The Marvels

Marvels Multiverse-Saga stellt sich auch drei Jahre nach ihrem Startschuss als holprige Angelegenheit heraus, in der sich Höhen und Tiefen die Hand geben. Die Kinokassen belegen eine gewisse Abwanderung und der Druck, das Schiff noch irgendwie auf Kurs zu kriegen, ist hoch. Das am 7. Februar 2024 auf Disney+ gestartete The Marvels trägt nicht nur die Aufgabe, die Geschichten dreier Protagonistinnen zu bündeln, sondern auch das große Flaggschiff voranzutreiben. Gleichermaßen ist der Film von Candyman-Regisseurin Nia DaCosta nicht einfach nur ein Captain Marvel-Sequel, sondern setzt auch voraus, dass Kenntnisse der Serien Wandavision und Ms. Marvel vorhanden sind ‒ sonst schaut man tief in die Röhre. 

Dar-Benn (Zawe Ashton, Noctunals Animals), die Anführerin der militanten Kree und Nachfolgerin von Ronan, findet auf einem Mond einen machtvollen Armreif. Wie sich herausstellt, ist dieser nur eine von zwei Hälften. Die zweite befindet sich im Besitz von Kamala Khan (Iman Vellani, Ms. Marvel), die das Schmuckstück von ihrer Großmutter bekommen hat. Mit dem Einsatz des Armreifs öffnet Dar-Benn einen energetischen Spalt, der dafür sorgt, dass die mit Lichtkräften ausgestatteten Heldinnen Captain Marvel (Brie Larson, Raum), Monica Rambeau (Teyonah Parris, Candyman) und Kamala Khan in ein Wurmloch gesogen werden und fortan bei gleichzeitigem Einsatz ihrer Kräfte ihre Positionen tauschen. Zunächst müssen sie zusammenfinden und ihre Fähigkeiten in Einklang bringen, denn Dar-Benn dürstet nach dem zweiten Armreif, um Ressourcen für ihren Heimatplaneten Hala zu erobern. Dieser leidet nämlich seit einem Bürgerkrieg unter fehlenden Luft- und Wasserressourcen, welche sie von anderen Planeten zu besorgen beabsichtigt …

Das nächste Genre bitte: Body Swap

Originaltitel The Marvels
Jahr 2023
Land USA
Genre Action, Science-Fiction, Komödie
Regie Nia DaCosta
Cast Carol Danvers / Captain Marvel: Brie Larson
Monica Rambeau / Photon: Teyonah Parris
Kamala Khan / Ms. Marvel: Iman Vellani
Nick Fury: Samuel L. Jackson
Dar-Benn: Zawe Ashton
Prinz Yan: Park Seo-joon
Kaiser Dro’ge: Gary Lewis
Muneeba Khan: Zenobia Shroff
Yusuf Khan: Mohan Kapur
Aamir Khan: Saagar Shaikh
Laufzeit 105 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 7. Februar 2024 (Disney+)

Das Marvel Cinematic Universe (MCU) ist mittlerweile bekannt dafür, mit (fast) jedem neuen Film- oder Serieneintrag ein neues Genre zu beschreiten. The Marvels ist als Genre zwar eindeutig als actionreiche Sci-Fi-Komödie zu labeln, zumindest aber die Thematik des Körpertauschs (Body Swaps) birgt im MCU unerzähltes Story-Potenzial à la Freaky Friday. Selbstverständlich ist dies nur Aufhänger und nicht mehr als ein Entertainment-Gimmick, um am Ende alle Soll-Punkte abzuhaken, die man an einen Marvel-Blockbuster stellen darf: Action, Comedy und der seit einigen Jahren zunehmend wichtiger gewordene übergeordnete Storyaufbau. Der vorherrschende Völkerkonflikt wird allerdings nur marginal angerissen und so werden viele Themen oberflächlich behandelt, die den Eindruck erwecken, aufgrund ihrer Aktualität noch einen Platz im Drehbuch ergattert zu haben: Ein Völkerkonflikt, in dem es der westlichen Welt nicht gelingt zu vermitteln, KI-Kritik als Ursprung des Bösen, Ressourcendiebstahl im Zuge der Klimakrise. Für all das ist kein Platz, stattdessen leiten die Body Swap-Szenen diverse Kämpfe und damit verbundene Choreographien ein. Schwerpunktmäßig geht Unterhaltung vor Bedeutung und so überrascht es auch nicht, dass Katzen- und Musical-Einlagen eine größere Gewichtung erfahren als wirklich ernste Themen. An fehlender Zeit lag es mit Sicherheit nicht mit 105 Minuten handelt es sich um den kürzesten aller MCU-Filme.

