The Reckoning

Neil Marshall ist ein Regisseur der Achterbahnfahrten: Für The Descent – Abgrund des Grauens und Dog Soldiers wird er geliebt, für Tales of Halloween fuhr er Kritik ein und Hellboy – Call of Darkness floppte künstlerisch wie finanziell. Auch in The Reckoning zeigt er sich wenig verlässlich: Seine mittelalterliche Hexenjagd bewegt sich auf mittelprächtigem TV-Niveau und erweckt den Anschein, als ginge es ihm einzig darum, seine Verlobte Charlotte Kirk (How to be Single) in Szene setzen zu wollen. Ein klassisches Eitelkeitsprojekt, das nur wenige Anhänger finden dürfte. Deutsche Zuschauer konnten sich auf dem Fantasy Filmfest 2020 ein Bild davon machen.

1665, England: Die Pest hat die Stadtmauern eingenommen und auch den Mann von Grace Haverstock (Charlotte Kirk) rafft es dahin. Mit der gemeinsamen Tochter im Babyalter lebt sie fortan alleine in der kleinen Hütte und kann kaum ihre Miete bezahlen. Der Ehering ist der letzte Wertgegenstand, der noch etwas einbringt, und die Avancen des Vermieters Pendleton (Steven Waddington, HALO: NIGHTFALL), den Rückstand in Naturalien zu begleichen, lehnt sie ab. Der lässt die Abfuhr nicht auf sich sitzen und setzt das Gerücht in die Welt, Grace sei eine Hexe. Diese wehrt sich vehement gegen die Anschuldigung, kann als alleinstehende Frau aber auch nichts ausrichten und landet im städtischen Kerker. Nach einer Folter, bei der sie sich weigert, sich einer Unwahrheit zu bekennen, empfängt sie plötzlich Satans Stimme …

Kerkerschaft hinterlässt nicht immer Spuren

Originaltitel The Reckoning
Jahr 2020
Land Großbritannien
Genre Fantasy
Regie Neil Marshall
Cast Grace Haverstock: Charlotte Kirk
Joseph: Joe Anderson
Steven Waddington: Pendleton
Satan: Ian Whyte
Moorcroft: Sean Pertwee
Ben Tuttle: Cal MacAninch
Laufzeit 111 Minuten
FSK unbekannt
Bislang keine Veröffentlichung bekannt

The Reckoning lehnt sich nur lose an historische Begebenheiten an und verwendet sein mittelalterliches Setting für einen (viel zu) modern angehauchten Female Revenge-Thriller. Marshall zog gleich in vielerlei Hinsicht die Fäden selbst: Drehbuchautor, Regie, Produzent und Cutter in Personalunion. Für die Hauptrolle besetzte er Charlotte Kirk, die ein Jahr zuvor durch ihre sexuellen Affären mit einflussreichen Personen der Filmbranche durch die Presse ging, ehe sie mit Marshall zusammenkam. Somit mag die Entscheidung für ihre Besetzung aus seiner Sicht vielleicht nachvollziehbar erscheinen, aus externer Perspektive wirft sie Fragen auf. Denn The Reckoning bemüht sich nicht einmal um Authentizität, solange Charlotte Kirk in nahezu jeder Einstellung makellos geschminkt mit gezupften Augenbrauen und perfekt frisiert auftreten darf. Egal, ob sie seit Wochen in einem dreckigen Verlies sitzt oder gerade gefoltert wurde, die Frisur sitzt und das Gesicht kommt mit Schmutz nicht einmal ansatzweise in Berührung. Dieses blitzsaubere Auftreten drängt sich förmlich unangenehm auf, wenn alle anderen Inhaftierten um sie herum im Dreck zu ersticken scheinen, Grace aber wie aus dem Ei gepellt in ihrer Zelle fristet. Allmählich drängt sich hier der Verdacht auf, dass Charlotte Kirk einfach möglichst ästhetisch in Szene gerückt werden will. Und dieser Verdacht soll sich im Laufe der 111 Minuten verhärten, wenn mehrfach ihr nackter Körper plakativ zur Schau gestellt wird, die mimischen Fähigkeiten aber schnell an ihre Grenzen stoßen. Die Kamera huldigt ihr, die anderen Darsteller verkommen zu Stichwortgebern.

