nicht zu langweilen. Mit Controller in der Hand macht das definitiv Spaß, die filmische Fassung fühlt sich zunächst einmal abgespeckt an. Denn: Innovation sucht man vergeblich, sofern man sie denn wirklich suchen möchte. Das liegt vor allem an dem Stoff selbst. Als Videogame kennt Uncharted nur einen Konkurrenten: Die Tomb Raider-Reihe. Beide haben es über die Jahre geschafft, sich in friedlicher Ko-Existenz nicht in die Quere zu kommen. Es haben sich eben Fan-Lager gebildet, die zumeist zwar einen Favoriten besitzen, sonst aber die Vorzüge beider Reihen auskosten. Filmisch muss Uncharted hingegen mit allen Action-Abenteuer-Produktionen der letzten 40 Jahre mitziehen. Insbesondere freilich mit Indiana Jones, einer Reihe, die ihr Genre maßgeblich prägte. Es wird also gerätselt, geballert, gerungen und geschwungen, doch erzählerisch passiert in den wenigsten Szenen etwas, was die an sich schon dünne Handlung voranbringt.

Einmal durchs Abenteuer-Genre schwelgen

Richtig daneben gegriffen hat das Drehbuch allerdings mit dem Humor: Häufig greift die Pointe schlicht nicht und Wortwitze wollen schnell wieder vergessen werden, ehe man darüber nachzudenken beginnt. Uncharted wäre gerne so gerne locker-leicht unterwegs, wirkt in zu weiten Strecken aber deutlich um Lockerheit bemüh. Die vielen Schnitte und Action-Sequenzen tun ihr Bestes, um davon abzulenken, dass der Film oftmals logisch auf der Strecke bleibt. Mit viel Over the Top-Action (das Finale sprengt jegliche Vorstellkraft!) geht es sehr geradlinig aufs Finale zu. Nebenschauplätze werden nicht eröffnet. Wieso auch? Mittels Rückblende gibt es eine Einführung in die Vorgeschichte der Drake-Brüder. Das muss dann reichen für die Charakterisierung, weiter wird nicht an der Oberfläche gekratzt. Damit es nicht zu einseitig wird, findet eine frühe Einführung der wenig durchschaubaren Diebin Chloe Frazer (Sophia Ali, Wahrheit oder Pflicht) statt, die für Pfeffer sorgt, wenn es darum geht, den Männern Paroli zu bieten. Weiter erwähnenswert ist mit Jo Braddock eine Originalfigur, die in den Spielen nicht auftaucht und zu den erzählerischen Schwachpunkten zählt. Der von Tati Gabrielle (Chilling Adventures of Sabrina) verkörperten Figur nimmt man einfach weder ihren Einfluss noch ihre Glaubwürdigkeit ab. So oder so wird schnell der Eindruck erweckt, als habe man einfach nur noch einen weiteren weiblichen Charakter benötigt, da von einer Elena Fisher (noch) jede Spur fehlt und Santiago Moncada allein kaum im Gedächtnis bleibt.

Fazit

Vor allem Marvel-Fans könnten ein Problem mit Tom Holland als Nathan Drake haben, dessen Figur ebenso hätte Peter Parker heißen können. Vertraute der Spiele dürfen sich über einige Easter-Eggs freuen, aber sollten sich auf einen Nathan Drake aus einem Paralleluniversum einstellen, dem es gelingt, viele Absurditäten wegzuspielen. Die globale Schatzjagd macht grundsätzlich Spaß. Wenn eines das Aushängeschild der Uncharted-Reihe ist, dann sind das die Postkartenmotiv-Schauplätze und ihre dynamischen Situationen, in denen sich Nate stets wiederfindet. Dieses Gefühl transportiert der Film spielend und dank der großen Energie, die Tom Holland und Mark Wahlberg an den Tag legen, kann man der Produktion auch keinen fehlenden Vorwärtsdrang vorwerfen. Spannend ist die Frage, welchen Stoff zukünftige Teile adaptieren sollen. Uncharted verbrät eine ganze Menge aus sage und schreibe vier Spielen: Die grobe Struktur stammt aus dem ersten Teil. In Uncharted 2 kommt Chloe Frazer hinzu, die größte Action-Szene im Frachtflieger ist Uncharted 3 entliehen und Vorgeschichte wie das epische Finale stammen aus Uncharted 4. Das Drehbuch wirft einfach alles durcheinander, strebt eine Kompilation an, kümmert sich aber auch nicht wesentlich darum, ob das alles zusammenpasst. Abenteuerfilm-Fans bekommen einen soliden Titel kredenzt. Treue Fans der Reihe schauen sich den Film sicherlich aus Neugier an, doch die Wahrscheinlichkeit, trotz geringer Erwartungen enttäuscht zu werden, ist sehr hoch.

© Sony Pictures

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Ayla
Redakteur
26. Februar 2022 17:48

Grundsätzlich ist mein Eindruck ja ähnlich wie vor vier Jahren beim Tomb Raider-Film: Weder hervorstechend gut noch besonders innovativ, aber dafür ausgesprochen unterhaltsam. Wobei ich bei der Tomb Raider-Verfilmung Alicia Vikander überzeugender finde als jetzt Tom Holland, auch wenn ich ihn mag, weil er sich während des Filmes einfach nicht ganz wie ein Nathan Drake angefühlt hat. Aber gut, ist ja auch schwierig, wenn man mit der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft schon seit ein paar Jahren eine große Rolle verkörpert. Zu oft hat er sich für mich aber einfach wie ein Peter Parker angefühlt.

In jedem Falle hat mir der Film sehr viel Spaß gemacht, insbesondere das Finale war wirklich cool. Da bin ich wohl simpel gestrickt, viele wagehalsige Stunts, Explosionen & co. gefallen mir einfach xD Aber klar, viel Tiefgang ist da nicht vorhanden, gerade wie schnell es zur Sache geht, hat mich schon etwas verwundert. Da hatte ich erwartet, dass zumindest Nate noch etwas mehr Zeit zur Charakterisierung gegeben wird. Vor allem Nathan und Chloe hatten ja schon ziemlich coole Szenen als Duo, da ist es nicht schlecht, dass man Chloe eben früher einen Auftritt spendiert hat. Jo Braddock empfand ich allerdings auch als recht unglaubwürdig und gezwungen, aber als Antagonistin war sie schon noch okay. Der Fokus lag ja eh mehr auf Action und Abenteuer.