Sammelsurium von Einzelaspekten

Vorausgesetzt wird, dass man aktuell und vor allem firm mit dem MCU ist. Dazu gehört auch der chronologische Vorgänger Secret Invasion. Zwar gibt es kurze Einschübe für einen Zusammenhang, aber das ist längst nicht mehr ausreichend für ein Gesamtverständnis.  Ronan, die oberste Intelligenz, der Blip von Thanos und Nick Fury (Samuel L. Jackson, Django Unchained), der eine neue Organisation im Weltall aufbaute (S.W.O.R.D.) – das alles ist nahe an den vorangegangenen Ereignissen des MCUs dran. Doch der Multiverse-Bezug stellt sich erst in der Post-Credit-Scene heraus. Der hat es allerdings in sich! Gleich zwei Szenen werfen ihre Schatten voraus und kündigen (wahrhaft!) Großes für das MCU an. Sie machen aber auch nur den Epilog des Films aus. Davor fallen Multiverse-relevante Themen in keiner Silbe. Nia DaCosta strauchelt auch damit, einen stimmigen Erzählflow zu finden. Da trifft eine weltenvernichtende Kree-Kriegerin auf eine euphorische Teenagerin, die endlich ihr Idol Captain Marvel live und in Farbe trifft, und einen Planeten, auf dem nur singend kommuniziert wird, gibt es auch noch. Sie besitzt nicht die Balance von James Gunn und Taika Waititi, die mit ihrem MCU-Filmen eine ähnliche Prämisse bedienten. So viele Themen, so viele Nuancen, so wenig Zeit. Kamala Khan (inklusive Familie) ist diejenige, die am stärksten von The Marvels profitiert, während ausgerechnet Carol Danvers wenig Screentime zugesprochen bekommt, die ihrer Entwicklung dienen. Emotionaler Ballast, der sich zwischen Carol und Monica angestaut hat, bleibt auf der Strecke, wird aber checklistenartig abgehakt.

Das alte Bösewicht-Problem

Ein altbekanntes Problem des MCUs ist das Verheizen schier identitätsbefreiter Bösewichte. Daran wurde in den letzten Jahren zwar gefeilt und insbesondere Loki ist ein Paradebeispiel für einen (vermeintlichen) Bösewicht, der eine vielschichte Persönlichkeit aufweist. Dann gibt es auch einen Helmut Zemo, einen Kang oder eine Ghost. Dar-Benn bewegt sich allerdings schon wieder auf dem Niveau von Dormammu und Kaecilius. Heißt: Außer einer Motivation (wieder eine Form von Öko-Terrorismus, Thanos lässt grüßen) ist bei ihr nicht viel zu holen. Ihre Figur bleibt sogar so furchtbar blass, dass kaum etwas von ihr in Erinnerung bleibt, außer dass sie furchtbar wichtig mit einem Hammer in den Händen herumfuchtelt und dabei grimmig dreinschaut. So oder so: Mit Charaktertiefe punktet niemand in diesem Film, der sich eher fragmentarisch zusammenfügt, um ein kurzweiliges Entertainment-Produkt zu ergeben.

Fazit

The Marvels ist eine Geduldsprobe: Warum genau muss man sich dieses Body Swap-Abenteuer antun? Sicherlich: Für seichte Unterhaltung ist gesorgt. Und wer die Figuren mag, freut sich bestimmt über ein Wiedersehen und die tolle Chemie zwischen den Darstellerinnen. Auch ist The Marvels eine Verbesserung gegenüber der CGI-Hölle aus Ant-Man and the Wasp: Quantumania. Doch all das macht keinen guten Film. Es werden viele Probleme des MCUs offengelegt. Dazu gehören die Belanglosigkeit des Drehbuchs (einen derart schwachen Plot gab es selten zuvor), gefühlt gewürfelte Komponenten sowie Entscheidungen und die fehlende Kontinuität hinsichtlich der Multiverse-Saga. Es reicht nicht aus, starke Heldinnen als Female Power Action-Blockbuster zu präsentieren, wenn man aus dem Film nichts mitnehmen darf. Leider muss auch gesagt werden, dass die beiden großen Story-Enthüllungen am Ende wie eine Entschuldigung für alles andere wirken, was man zuvor aufgebrummt bekommt. Zur Verteidigung sollte angefügt werden, dass die Dreharbeiten 2021 stattfanden und die durch die Presse gejagte Superheldenmüdigkeit damals noch kein Thema war. Für zukünftige Projekte sollten allerdings unbedingt Maßnahmen getroffen werden, um solchen Filmen kein grünes Licht mehr zu geben.

© Disney

Ayres

Ayres ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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