Mittelalter auf TV-Niveau

Ähnliches trifft auf die Kulissen zu: The Reckoning wirkt dafür, dass die Pest das Volk dahinraffen lässt, in vielen Einstellungen einfach viel zu sauber. Die Kulissen sehen eben nach Kulissen aus, wenig nach dem ernsthaften Bestreben, die Zuschauer in ein glaubhaftes Setting in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eintauchen zu lassen. Auch die Bilder von Kameramann Luke Bryant können nicht davon ablenken und machen den Look noch altbackener: Eine der höher budgetierten Folgen von Xena – Die Kriegerprinzessin sieht nur minimal schlechter aus als das, was Marshall hier auf die Beine gestellt hat. Zu allem Überfluss will der pompöse Score noch Prunk und Epik vermitteln. Das Resultat: The Reckoning erweckt stellenweise den Eindruck, eine Parodie sein zu wollen. Doch Neil Marshall meint das alles ernst.

Abseits der kitschigen Inszenierung …

Lässt man diese produktionstechnischen Aspekte einmal beiseite, wird es aber auch auf inhaltlicher Ebene haarsträubend: Die Inszenierung von Graces Geschichte könnte plumper kaum sein. Man möchte meinen, dass Frauen im Mittelalter denselben Stellenwert wie heute hatten, so sehr wie Grace rebelliert. The Reckoning würde nur zu eine Alternative zu Filmen wie Witchfinder General darstellen, bewegt sich aber eher auf dem Niveau von Die Wanderhure. Selbst die Anflüge des Hexen-Horrors erweisen sich als laues Lüftchen: Ein bisschen Nebelmaschine hier, ein wenig Alptraum-Sequenz dort. Unterm Strich kommt wenig dabei herum, was nun auf das eigentliche zentrale Hexen-Thema einzahlen würde. Denn Grace profitiert nur von Zufällen um sich herum, die ihr in überkonstruierter Weise entgegenschlagen. Das hat mit Hexerei oder Magie gar nichts zu tun und auch die Szenen, die das Thema Folter zum Sujet machen, hinterlassen keine Spuren. Weder optisch, noch charakterlich. Für Horror-Freunde mit Hang zur Exploitation gibt es ebenfalls nichts zu schauen, da immer wieder weggeschnitten wird, wenn es zur Folter durch die Inquisition kommt. Nach kurzen Leidensphasen ist Grace immer wieder selbstbewusst, strahlend und schön. Und mit perfektem Mascara.

Fazit

The Reckoning versagt auf ganzer Linie und es ist selbst beim aller objektivsten Umgang mit dem Streifen eine Herausforderung, positive Facetten zu highlighten. Fairerweise muss man sagen, dass aus vielen Komponenten wohl einfach aus budgetären Gründen nicht viel herauszuholen war. Kaum erklärbar ist aber, wieso der Originalschauplatz – eine Burg in Ungarn – aussieht wie klassische 90er Jahre-Mittelalter-Kulisse. Reichte hier das Budget ebenfalls nicht für eine zeitgemäße Ausstattung? Und dann kommen noch all die fraglichen Entscheidungen hinzu, welche die Personalie Kirk betreffen. Weder besitzt sie die schauspielerische Klasse, eine solche Rolle zu stemmen, noch wirken ihre Bemühungen glaubhaft. Außer eben dann, wenn die Regie – namentlich Marshall – möchte, dass sie beispielhaft in Szene gesetzt wird. Alles, nur kein wertvoller Genre-Beitrag zum Thema Hexenverfolgung.

© capelight pictures

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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