Soylent Green

Lesezeit: 5 Minuten

Dass Hollywood-Veteran Edward G. Robinson (Little Caesar) selbst im hohen Alter noch eine Rolle in dem Film Soylent Green – … Jahr 2022 … die überleben wollen übernahm, begründete er mit folgendem Satz: “[Es ist] Ein Film, der etwas zu sagen hat.“ Und das war ungewöhnlich für Hollywood. Denn jahrzehntelang hatte in der Traumfabrik der Satz gegolten: “Wenn Sie eine Botschaft haben, dann schicken Sie sie mit der Post!” Ein Satz, der gern Hollywood-Mogul Samuel Goldwyn, dem G von MGM, in den Mund gelegt wird. Ausgerechnet Metro-Goldwyn-Mayer beschloss 1973, die Botschaft “Wir zerstören unsere Erde” nicht per Post zu schicken, sondern auf die Kino-Leinwand zu bringen und produzierte mit Soylent Green einen Film, der das Thema Umweltverschmutzung aufgriff und in einer düsteren Weltuntergangs-Vision ohne Happy End verarbeitete. Sie waren damit nicht allein. In den späten Sechzigern bis Mitte der Siebziger entstanden in Hollywood eine ganze Reihe dystopischer Science Fiction-Filme, bei denen das Ende der Menschheit bevorstand oder schon passiert war. Verglichen mit seinen Zeitgenossen sticht Soylent Green allerdings heraus durch die Geradlinigkeit, mit der die einfache Grundvoraussetzung “Zu viele Menschen, zu viel Naturzerstörung” zu ihrem logischen, erschreckenden Ende geführt wird.

 

New York im Jahr 2022. Die Stadt hat 40 Millionen Einwohner. Gemüse, Obst, Fleisch und sauberes Wasser sind Privilegien der Superreichen, während sich die Massen mit künstlich hergestellten Nahrungstäfelchen namens Soylent Rot und Orange, angeblich aus Soja und Linsen, zufrieden geben müssen. Nun kommt Soylent Grün auf den Markt, auf Algenbasis, besonders nahrhaft und wohlschmeckend und sofort ein knappes Gut, über dessen Verteilung Straßenschlachten entbrennen. In einer Luxuswohnung wird der schwerreiche Mieter ermordet. Detective Thorn (Charlton Heston, Die zehn Gebote) ermittelt und stellt bald fest, dass der Mann an der Erfindung von Soylent Grün beteiligt war. Aber warum soll er die Ermittlungen fallen lassen und wer beschattet ihn da? Die grünen Täfelchen bergen offenbar ein tödliches Geheimnis…

Dystopie als Fotocollage

Originaltitel Soylent Green
Jahr 1973
Land USA
Genre Science-Fiction, Krimi
Regisseur Richard Fleischer
Cast Detective Robert Thorn: Charlton Heston
Sol Roth: Edward G. Robinson
Shirl: Leigh Taylor-Young
William R. Simonson: Joseph Cotten
Tab Fielding: Chuck Connors
Lt. Hatcher: Brock Peters
Pater Paul: Lincoln Kilpatrick
Laufzeit 97 Minuten
FSK

Mit seiner Botschaft kommt der Film wortlos auf den Punkt, bevor die Handlung überhaupt anfängt. Eine virtuos von Musik unterlegte Collage aus Fotos von der Erfindung der Fotographie bis zum späten 20. Jahrhundert macht klar, was das Problem der Welt ist: Es gibt immer mehr Menschen, Maschinen und Müll. Dann erst geht es im übervölkerten, smogverseuchten New York des Jahres 2022 los und ab da kommt der Film ohne die Sorte Eye Candy aus, die Science-Fiction so gern verwendet. Keine apokalyptischen Landschaften. Keine futuristische Stadtarchitektur. Keine Raumschiffe. Keine imaginäre Technik. Gut, die Plexiglas/Flokati-Inneneinrichtung der Reiche-Leute-Wohnungen hat mittlerweile sehenswerten Retro-Charme und wirkte damals wohl futuristisch. Aber nur ein bisschen. Wer sich 1973 eine Wohnung einrichtete, hätte so etwas mühelos zusammenstellen können. Was an diesem New York anders ist als 1973, erzählt sich vor allem über die Menschenmassen, die sich in Straßen und Treppenhäusern drängeln und bei Demonstrationen von der Polizei mit dem Schaufelbagger in Müllautos geschaufelt werden. Oder über die grünlichen Smogschlieren über der Stadt, die, ganz low-tech, entstanden, indem die Kamera durch Wasser filmte, in dem sich grüne Farbnebel verteilten. Ansonsten ist es ein recht vertrautes New York, mit heruntergekommenen Straßenzügen und schäbigen Wohnungen. Offenbar fanden die Macher das Geheimnis um Soylent Grün und seine Auflösung so stark, dass man optisch nicht noch einen draufsetzen musste.

