Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

Die Meinungen in Australien zu Ned Kelly gehen auseinander: Die einen verurteilen ihn als Verbrecher, die anderen verehren ihn als Volkshelden. Der 1880 hingerichtete Edward Kelly (genannt “Ned”) wurde Australiens berühmtester Bushranger. Zur Volkslegende wurde er aber, als er sich mit seiner Gang gegen die britische Kolonialmacht in selbstgebauten Stahlrüstungen wehrte. Die Filmbiografie Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang basiert auf dem Roman Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang von Peter Carey. Trotz seines Titels ist der Film zu weiten Teilen fiktiv gehalten und eben so ‘wahr’, wie historische Aufzeichnungen es zulassen. Mit Assassin’s Creed machte sich Regisseur Justin Kurzel mehr Feinde als Freunde, also kann es nur noch besser werden. Zwar konnten deutsche Zuschauer die Leinwand-Erfahrung nur auf den Fantasy Filmfest Nights machen, können den Titel aber August 2020 auf Blu-ray und DVD nachholen.

 

Australien, 1860. Die Kellys leben am Existenzminimum und als dann auch noch der Familienvater stirbt, werden die Zukunftsaussichten nicht rosiger. Ellen (Essie Davis, Der Babadook) kann ihre Kinder dank wechselnden Liebhabern durchfüttern. Einer davon ist Harry Power (Russel Crowe, Gladiator), dem sie ihren ältesten Sohn Ned (Orlando Schwerdt) anvertraut. Er soll dem Gesetzlosen als Gehilfe dienen, gerät aber schließlich auf eigene Faust mit dem Gesetz in Konflikt. Nach Absitzen einer Haftstrafe ist der Wille zwar vorhanden, ein tadelloses Leben zu führen, doch der mittlerweile junge Mann (George McKay, 1917) wird bald eines Besseren belehrt …

Unwahre Punk Rock-Western-Ballade

Originaltitel True History of the Kelly Gang
Jahr 2019
Land Australien
Genre Drama
Regie Justin Kurzel
Cast Ned Kelly: George MacKay / Orlando Schwerdt
Ellen Kelly: Essie Davis
Harry Power: Russell Crowe
Constable Fitzpatrick: Nicholas Hoult
Sgt. O’Neil: Charlie Hunnam
Dan Kelly: Earl Cave
Mary Hearn: Thomasin McKenzie
Joe Byrne: Sean Keenan
Laufzeit 124 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 20. August 2020

Peter Carey ist einer von fünf Autoren, denen es mehr als nur einmal gelang, den Booker Prize (den wichtigsten britischen Literaturpreis) zu gewinnen. Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang ist eines seiner beiden ausgezeichneten Werke. Auch wenn der Titel anderes suggeriert, weist bereits die erste Einblendung darauf hin, dass die Faktenlage hier eher lose interpretiert wird. Viel stärker geht es um das Lebensgefühl des Ned Kelly und wie dieser über drei Phasen (Kind, Jugendlicher, Mann) zu der Person wurde, als die er schließlich starb. Zu diesem Lebensstil gehören Punk-Rock, Selbstzerstörung und jede Menge unsympathische Zeitgenossen. Mit einem Biopic hat das wenig zu tun, viel stärker kommen Freunde rauer Western-Titel auf ihre Kosten.

Täter oder Opfer – gibt es da einen Unterschied?

Das Drehbuch lässt offen, ob Kelly nun Täter oder Opfer ist. Mit Einblick in seine Kindheit wird alles relativiert, sodass es am Ende am Zuschauer hängt, sich auf einer von beiden Seiten einzuordnen. Kommentiert wird dies jedenfalls nicht durch das Drehbuch, und für Zuschauer ist die viel spannendere Frage, ob ein Kind, das unter diesen Umständen aufwächst, überhaupt jemals eine Chance hatte, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Dahinter steckt auch die Tragik der Figur: Obwohl Ned Kelly gewillt ist, einen besseren Weg einzuschlagen, versagt er schließlich dann doch wieder, wenngleich der erste Schritt bereits getan war. Sonderlich actionreich geht es allerdings nicht zu und wer auf knackige Shoot-outs hofft, ist mit diesem Film ohnehin falsch beraten. Zwar sind die Gewaltspitzen alles andere als subtil, aber eben auch recht kurz und meist mit Dialog versehen. MacKay bringt dafür vollen Körpereinsatz, denn ist er erst einmal in Rage, entgleisen ihm die Gesichtszüge und sein drahtiger Körper erzeugt erst einmal eine Wirkung, die für sich steht.

Fragen über Fragen

Zu der ungewöhnlichen Präsenz des Hauptcharakters gesellen sich weitere Szenen, die Fragen aufgeben. Teilweise drängt sich die Fragestellung auf, ob die Handlung wirklich im 19. Jahrhundert spielt, so modern die Kleidung der Figuren teilweise ausfällt und eher nach Entwürfen der 70er Jahre-Disco anmutet und so sauber die Darsteller selbst in den dreckigsten Szenen aussehen. Die Hochglanz-Optik trägt dabei nur bedingt zu einem glaubhaften Gesamtbild bei, wenngleich sie vor allem bei den Fahrten durch die kargen Landschaften überzeugt. Daneben gesellt sich der homoerotische Subtext, der vor allem in Szenen mit Nichoulas Holt (X-Men: Erste Entscheidung) zugegen ist. Die Anzahl nackter männlicher Oberkörper, erotischen Posen und kumpelhaften Berührungen fällt stärker als gewohnt ins Gewicht, sodass sich die Einladung zur Interpretation von selbst ausspricht. Wenn die Kelly-Gang schließlich in Kleidern (!) auftritt, ergeben sich endgültig dicke Fragezeichen. Laut Peter Carey wurde dieser Aspekt von irischen Verbrecherbanden inspiriert, sodass hierdurch eine Verbindung zu Ned Kellys Wurzeln hergestellt werden sollte.

Die größte Stärke: Der Cast

An der darstellerischen Front überzeugt insbesondere Russel Crowe mit seiner dominanten Präsenz als zwielichter Harry Power, aber auch Charlie Hunnam und der junge Orlando Schwerdt drücken dem Titel ihren Stempel auf. Der für üblicherweise auf positive Rollen gebuchte George MacKay bringt den nötigen Wahnsinn auf, um seinen Charakter Ned zu einer unberechenbaren Figur zu machen, bei der mit allem zu rechnen ist. Als Gast-Darsteller ist auch die Indierock-Legende Nick Cave noch zu erwähnen, der die Rolle des Dan spielt. Bei soviel männlicher Überpräsenz kann nur noch Thomasin McKenzie (Jojo Rabbit) als Mary mithalten. Ein fiktiver Charakter, der Ned dazu bringt, seine Geschichte festzuhalten und somit die Erzählung der Geschehnisse des Films überhaupt zu ermöglichen.

Fazit

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang ist ein mitreißend umgesetztes Drama, das in seiner zweiten Hälfte deutliche Längen aufweist und wesentlich zu lang geraten ist. Die eigenwillige Mischung aus Drama und Western weiß aus Produktionssicht zu überzeugen, lässt narrativ aber viel Luft nach oben. Das unausgeglichene Pacing erweist sich als Zerreißprobe. Mal kann es gar nicht langsam genug gehen und dann überschlagen sich die Ereignisse regelrecht. Es bedarf Zeit, Geduld und vor allem auch den richtigen Erwartungen, um an Outlaws seine Freude zu haben.

© Koch Films

Ab dem 20. August 2020 im Handel erhältlich:

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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