The Vigil – Die Totenwache

Blumhouse Productions ist ein Beispiel für ein Studio, das mit wenigen Mitteln äußerst profitable Horrorfilme dreht. Immer wieder erhalten Regie-Debütanten die Möglichkeit, ihre Drehbücher ohne Überarbeitung des Studios direkt umzusetzen. Ein solcher Regie-Neuling ist auch Keith Thomas, dessen Ansatz es war, mit The Vigil – Die Totenwache einen Horrorfilm zu drehen, der viele frische Ansätze mitbringt. Das beginnt bei der Geschichte des Protagonisten, der Jude ist, und hört auf bei der Mythologie hinter dem Bösen, welches ebenfalls dem jüdischen Glauben entspringt. Dass ein Horrorfilm auch ernst an das Thema Tod herangehen kann, erleben wir viel zu selten. Alleine deswegen schon ist The Vigil – Die Totenwache einen Kinobesuch wert. Nach der Premiere auf den Fantasy Filmfest Nights 2020 erscheint der Titel am 23. Juli regulär in den Lichtspielhäusern.

 

Brooklyn, USA: Um sich an die großen christlichen und multikulturelle Gesellschaft anzupassen, besucht der Jude Yavoc (Bomb City) eine Selbsthilfegruppe. Er hat den Glauben verloren und kann sich deswegen mit seiner eigenen chassidischen Gemeinde nicht mehr identifizieren. Der Auslöser dafür ist der Tod seines jüngeren Bruders, der Schuldgefühle in ihm auslöste und seine mentale Verfassung instabil werden ließ. Eines Tages erhält Yavoc von seinem Rabbi (Menashe Lustig) das Angebot, als Schomer die nächtliche Totenwache für ein verstorbenes Gemeindemitglied zu übernehmen. Er stimmt nach längerer Überlegung schließlich widerwillig zu, immerhin benötigt er Geld. Kurz nach seiner Ankunft im Hause der älteren Witwe (Lynn Cohen, Die Tribute von Panem: Catching Fire) stellt er fest, dass die Dame augenscheinlich verwirrt ob des Todes ihres Mannes ist. Außerdem scheint etwas nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Yavoc nimmt Poltergeräusche und andere Unruhen wahr. Allen Anzeichen nach ist er nicht alleine mit der Frau und ihrem verstorbenen Mann …

Frischer Wind im Haunted House

Originaltitel The Vigil
Jahr 2019
Land USA
Genre Horror
Regie Keith Thomas
Cast Yakov Ronen: Dave Davis
Rabbi Shulem: Menashe Lustig
Sarah: Malky Goldman
Mrs. Litvak: Lynn Cohen
Mr. Litvak: Ronald Cohen
Dr. Kohlberg: Fred Melamed
Laufzeit 88 Minuten
FSK

Haunted House-Filme stellen ein lukratives Geschäft dar: Gedreht wird zumeist an einer Örtlichkeit, während die Anzahl der Sprechrollen begrenzt ist. Dadurch spart die Produktion immense Kosten und die Gewinne fallen umso größer aus. Auch The Vigil – Die Totenwache fällt in dieses Produktionsschema. Um den Erwartungen des Zuschauers jetzt noch gerecht zu werden, müssen also frische Ideen her. Natürlich hätte Keith Thomas für sein Debüt auch den x-ten Film der Marke “Familie zieht in ein neues Haus und wird mit Geistern konfrontiert” erzählen können. Doch für seine Geschichte befasste er sich mit dem jüdischen Glauben und zog daraus Inspiration für gleich zwei Filme, von denen einer The Vigil wurde. Der Input der jüdisch-orthodoxen Community stellt dabei noch Neuland für einen Großteil der Zuschauer dar, schließlich ist über Glaubensgemeinschaften jenseits des Christentums wenig bekannt und vor allem noch weitaus weniger bislang in Filmen erzählt worden. Für eine authentische Darstellung wurde auch Menashe Lustig als Darsteller verpflichtet, dessen Lebensgeschichte in dem Film Menashe verfilmt wurde und große Anerkennung erhielt.

Viele Ängste bleiben ungesehen

Aber nicht nur das Judentum, sondern auch seine Zeit als medizinischer Assistent, als er mehrere an Demenz und Alzheimer erkrankte Menschen therapierte, inspirierten Keith Thomas zu seinem Drehbuch. The Vigil bemüht sich redlich, nicht einfach nur der nächste Jump-Scare-Grusler zu sein, sondern auch eine Geschichte erzählen, die sich Zeit für ihre Figuren nimmt. Zunächst etwas behebig wirkt Yavoc, der sich irgendwo zwischen “Steinzeitmensch entdeckt die neue Welt” und “könnte-durchaus-so-sein” einpendelt. Er muss erst einmal Google befragen, wie man mit Frauen spricht, und ist auch im Umgang mit anderen Menschen unbeholfen. Das macht ihn zu einem einfachen Opfer. Für die Umwelt sowie das Böse, das sich in dieser Nacht manifestiert. Der dafür vorgesehene Dämon nähert sich von Schmerz und spielt mit seinen Opfern. Trickreich und hinterhältig führt er sein Opfer vor, um seine Überlegenheit immer wieder zu demonstrieren. Metaphorisch hat sich Keith Thomas dabei einiges vorgenommen: Die Motive seiner Geschichte sind Religion, Psychosen, Schuldkomplexe und männliches Selbstbewusstsein. Eine anspruchsvolle Mischung, der das Drehbuch im Rahmen des Genres allerdings gerecht wird.

Die Atmosphäre ist der Handlung voraus

Es ist weniger der Dämon selbst, als viel eher die kleinen Fallen, Creep-Momente und die klassischen Soundspielereien, die The Vigil seine gruselige Note verleihen. Als Geisterbahn steht der Titel The Conjuring und Konsorten in nichts nach und vollführt eine solide Arbeit, wenn es darum geht, die Zuschauer immer wieder mittels schnellen Schritten zu erschrecken. Kameramann Zach Kuperstein (The Eyes of my Mother) fängt in dem kleinen Setting stimmungsvolle Bilder ein und holt aus den spärlichen Lichteinflüssen das Meiste heraus. Das Sound Design bietet das für Titel dieser Art übliche Potpourri an Poltern, Knarzen und Knacken, erzeugt aber auch ekelerregende Geräusche (Stichwort Fingernägel). Stimmungsvoll atmosphärisch ist das Resultat ohne Zweifel. Nur die Handlung kann nicht Schritt halten und gerade im Finale flacht die Spannungskurve zugunsten der Symbolik deutlich ab. Bis zu diesem Punkt gelingt es Dave Davis und Lynn Cohen allerdings, die Story mit ihrer starken Leistung zu stemmen.

Fazit

The Vigil – Die Totenwache ist ein beklemmender Dämonen-Grusler, der innerhalb seiner Nische positiv hervorsticht und nicht einfach nur auf einer Aneinanderreihung von Schockmomenten setzt, sondern sich um Handlung und Charaktere kümmert. Die ernste Herangehensweise an die Thematik ist dabei mehr als passend und bringt genügend Fingerspitzengefühl mit, wodurch der Titel zu den seriöseren Horrorfilmen zählt, die vollkommen auf Humor oder Trash-Elemente verzichten. Bis zum Schluss eine stimmig erzählte Geschichte ohne klischeehaften Abgang. Alles in allem erfindet der Film das Rad gewiss nicht neu, stellt aber einen soliden Genre-Beitrag dar, der sich dank seiner Handlung und Figuren frisch anfühlt.

© Wild Bunch

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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