The Other Lamb

Die Faszination männlicher Führungsfiguren, denen es gelingt, mit Worten Gefolgschaften um sich herum aufzubauen, wurde immer wieder Gegenstand der Geschichte. Ob fragwürdige Sekten wie die von David Miscavige gegründete Scientology oder kriminelle Kolumnenanführer wie Charles Manson: Häufig sind es charismatische Führer, die andere von ihrer Ideologie überzeugen können. Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska (Die Maske) inszenierte mit ihrem ersten englischsprachigen Film The Other Lamb als Psycho-Drama, bei dem der Horror den zwischenmenschlichen Beziehungen entspringt. Auf den Fantasy Filmfest Nights 2020 stellte der Film den wohl ruhigsten Beitrag dar.

Eine isolierte Gemeinschaft lebt tief in den Wäldern. Ein Leben fernab der Zivilisation und in religiösem Wahn. Im Mittelpunkt: Der Hirte (Michiel Huisman, Für immer Adaline). Das Leben der ausschließlich aus Frauen bestehenden Sekte dreht sich nur um ihn. Als Messias regiert er die Gruppe und setzt die Frauen dabei unter Druck. Zu ihnen zählt auch die 15-jährige Selah (Raffey Cassidy, Vox Lux). Als sie eines Tages Visionen heimsuchen, beginnt sie die Dinge zu hinterfragen und die Welt um sie herum beginnt zu bröckeln. Ist der Hirte vielleicht wirklich nicht der Erlöser? Während die nach einer Heimat suchende Gruppe ihrem Führer aufs Wort gehorcht, distanziert Selah sich immer stärker von ihrem Glauben …

Die Pubertät als wahrer Horror

Originaltitel The Other Lamb
Jahr 2019
Land Irland, Belgien, USA
Genre Psycho-Drama
Regie Malgorzata Szumowska
Cast Selah: Raffey Cassidy
Hirte: Michiel Huisman
Esther: Mallory Adams
Hannah: Kelly Campbell
Adriel: Eve Connolly
Eloise: Isabelle Connolly
Tamar: Ailbhe Cowley
Tabatha: Zara Devlin
Laufzeit 97 Minuten
FSK unbekannt
Veröffentlichung: unbekannt

Wenn ein Kind zum Erwachsenen wird, werden viele Dinge auf den Kopf gestellt und kritisch hinterfragt. Während neue Eindrücke auf einen einprasseln und alte Ansichten plötzlich in ein neues Licht gerückt werden, setzt die Konfusion ein. Der Mensch im Taumel der Einflüsse seiner Umwelt. Vielleicht ein Grund, weshalb immer häufiger Coming-of-Age-Filme im Horror-Bereich angesiedelt werden. Die Drehbuchautorin Catherine S. McMullen wählte für ihre Geschichte eine Sekten-Erfahrung, in der die Hauptfigur eher durch ein psychologisches Drama geschickt wird. Gewohnheit, Ver- und Misstrauen sowie das eigene Rechtsverständnis wirken auf Selah ein. Wenn hier noch surreale Szenen hinzukommen, ist gar nicht immer eindeutig, ob diese nun tatsächlich stattfinden oder sich überwiegend im Geiste des jungen Mädchens abspielen. Raffey Cassidy sticht dabei als Hauptdarstellerin aus dem Cast heraus. Ihr Charakter ist eine Identifikationsfigur, in die man sich schnell hineinfinden kann – dankenswerterweise, denn die Handlung sorgt anderweitig eher für Distanz.

Der Schäfer und seine Lämmchen

Neben Selahs persönlicher Geschichte ist The Other Lamb aber auch eine Geschichte über die Hierarchie einer Gruppierung. Obwohl der Hirte das Zentrum bildet, existieren zwei Lager: Töchter und Ehefrauen. Nicht nur, dass beide Gruppen gegeneinanderspielen – auch untereinander dominieren Gefühle wie Neid und Missgunst, wenn es um die Aufmerksamkeit des Hirten geht. Die Faszination für den Schäfer bleibt aber etwas wenig Greifbares: Warum dieser Mann nun so besonders ist, muss man sich als Zuschauer*in irgendwie selbst zusammenreimen und die Umstände als gegeben nehmen. Demzufolge sind die Frauen einfach treudoofe Lämmer, über deren einzigen Positionswechsel innerhalb der Gruppe die weibliche Periode bestimmt. Auch andere Umstände bleiben im Verborgenen, sodass die Gruppe von außen betrachtet wenig beschreibbar bleibt.

Ereignisloses Voranschreiten mit Schwerpunkt Psychologie

Allerdings liegt zwischen Poesie und Pathos nur ein schmaler Grat und wenn später der „Shepherd“ einem Lämmchen vor nächtlicher Waldkulisse unbewegt die Kehle durchschneidet und daraufhin eine „Tochter“ ganz in Weiß mit Blut im Schritt im Walde steht, übertreibt es die Regisseurin mit ihrer Bildsymbolik etwas – da ist der Kitsch nicht weit. Was um die Gruppe herum passiert oder wie die Begleitumstände sind, ist vollkommen egal. The Other Lamb ist vollkommen mit sich selbst beschäftigt und setzt zu 100% auf Gruppenpsychologie und Lagerkoller. Wirklicher Horror in Sinne spannungsgeladener Momenten oder temporeicher Herzklopf-Augenblicke existieren nicht. Die Produktion lässt sich weniger mit dem thematisch ähnlichen Midsommar vergleichen, sondern erinnert eher an die preisgekrönte Hulu-Serie The Handmaid’s Tale.

Symbolkraft

Auf visueller Ebene entspringen die größten Qualitäten des Films: Die irischen Wälder als Schauplatz bieten eine stimmungsvolle Kulisse, die mit ihren vielen Naturimpressionen und atemberaubenden Landschaftspanoramen spielt. Der Mensch in der Natur ist hier das Motto. Anlass genug für die Regisseurin, ihre Geschichte auf symbolischer Ebene immer eine Stufe höher zu peitschen. Wenn eine junge Frau in einem weißen Kleid mit Blut zwischen den Beinen als Sinnbilder der Fruchtbarkeit Arthouse-Momente schaffen soll, endet das oft in Pathos-Momenten, welche dem Film das Image anhaften, mehr sein zu wollen, als er eigentlich ist. Auch die Ereignisse innerhalb der Gruppe werden häufig eher über Bilder erzählt, als dass die Regisseurin nun die Grausamkeiten explizit darstellen möchte. Filme wie The Sacrament etwa erlauben ihren Zuschauern einen tieferen Einblick in die Machenschaften ihrer Sektenführer.

Fazit

Ohne erkennbares Ziel und besondere Höhepunkte plätschert The Other Lamb vor sich hin. Arthouse-Fans mit Vorliebe für bildstarke Naturaufnahmen und Symbolik können einen Blick wagen, alle anderen lässt der Titel eher fragend zurück. Ein unbequemer Film, der nur dann intensiv ist, wenn man sich voll und ganz auf zwischenmenschliche Spannungen einlassen kann und nicht von einem tatsächlichen Geschehen abhängig ist.

© Trust Nordisk

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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