The Dentist

Vergleicht man den Zahnarztbesuch von heute mit einem solchen von vor 100 Jahren, ist der Gang dorthin heute vergleichsweise ziemlich entspannt. Nicht, dass er für jeden gleichermaßen entspannt ausfällt, zumindest aber hat sich hinsichtlich Behandlungsmethoden und Schmerz(losigkeit) vieles in der Zahnmedizin getan. Es sei denn, man landet bei Dr. Feinstone (Corbin Bernsen, Psych: The Movie) aus The Dentist! In seinem Horror-Schocker geht Regisseur Brian Yuzna (Dark Society) an die äußerste Schmerzgrenze und präsentiert Body Horror der aller schlimmsten Art. Angstpatienten vom Konsum des Films dringend abgeraten, aber auch alle anderen sollten sich dreimal überlegen, ob die 92 Minuten nicht besser anderweitig investiert werden. Wer schon immer Angst vor dem Zahnarzt hatte, wird nach diesem Film sowieso nie wieder die Schwelle zum Behandlungszimmer überwinden.

 

Der wohlhabende Zahnarzt Dr. Alan Feinstone hat Karriere gemacht, doch privat läuft es in Los Angeles alles andere als rund. Wie er nämlich feststellen muss, vergnügt sich seine Frau Brooke (Linda Hoffman, Face/Off) während seiner Arbeitszeit mit dem Poolboy. Angetrieben von rasender Eifersucht und dem Durst nach Rache tritt Feinstone seine Schicht an. Doch unter starken Gefühlen operiert man besser nicht. Zum Leidwesen seiner Patienten und Assistenzgehilfinnen scheint er allmählich den Verstand zu verlieren. Ausgerechnet an diesem Tag sitzt ihm auch noch die nervige Finanzbehörde im Nacken …

Was lässt sich aus einem Zahnarztbesuch herausholen?

Originaltitel The Dentist
Jahr 1996
Land USA
Genre Horror-Komödie
Regie Brian Yuzna
Cast Dr. Alan Feinstone: Corbin Bernsen
Brooke Feinstone: Linda Hoffman
Matt: Michael Stadvec
Detective Gibbs: Ken Foree
Detective Sunshine: Tony Noakes
Laufzeit 92 Minuten
FSK

Was hat das Horror-Genre eigentlich noch nicht gesehen? Kaum eine Angst wurde noch nicht thematisiert, aber selten so nachvollziehbar wie in The Dentist. Fühlt man der Thematik aber einmal auf den sprichwörtlichen Zahn, ist hierbei im Grunde nicht viel herauszuholen. In Return of the Living Dead III konnte Brian Yuzna eine dünne Geschichte immerhin noch mit ausgefallenen Ideen retten. In The Dentist bleibt wenig erzählerischer Freiraum, um aus dem Titel mehr zu machen als eine Gore-Klamotte. Genau das ist der Film schließlich auch und dementsprechend nischig ist auch seine Zielgruppe. Als der Film 1996 erschien, zog er sogleich ein negatives Presse-Echo mit sich, konnte aber auf Festivals sein kleines Publikum finden. Zumindest schien der Film rentabel genug zu sein, um zwei Jahre später mit The Dentist 2 ein Sequel hinterherzuschieben. Aber was lässt sich nun atmosphärisch aus einem Zahnarztbesuch herausholen?

Operierende Metaphernschleuder

Die Aussichten eines Zahnarztes könnten eigentlich kaum erschreckender sein: Der tägliche Blick in offene Münder voller Zahnfäule könnte definitiv erquickender sein. Da kann man es niemandem verübeln, wenn ein geduldiger Zahnarzt selbst irgendwann auf dem Zahnfleisch geht. Dr. Feinstone ist ein besonders mitgenommenes Exemplar, das einen Zusammenhang zwischen verdorbenen Zähnen und unserer Gesellschaft herzustellen weiß. Dass die schlecht ist, ist schließlich weder etwas Neues noch etwas Geheimes. Insofern möchte man ihm verzeihen, dass er einen Großteil des Films mit Monologen über unsere verkommene Gesellschaft verbringt. Ein Motiv, das Brian Yuzna nach seiner Beverly Hills-Satire Dark Society ein weiteres Mal auslotet. Die “perfekte Ehe” ist ein Schlagwort, das der Film mit einem klinisch sauberen Yuppie-Apartment samt Swimmingpool auftischt, noch dazu mit einer wie aus dem Ei gepellten Ehefrau. Die Kluft also zwischen Mundfäulnis und extravagantem Luxus könnte kaum größer sein. Als sozialkritischer Kommentar versagt der Titel allerdings dann doch, denn allzu viel Aussagekraft steckt hinter dem ungleichen Ehepaar nicht.

Da müssen wir mal bohren!

Wie gut, dass die Story also schon frühzeitig die Abbiegung in Richtung Komödie macht. Denn Hand aufs Herz: Ein ernstzunehmender Horrorfilm mit Atmosphäre lässt sich im Behandlungszimmer nicht erzählen. Also richtet sich The Dentist vor allem an ein Publikum, das so richtig Lust auf Dentalphobien hat (gibt es so etwas wirklich?). Dabei kommen alle Folter … äh Hilfsinstrumente zum Einsatz, die man in einem typischen Zahnarztbehandlungszimmer auch erwartet: Bohrer und Spritzen liegen bereit für Foltereien auf dem Zahnarztstuhl. Das artet in besonders explizite Zerstörungsorgien aus, bei denen Zungen, Zahnfleisch und Zähne gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen werden. Tadellos sind aber die Splatter-Effekte, die trotz schmalen Budgets wirklich gut gemacht sind.

Wartezimmer-Prominenz

Auf Dauer tragen die Gewaltspitzen den Film nicht. Dadurch hat The Dentist mit argen Tempo- und Spannungsproblemen zu kämpfen. Der Humor weiß dabei kurzzeitig zu überbrücken, denn die Arztpraxis gleicht auch einer Sitcom, wo ein schräger Vogel nach dem nächsten aufschlägt. Einige Patienten hocken sozusagen als Running Gag durchgehend im Wartezimmer. Darunter auch der damals erst 29-jährige Mark Ruffalo (The Avengers), in dessen Filmographie wohl nun auch der Jugendsündeneintrag identifiziert wäre. Mit vier Opfern ist der Body Count aber auch nahezu nichtssagend für einen solchen Film. Da bleibt sonst nur noch die Psychoanalyse der mordenden Hauptfigur, aber selbst Hobby-Psychologen werden Dr. Feinstone binnen zwei Minuten vollständig durchleuchtet haben.

Fazit

Ob man mit The Dentist nun glücklich wird oder nicht, hängt wohl ganz davon ab, ob man sich mehr als nur blutigen Party-Spaß verspricht. Inhaltliche Defizite werden von der schwarzhumorigen Unterhaltung wieder ausgeglichen, sodass es zumindest nicht langweilig wird. Wenngleich der Filme hier und dort Längen mitbringt, die sich auch kaum rechtfertigen lassen. Qualitativ darf der Film im unteren Durchschnitt eingeordnet werden und sollte auch nur dann herausgekramt werden, wenn es etwas wirklich Besonderes, Trashiges oder Absurdes sein und mit Zahnärzten zu tun haben muss. Oder aber, wenn man es liebt, sich selbst dabei zu ertappen, wie man mit einem Psychopathen mitfiebert, der sich in seinem unkontrollierbaren Wahn immer tiefer in die Scheiße reitet.

© Laser Paradise

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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