The Envelope

Lesezeit: 4 Minuten

Es gibt Geschichten, bei denen es verwundert, dass sie nicht schon (mehrfach) erzählt wurden. Der russische Horrorfilm The Envelope gehört zu jenen Titeln, denen man einen innovationsarmen Plot sicherlich nicht vorwerfen kann. Ein Bote, ein Brief und ein sich immer wieder ändernder Adressat. Drei Elemente, die so selbstverständlich miteinander funktionieren, als würde man ein Märchen erzählen. Und im Grunde genommen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein findiger US-Regisseur bereit erklärt, diese Geschichte einem westlichen Publikum zugänglich zu machen. Bislang hat The Envelope noch kein deutsches Release erfahren, doch interessierte Zuschauer hatten auf dem 3. Obscura Filmfest 2019 in Hannover die Gelegenheit, in die geheimnisvolle Geschichte abzutauchen.

Eigentlich ist Igor (Igor Lizengevich) nur Fahrer eines Architekturbüros. Eines Tages wird er von der attraktiven Sekretärin gebeten, doch nur mal eben einen Brief persönlich abzuliefern. Igor willigt wenig begeistert ein und bringt den Umschlag an dessen Zielort, der nur um die Ecke liegt. Dort angekommen, stellt er fest, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Entweder ist er blöd oder blind: die Adresse auf dem Couvert ist eine gänzlich andere und die seltsame Hausbewohnerin kann ihm auch nicht weiterhelfen. Die Rücksprache mit der Sekretärin schlägt ebenso fehl und der Umschlag will auf einmal an einer anderen Adresse zugestellt werden. Und das ist nicht das einzige Übernatürliche…

Nicht in jedem Fall ist der Weg das Ziel

Originaltitel Konvert
Jahr 2017
Land Russland
Genre Horror, Mystery
Regisseur Vladimir Markov
Cast Igor: Igor Lizengevich
Marina: Yuliya Peresild
Darya: Olga Medynich
Tikhon: Igor Khripunov
Laufzeit 76 Minuten

Ein bisschen märchenhaft aufgeladen ist die Prämisse von The Envelope schon. Ein Mann, eine Mission, aber das Ziel… das ist unklar. Denn es ändert sich immer wieder und an den (vermeintlich) falschen Adressen warten seltsame Begegnungen auf den jungen Boten. Da bedarf es keines Universitätsabschlusses, um festzustellen, dass hier ganz offenbart ein Mysterium gelöst werden möchte. Hier setzt der 1980 in Moskau geborene Regisseur Vladimir Markov mit seinem Erstling an, um den Zuschauer in eine Welt voller Rätsel mitzunehmen. Ganz alleine bleiben soll Igor auch nicht, weshalb ihm mit der Ermittlerin Marina (Yulia Peresild) tatkräftige Unterstützung an die Seite gestellt wird. Sie ergänzt Igor durch ihre rationale Art, denn für sie zählen einzig und allein Fakten, während Igors Neugier einfach unermesslich ist – ganz zur Freude des Zuschauers.

Versteckte Botschaften vor grauer Kulisse

The Envelope gibt sich redlich Mühe, den Zuschauer an der Irrfahrt ins Unbekannte teilhaben zu lassen. Das funktioniert nicht immer ohne Leerlauf (spätestens nach dem dritten gescheiterten Zustellversuch schleicht sich ein repetitiver Moment ein). Dafür kommt die Geschichte ohne nervige Jumpscares aus, sondern setzt auf effektiven Grusel. Also jene Schauermomente, die von alten Gebäuden und seltsamen Menschen ausgehen können. Die klassischen Elemente, die in vielen US-Produktionen zunehmend in den Hintergrund geraten. Viel dazu trägt die Optik bei. Grau- und Blaufilter dominieren das Bild. Gänge wirken endlos, Treppenhäuser schauerlich. Draußen schneit es nonstop und ohnehin schleicht sich das Gefühl ein, als sei Russland das tristeste Land der Welt. In dieser Ödnis platziert der Regisseur immer wieder kleine Elemente, die zur Bildsprache beitragen. Etwa ein Falter an einem Fenster, dessen Flügel aus dem Nichts zu schlagen aufhören.

Inszenierung mit Fingerspitzengefühl

Besonders hervorzuheben ist der Score, dessen klassische Stücke die geheimnisvolle Natur des Films zementieren. Ohnehin ist The Envelope auch durchgehend mit einer für Horrorfilme seltenen Stimmung versehen: Melancholie. Igors Reise wird schließlich auch zu einer Identitätssuche, denn allzu viel weiß man über ihn nicht. So atmosphärisch die musikalische Untermalung auch ausfällt, so negativ platzen einem die Soundeffekte entgegen. Wenn Igor den Blick gen Umschlag neigt und der Zuschauer bereits weiß, dass sich die Adresse wieder einmal geändert hat, wird dies von plakativen Molltönen begleitet, die sich gar nicht in das sonst so subtile Vorgehen einfügen wollen. Apropos Subtilität: Hierzu passt auch ein dramaturgischer Kniff, welcher gleich zu Beginn eingebaut wird. Die Sekretärin des Architektenbüros erhält einen Anruf und hört den Anrufer nicht. Dasselbe geschieht Igor wenig später, als er dort anruft, um sicherzugehen, dass die Anschrift korrekt ist. In diesem Moment öffnen sich für den Zuschauer gleich zwei mögliche Erzählrouten: Befindet sich Igor in einer Zeitschleife? Oder ist er möglicherweise gar nicht der Erste, der den Brief übermitteln soll?

Fazit

The Envelope ist eine moderne Schauermär, die gleichzeitig auch an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit spielen könnte. Die russische Kulisse erweist sich allerdings als ein stimmungsvoller Ort, um eine besondere Atmosphäre aufzubauen. Der Film bietet vergleichsweise wenig Thrill und Tempo, was ihn nicht empfehlenswert für ein Publikum macht, dessen Norm gänzlich nach dem Conjuring-Universum ausgerichtet ist. Wer sich auf ruhige Geschichten (die in ihren lauten Momenten dennoch für Terror sorgen können) einlassen kann, sollte einen Blick riskieren. Freunde des klassischen Grusels mit Mystery-Einschlag werden sich hiermit auf Anhieb wohl fühlen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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