Stay Alive

Videospiel-Verfilmungen genießen keinen guten Ruf, was häufig daran liegt, dass Spieler und Produzenten ein unterschiedliches Mindset besitzen und völlig andere Perspektiven und Ansprüche an Handlung und Figuren legen. Dieses Problem sollte gar nicht erst entstehen, wenn das Spiel, auf dem der Film aufbaut, gar nicht erst existiert. Die Rede ist von Stay Alive, einem Horrorfilm aus dem Jahre 2006, der einen handlungsinternen Mythos um ein Spiel aufbaut, welches völlig fiktiv ist. Ob das gut gehen kann? Zumindest muss man dem Team um Regisseur William Brent Bell (The Boy) lassen, dass es redlich bemüht war, Game-Fans richtig zu adressieren. Das gelingt der – augenscheinlich an J-Horror-Filmen orientierten – Produktion nur bedingt …

   

Loomis (Milo Ventimiglia, Heroes) ist passionierter Gamer und bekommt eines Tages ein Videospiel namens “Stay Alive” zugeschickt. Das real anmutende und überaus gruselige Gameplay beeindruckt ihn und verfolgt ihn schließlich bis in seine Träume. Einen Tag später ist er tot – exakt auf dieselbe Weise wie sein Videospielcharakter hingerichtet. Seine Freunde Hutch (Jon Foster, Terminator 3 – Rebellion der Maschinen), Phin (Jimmi Simpson, Under the Silver Lake) und Swink (Frankie Muniz, Sharknado 3) wollen ihrem Kumpel eine letzte Ehre erweisen. Auf ihre eigene Art: Mit einer Lan-Party. Im Fundus von Loomis’ Nachlass: “Stay Alive”. In geselliger Runde spielen die Jungs in Begleitung von October (Sophia Bush, Chicago P.D.) und Abigail (Samaire Armstrong, Nicht noch ein Teeniefilm). Mit dem ersten Charaktertod stirbt auch dessen Spieler kurze Zeit darauf. Langsam dämmert den Gamern, dass “Stay Alive” damit zusammenhängen muss …

“Der krankeste Scheiß seit Project Zero”

Originaltitel Stay Alive
Jahr 2006
Land USA
Genre Horror
Regie William Brent Bell
Cast Hutch: Jon Foster
Abigail: Samaire Armstrong
Loomis: Milo Ventimiglia
October: Sophia Bush
Miller: Adam Goldberg
Phineus: Jimmi Simpson
Laufzeit 85 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 4. Juni 2020

Es wirkt in den meisten Fällen befremdlich als Gamer, videospielende Charaktere in Filmen zu sehen. Meist handelt es sich um wilde Knopfdruckorgien, wie sie in der Realität nie stattfinden würden, oder gefährliches Halbwissen wird so verkauft, dass es ausreicht, Zuschauer mit wenig Knowhow von der Materie genug zu überzeugen, um keine weiteren Fragen zu stellen. Stay Alive ist so ein Film, der sich da ohne Frage über dem Durchschnitt einstufen lässt: Es sind real existierende Konsolen zu sehen, die der Entstehungszeit des Films zuzuordnen sind. 2006 spielte man auf einer PlayStation 2 und dem Game Cube, so weit, so korrekt. Dass real existierende Marken von Games nicht einfach so abgekauft werden können – nachvollziehbar. Deshalb will das Drehbuch diesen Umstand mit Namedropping kompensieren. “Stay Alive” sei also “der krankeste Scheiß seit Project Zero“, neben Unreal Tournament wird auch Silent Hill 4 genannt und der Protagonist hat in seinem Zimmer ein riesiges Poster des Animes Steamboy hängen. Wir erkennen also den guten Willen der Authentizität an.

Klischeehafter Überlebenskampf

Die Spielgrafik sieht für den Entwicklungszyklus der damaligen Konsolengeneration erstaunlich gut aus. “Stay Alive” hätte sich neben realen Horror-Games also durchaus sehen lassen können. Fraglich ist nur das Spielkonzept, das schon einmal die erste Logiklücke des Films aufwirft. Wieso muss das Spiel mittels Spracheingabe gestartet werden, obwohl diese Technik damals noch gar nicht existierte? Hier verlässt das Drehbuch bereits den Pfad des Logischen. Auch merkwürdig, dass sich einer von zwei Detectives, die den Fall untersuchen, gar nicht um den Tod seines Kollegen schert, der soeben noch “Stay Alive” gespielt hat. Oder wer verschenkt nicht auf der Beerdigung eines Familienmitglieds Shooter-Games? Diese und andere Verhaltensweisen und Geschmacklosigkeiten ziehen sich durch das Drehbuch, als hätte jemand einfach keine Lust gehabt, sich näher mit den Figuren zu befassen. Und die Charaktere, die zumindest ein wenig mehr Profil bekommen sollen, kriegen dieses mit dem Holzhammer verpasst. Beispiel gefällig? Ein Charakter schlägt einem anderen das Feuerzeug aus der Hand und rechtfertigt sich bedeutungsvoll, er habe seit seiner Kindheit Angst vor Feuer. Absehbar, womit dieser als nächstes konfrontiert wird …

Er war stets bemüht

Worin sich das Skript sichtlich bemüht, ist der Unterbau des eigenen Mythos. Es geht in “Stay Alive” um Elisabeth Báthory, die “Blutgräfin”, wie sie später genannt wurde. Sie lebte im 16. Jahrhundert in Ungarn und soll Schuld an dem Tod mehrerer hundert junger Frauen sein, die sie entführen ließ, um sie zu Tode zu foltern und dann in ihrem Blut zu baden. Dadurch erhoffte sich die Gräfin, unsterblich junges Leben zu erlangen. Zwar wird diese Geschichte in die USA transportiert und verliert auf dem Weg dorthin auch ein paar Details, lässt sich aber ebenfalls noch unter sichtlich bemüht einstufen. Das trifft auch auf die Darsteller zu – nur nicht im positiven Sinne. Jon Foster gibt eine blasse Hauptfigur ab, Frankie Muniz und Jimmi Simpson nerven als Gamerkiddie und sexistischer Spinner schnell und Sophia Bush sowie Samaire Armstrong erfüllen ganz offensichtlich die Frauenquote, um die Gruppe nicht völlig männlich zu gestalten. Dabei lässt sich das Drehbuch auch die Peinlichkeit nicht nehmen, Abigail, die zum ersten Mal ein Spiel spielt, für ihre besonders gute Auffassungsgabe zu loben, weil sie mal ein Detail entdeckt. Denn ihr fotografisches Gedächtnis wird bereits etabliert, als sie bei einer Beerdigung (!) Fotos schießt.

Fazit

Der gute Wille ist erkennbar, doch entgegen der Prämisse ist Stay Alive blutleere Kunst. So reizvoll die Idee auch sein mag, die Spieler zu Protagonisten des eigenen Survival Games werden zu lassen, so uninspiriert sind das Drehbuch und die Charaktere schließlich. Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn der Mythos auf- und ausgebaut ist, positioniert sich der Titel als Teenie-Horror aus dem Lehrbuch. Ein paar Wiedergutmachungen für Gamer, wenige Insider und Guilty Pleasure-Qualitäten. Für mehr ist der Film nicht zu gebrauchen und wirkt aus heutiger Sicht auch vollkommen aus der Zeit gefallen.

© Concorde Entertainment


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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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