Dystopie als Kriminalfall

Vor der Kulisse dieses düsteren, vetraut-unvertrauten New Yorks entwickelt sich die Geschichte um das Geheimnis von Soylent Grün als klassischer Kriminalfall. Ein Mord geschieht, ein Polizist ermittelt. Ein Löffel Erdbeermarmelade ist ein Indiz. Ein Buch birgt Informationen. Der Bodyguard des Toten macht sich verdächtig. Ein Zeuge stirbt, bevor er berichten kann. Detective Thorn ermittelt in der Welt der Superreichen, in deren geräumigen Luxuswohnungen schöne Frauen als Teil des Mobiliars mitvermietet werden und die in den Genuss höchsten Luxus wie Rindfleisch oder heiße Duschen kommen, während sich auf den Straßen und in Elendsquartieren die Massen drängen und Kämpfe um Trinkwasser und synthetische Nahrung austragen. Es geht kaum um die Frage nach dem Täter, denn den ungeschickten Auftragsmörder sieht man sogar beim Verüben der Tat. Es geht um das Warum. Bald stellt sich heraus, dass das Geheimnis um Soylent Grün tödlich ist. Wer es kennt, der stirbt. Entweder durch Mord oder aus freien Stücken, weil die Wahrheit so unerträglich ist. Auch Detective Thorn kommt schließlich in der Lebensmittelfabrik, die die grünen Algentäfelchen herstellt, hinter das Geheimnis. Und das ist so kurz und knapp, dass man den ganzen Film in wenigen Worten zusammenfassen kann: Von wegen Algen. Die Weltmeere sind so tot wie das Festland. Soylent Grün ist Menschenfleisch.

Bekannte Gesichter in finsterem Kontext

Kinogänger der Siebziger Jahre hätten bei der ersten Begegnung mit Detective Thorn breit gegrinst. Denn für die Rolle des harten Cops in einer kaputten Welt hatte man sich jemand ganz Besonderen ausgesucht. Charlton Heston, der 1,90-Mann mit dem breiten Brustkorb und den stahlblauen Augen war in den Sechzigerjahren der Star der ganz großen und ganz bunten Hollywood-Epen. Historienfilme, Bibel-Verfilmungen, Sandalen-Epen. Heston war Moses und Ben Hur, Johannes der Täufer, Michelangelo und El Cid. In den Siebzigern vollzog er eine interessante Kehrtwendung: Er spielte in gleich mehreren dystopischen Science-Fiction-Filmen, die einen sehr kritischen, pessimistischen Blick auf die Welt warfen. In Der Omega-Mann, Planet der Affen und nicht zuletzt Soylent Green spielt der etwas in die Jahre gekommene Monumentalfilm-Held einen angeschlagenen, aber immer noch aufrechten Amerikaner in einem brutal veränderten Amerika. In Soylent Green ist er ein Cop, der zwar (korrupt wie alle Bullen der Stadt) am Tatort erst einmal die Luxusartikel Seife, Schnaps und Lebensmittel einsteckt, der sich aber auch bei seiner Suche nach der Wahrheit von niemand abbringen lässt und seinen Versuch, der Welt die Wahrheit zu verkünden, mit dem Leben bezahlt. Zuschauer der Siebzigerjahre hätten wohl auch in Detective Thorns Sidekick Sol Roth den greisen Edward G. Robinson erkannt, der seine große Zeit im Hollywood der Dreißiger hatte und in Soylent Green einen der wenigen Menschen spielt, die sich noch an Pflanzen, Tiere und natürliches Essen erinnern können. Zum Glück liefern beide Akteure eine so überzeugende Leistung ab, dass der Zuschauer auch ohne den filmhistorischen Kontext mit den Figuren etwas anfangen kann.

Fazit

Ein Film, der so pfeilgerade auf einen finalen Twist und einen großen letzten Satz zuläuft, ist meist kein Kandidat für mehrmaliges Anschauen. Wenn man die Auflösung schon kennt – und es ist schwer, bei einem fast 50 Jahre alten Film und einem so gern zitierten Schlusssatz nicht irgendwann gespoilert worden zu sein – dann nimmt das dem Film schon einiges an Spannung. Dafür haben die Bilder, obwohl sichtlich gealtert, nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren. Wer den Film mal wieder auf der Leinwand erwischen will, der hat in der Retrospektive der Berlinale 2020 dazu Gelegenheit.

© Warner Home Video

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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