The Rescue

Die chinesische Filmindustrie ist längst darauf erpicht, nicht mehr nur für den inländischen Markt zu produzieren, sondern die Welt zu erobern. Im Jahr 2022 befinden sich bereits drei chinesische Produktion in der Box Office-Top 100 der weltweit erfolgreichsten Titel. The Rescue von Chinas erfolgreichstem Action-Regisseur Dante Lam (Operation Red Sea) ist ein wunderbares (und auch mit Vorbehalt zu genießendes) Showcase dafür, was China in punkto Blockbuster-Action auf die Beine zu stellen weiß und sich die Leistungsfähigkeit keinesfalls hinter US-Größen verstecken muss. Wie eine perfekt geölte Maschine donnerte der über ganze fünf Jahre produzierte Rettungseinsatz-Reißer über die die Fantasy Filmfest Nights 2022. Eine deutsche Veröffentlichung steht bislang noch aus.

 

Captain Gao (Eddie Peng, Rise of the Legend) führt eine Elite-Rettungseinheit der chinesischen Küstenwache. Aufopferungsvoll schießt der alleinerziehende Vater dabei auch mal über das Zeug hinaus. Tauchen, klettern, fliegen, schwimmen, sprengen: Was seine Truppe leistet, ist nahezu übermenschlisch. Für den Einsatz einer größeren Mission muss das Team allerdings lernen, an einem Strang zu ziehen und persönliche Konflikte erst einmal zurückstellen.

Höher, schneller, weiter und wahnsinnige Set Pieces

Originaltitel The Rescue
Jahr 2020
Land China
Genre Survial-Action, Drama
Regie Dante Lam
Cast Gao Qian: Eddie Peng
Zhao Cheng: Wang Yanlin
Fang Yulling: Xin Zhilei
Laufzeit 138 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

The Rescue bietet keinen ausufernden Plot und kein großartiges Ziel, das es zu erreichen gilt. Es ist ein Showcase, das sanft in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, die sich aus dem Alltag ergibt. Gezeigt werden Extremsituationen aus dem Leben von Captain Gao und seiner stets einsatzbereiten Crew, welche durch die Bank spektakulär in Szene gesetzt sind. Explosionen? Check. Set Pieces als echte Hingucker? Check. Last-Minute-Rettungen? Check. The Rescue hakt eine lange Checkliste aller Elemente ab, die man in solch einem Film sehen möchte. Das ist Lieferung auf Bestellung, die Erfüllung sämtlicher Erwartungen. Es ist auch beeindruckend, dass der Cast viele Stunts selbst drehte und die Trainings dadurch eine realistischere Note bekommen. Wie man es sich bereits denken kann, kommt es angesichts all des Bombastkinos zu massivem CGI-Einsatz. Die Qualität dessen schwankt von beeindruckend bis hin zu horrend in Szene gesetzt (das beste Beispiel dafür ist eine Bohrinsel, die den Zuschauer:innen direkt zu Beginn um die Ohren fliegt).

Zwischen Menschlichkeit und Melodrama

Was Europäer:innen immer wieder an asiatischen Produktionen sauer aufstößt, sind vor allem zwei wesentliche Punkte: Ein Höchstmaß an Overacting (davon kann sich The Rescue weitgehend freisprechen) und eine Überdosis Melodram, die gerne auch als Kitschladung getarnt daherkommt. Letzteres ist in diesem Film überpräsent. Das ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass die Rettungseinsätze allesamt eine ziemliche Fallhöhe besitzen – hier geht es immerhin um nicht weniger als Leben und Tod. Auch wenn immer im Hinterkopf bleibt, dass die Figuren als Landesvertreter doch verdammt nochmal heldenhaft zu sein haben, nimmt man dem charismatischen Eddie Peng voll ab, dass er jederzeit sein Leben für ein anderes geben würde. So oder so: Peng schultert den gesamten Film mit absurder Leichtigkeit. Es ist deshalb auch ein guter Kniff, viele Szenen seines Privatlebens einzubinden. Denn er ist alleinerziehender Vater eines zuckersüßen Sohns im Vorschulalter, der auf der Suche nach einer Frau für seinen Vater ist. Diese Szenen gehen ans Herz und bringen eine beeindruckende Leichtigkeit mit sich. Ein kluges Gegengewicht zu der Dramatik der Einsätze. Diese Slice of Life-Szenen funktionieren derart gut, dass sie auch als alleinstehender Film für sich Spaß machen würden.

Wenig subtile Staatspropaganda

Nicht unter den Tisch fallen sollte, dass China ein äußerst restriktives Land ist und der Staat seine Medien reguliert. Dementsprechend unterliegt The Rescue in allen Punkten den politischen Richtlinien und China wird ausschließlich positiv dargestellt. Hippe Szeneviertel, hochtechnologisiert, zusammenhaltendes Volk, Mensch und Maschine im Einklang. Hier läuft alles schnörkellos und sämtliche Figuren vertreten dieselben Ideale. Mehr Verweigerung der Realität geht kaum. Beispielhaft verdeutlicht wird dies auch in einer Szene, in der zwei Männer kurz vor dem Erfrieren sind, sich aber zieren, zusammen zu rücken. Denn zwei ‘kuschelnde’ Männer in einer chinesischen Produktion … nicht dass da noch jemand Homosexualität in den Kontext bringt. Man mag davon halten, was man möchte. Das sind die Spielregeln, auf die man sich bei einer Produktion dieser Größenordnung aus China einlässt. Es geht darum, das Land so blitzsauber wie nur möglich auf dem Weltmarkt zu repräsentieren. So wirkt auch die Existenz einer (na immerhin!) weiblichen Figur, Helikopter-Pilotin Fang Yulling, wie ein Entgegenkommen. Von wegen: Seht mal, sogar Frauen werden gleichwertig abgebildet! Wenn dem nur mal so wäre.

Fazit

The Rescue ist ein Adrenalin-Cocktail, der staunen lässt. Bombast-Kino der obersten Liga und eine Art Visitenkarte, dass sich China hinter keinem anderen Land der Welt verstecken muss, wenn es um Kinnlade-Runter-Produktionen geht. Dagegen kann ein Großteil von Hollywoods Katastrophenfilmen einpacken! Nur auf inhaltlicher Ebene reißt The Rescue keine Bäume, so sehr die Vater-Sohn-Szenen auch ans Herz gehen. So attraktiv und charismatisch der Cast ist, so niedlich die Kinder auch sind – auf inhaltlicher Ebene passiert wenig, das mehrfaches Ansehen rechtfertigen würde. Grundsätzlich lohnt es sich aber, sich einmal ein Bild von dieser Produktion zu verschaffen. Denn sie ist das beste Beispiel dafür, wie China sich repräsentiert sehen möchte. Nicht zuletzt ist Eddie Peng eine echte Sensation.

© Indeed Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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