Spiral – Das Ritual

Manchmal ist die Titelwahl eines Films geradezu ungünstig, jedenfalls stößt man bei Internet-Recherchen zu  Spiral – Das Ritual von Kurt Davis Harder beinahe ausschließlich auf den unterdurchschnittlichen Franchise-Ableger SAW: Spiral. Von dessen niedriger Qualität ist dieser Film hier jedenfalls (Gott sei Dank!) weit entfernt und verdient sicherlich mehr als nur einen flüchtigen Blick der Beachtung. Zwar erreicht der kanadische Horror-Thriller nicht das Niveau des augenscheinlich großes Vorbilds Get Out, setzt aber ein wichtiges Zeichen und ist glaubhaft erzählt. Mit dem deutschen Kinostart am 14. Juli 2022 wird dem ursprünglich 2019 erschienenen Film nun die Präsenz auf der großen Leinwand gewährt.

Das Ehepaar Malik (Jeffrey Bowyer-Chapman, UnREAL) und Aaron (Ari Cohen, ES) wagen einen Neuanfang. Zusammen mit Aarons 16-jähriger Tochter Kayla (Jennifer Laporte, V.C. Andrews’ Web of Dreams),  aus erster Ehe zieht es die beiden ein verträumtes Kleinstädtchen. Als homosexuelles Ehepaar ist die Befürchtung groß, abgelehnt zu werden. Doch die Begrüßung in der Nachbarschaft fällt zunächst herzlich aus. Allerdings treten schon bald erste Botschaften auf, die Ressentiments gegenüber Homosexualität zum Ausdruck bringen. Vor allem Malik geht dies sehr an die Nieren. Das Paar realisiert allmählich, dass das Verhalten einem Schema folgt …

Im Kern ein Get Out

Originaltitel Spiral
Jahr 2019
Land Kanada
Genre Horror
Regie Kurtis David Harder
Cast Malik: Jeffrey Bowyer-Chapman
Aaron: Ari Cohen
Kayla: Jennifer Laporte
Tyler: Ty Wood
Marshal: Lochlyn Munro
Tiffany: Chandra West
Laufzeit 87 Minuten
FSK
Kinostart: 14. Juli 2022

Kurt Davis Harder gehört nicht zu jenen Regisseuren, die vorwiegend in LGBT+-Gefilden unterwegs sind. Zwar produzierte er auch den mit zwei lesbischen Hauptfiguren besetzten Horror-Streifen What Keeps You Alive, ist als Regisseur aber vor allem im Genre-Film unterwegs und ist niemand, der irgendwo wildert, weil es einem augenscheinlichen Trend entspricht. Das sei vorweg gesagt, schließlich entsteht häufig der Eindruck, als würden sich Regisseure einfach einem Genre bedienen, um eine persönliche oder politische Botschaft unterzubringen. Das ist Spiral – Das Ritual nun wirklich nicht. Denn anders als man es vermuten möchte, wurde nicht einfach der Diversität wegen ein heterosexuelles Paar durch ein homosexuelles ersetzt. Au Contraire: Die Geschichte der beiden Protagonisten Malik und Aaron ist unmittelbar Teil der Handlung und damit Dreh- und Angelpunkt. Dass sie gemeinsam Kayla großziehen, ist das Normalste überhaupt und wird nicht weiter thematisiert. Im Fokus steht die Ablehnung von Menschen aufgrund sexueller Neigung, nur eingebettet in einen Horrorstreifen. Heruntergebrochen: klassischer Horror trifft auf gesellschaftspolitische Ebene.

Geradlinige Fremdenfeindlichkeit 

Nun ist Kurt David Harder kein Jordan Peele. Und Spiral kein Get Out. Inszenatorisch liegen beide Regisseure weit auseinander. Dennoch darf Spiral von sich behaupten, alle gängigen Register des Okkult-Horrors zu bedienen. Erste Anzeichen schlagen schnell in Paranoia um. Malik ist der feinfühligere der beiden Männer und nimmt die Warnzeichen früh wahr, während Aaron deutlich bodenständiger bleibt und sich nach der Normalität des Alltags im neuen Heim sehnt. Selbstverständlich wird die Liebe der beiden damit auf die Probe gestellt, wie sollte es auch anders sein. Es ist nicht schwer, das erzählerische Gerüst zu durchschauen. Spiral ist dahingehend nämlich relativ geradlinig gestrickt. Kompensiert wird das mit dem glaubhaften und nuancierten Schauspiel von Jeffrey Bowyer-Chapman, den man sonst nur in Serien bewundern darf. Es gelingt ihm, seiner Figur viel Menschliches einzuflößen und eine Perspektive für das Publikum zu schaffen, die man gerne einnimmt. Ihm ist es zu verdanken, dass das, was Spiral an Botschaft und Atmosphäre transportieren möchte, sicher ankommt.

Fazit

Das Gefühl der Fremdenfeindlichkeit bringt Spiral wunderbar herüber und lässt förmlich mitfühlen, wie es ist, gesellschaftlich ausgegrenzt und ausgeliefert zu sein. Obendrein gibt die kanadische Produktion aber auch als Horrorfilm eine gute Figur ab. Das Ergebnis ist routiniert, die Jump-Scares sitzen, die beiden Hauptdarsteller mimen stark. Der Beigeschmack, dass Get Out den selben Weg wenige Jahre zuvor ebnete, der will nicht weichen, da sich Vergleiche zwangsläufig einstellen. Und da kann Spiral erzählerisch wie inszenatorisch nur den Kürzeren ziehen. Trotz allem: Es gibt wenig zu meckern, insgesamt bietet der Film wenig Angriffsfläche und macht auch vieles richtig. Nur: Spiral ist nicht so originell wie es sein könnte. Thematisch top, schematisch durchwachsen.

©  Indeed Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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