The Song of Names

Ein Film über Musik und über Freundschaft. Ein Film über den Holocaust – aber keiner der Protagonisten hat ihn am eigenen Leibe erlebt. The Song of Names des kanadischen Regisseurs Francois Girard (Der Chor – Stimmen des Herzens) widmet sich den lebenslangen Traumata und Obsessionen zweier Männer, die gemeinsam eine Kindheit der Sicherheit und Geborgenheit erleben konnten, während die Familie des einen im Konzentrationslager ermordet wurde. Hochkarätig besetzt mit Tim Roth (The Hateful Eight) und Clive Owen (Gemini Man). Am 6. August 2020 kommt der Film in die deutschen Kinos.

 

In den 30er-Jahren reist der Warschauer Jude Zygmunt Rapoport mit seinem Sohn Dovidl nach London, denn er möchte für das hochbegabte kleine Geigen-Wunderkind eine möglichst gute Ausbildung. Der Musikprofessor, bei dem der Neunjährige vorspielt, ist so überzeugt vom Genie des Jungen, dass er ihn bei sich aufnimmt und sich selbst um seine Ausbildung kümmert. Sehr zum Missvergnügen seines eigenen Sohnes Martin, der auf einen Zimmergenossen gut verzichten könnte. Aber obwohl der eine Junge hochnäsig ist und der andere eifersüchtig, werden sie in den kommenden Jahren enge Freunde. Während Dovidl in England in Sicherheit lebt und sich der Musik widmet, verliert sich die Spur seiner Familie in den Wirren des zweiten Weltkriegs, das letzte Lebenszeichen stammt aus dem Konzentrationslager Treblinka. Jahre später hat Dovidl immer noch keine Gewissheit über das Schicksal seiner Familie, ist ansonsten aber zu einem sarkastisch-arroganten jungen Mann und vielversprechendem Nachwuchs-Musiker herangewachsen. Doch zu dem Konzert, das sein Durchbruch in der Musikwelt sein könnte, erscheint er nicht und bleibt forthin verschwunden. Seitdem ist sein Quasi-Bruder Martin davon besessen, das Rätsel dieses Verschwindens zu lösen. Aber erst drei Jahrzehnte später stößt er auf eine Spur, die ihn zu Dovidl führen könnte.

Schnitzeljagd für Geigen-Geeks

Originaltitel The Song of Names
Jahr 2019
Land Kanada, Deutschland, Ungarn, Großbritannien
Genre Drama
Regie Francois Girard
Cast Martin Simmonds: Tim Roth
Martin Simmonds (9-13): Misha Handley
Martin Simmonds (17-23): Gerran Howell
Dovidl Rapoport: Clive Owen
Dovidl Rapoport (9-13): Luke Doyle
Dovidl Rapoport (17-23): Jonah Hauer-King
Helen Simmonds: Catherine McCormack
Gilbert Simmonds: Stanley Townsend
Mr. Feinman: Saul Rubinek
Laufzeit 113 Minuten
FSK keine Angabe
Ab 6. August 2020 im Kino

Eine ganze Weile gibt der Film dem Zuschauer das Gefühl, dass es vor allem Martin geht, den Jungen im Hintergrund, der immer zurückstecken muss, weil der andere Junge im Mittelpunkt steht, mit seiner musikalischen Hochbegabung, seinen Genie-Allüren und seinem schweren Schicksal. Das Verschwinden seines Beinah-Bruders beschäftigt ihn auch nach Jahrzehnten so sehr, dass er auf ein winziges Indiz hin eine detektivische Suche nach dem Verschollenen beginnt, immer entlang Details, die nur ein eingefleischter Musikliebhaber finden kann. Eine exzentrische Geste beim Wachsen der Bogenhaars. Der Verbleib einer antiken Geige. Immer begleitet von den sarkastischen Kommentaren der Ehefrau, die es lieber sähe, wenn Martin über den Verlust dieses egozentrischen Mistkerls hinweg käme. Aber das kann er wohl erst, wenn er ans Ziel seiner Suche gelangt. Tim Roth spielt den von seiner Vergangenheit Verfolgten recht verhalten und unterkühlt, dass man lange Zeit nicht so recht nachvollziehen kann, was genau ihm keine Ruhe lässt.

Zwei ungleiche Brüder

Die Vergangenheit bekommt eine Menge Screentime, immerhin muss etabliert werden, was die beiden älteren Herren noch nach Jahrzehnten umtreibt. Daher bekommt man Martin und Dovidl erst als Kinder, dann als junge Männer zu sehen. Die Kindheitsszenen arbeiten das Thema “Aus Konkurrenz wird Freundschaft” ab, ohne viel Bemerkenswertes zu bieten. Neunjährige, die sich ein Zimmer teilen, werden wohl immer eine Beziehung zueinander aufbauen, egal, wie unterschiedlich sie sind. Während einem der jugendliche Dovidl von Herzen unsympathisch sein kann, mit seinen Allüren und seiner Schnöselei und seinen flotten Sprüchen. Auch wenn der Film durchblicken lässt, dass all das auf ein tief sitzendes Identitätsproblem zurückgeht.

Die Notwendigkeit des Trauerns

Bei einer Besetzung wie dieser würde man eigentlich erwarten, dass es ein Stück für zwei ist, in der beide Figuren gleichermaßen Raum zum Agieren haben. Aber der erwachsene Dovidl, dann gespielt von Clive Owen, tritt erst am Ende des Films auf und löst endlich das Rätsel seines Verschwindens. Kurz vor seinem großen Konzert stolpert er zufällig in eine jüdische Gemeinde in London und erfährt nun endlich, dass seine Familie definitiv in Treblinka umgekommen ist. Denn dort sammelt man die Namen der Verstorbenen und spricht sie aus, um an sie zu erinnern. Um den Vortrag zu erleichtern zu einer einfachen Melodie, dem titelgebenden Lied der Namen. Das bewegt Dovidl so sehr, dass er seine Musikerkarriere abbricht und nur noch eins will: das Lied der Namen auf der Geige und in Treblinka zu spielen um danach nie wieder eine Geige in die Hand zu nehmen und als streng orthodoxer Jude zu leben. Offenbar hatte seine liebevolle englische Pflegefamilie, die ihn stets darin bestärkt hatte, an das Überleben seiner verschollenen Eltern und Schwestern zu glauben, ihm ungewollt noch mehr Komplexe beschert, denn so konnte er nie mit dem Thema abschließen und trauern. Bis er einen ganz drastischen Schritt unternehmen musste, um Frieden zu finden. Eine intelligente, berührende Auflösung. Aber Dovidl Rapoport bleibt auch dann immer noch ein Rätsel, abweisend, bärbeißig und wortkarg. Vielleicht doch neben all der Seelenqual auch ein egozentrischer Mistkerl.

Fazit

Behäbiges Bildungsbürgerkino. Gediegen ausgestattetes Kostümdrama. Mit diesem milden, hellbraunen Licht, als habe es vor 30 oder 70 Jahren noch keine klaren Farben oder grellen Sonnenschein gegeben. Lebensweg eines Künstlers. Alles ein Garant für gepflegte Langeweile. Wenn es nicht zuweilen wirklich ergreifend wäre, nämlich dann, wenn es um das Lied der Namen geht, der Namen all der Juden, die in Treblinka umgekommen sind. Da hat The Song of Names große Momente. Leider ist die Schnitzeljagd nach dem verschollenen Jugendfreund arg langwierig und die Auflösung kommt spät und sehr abrupt. Aber schön, Tim Roth mal wieder in einer großen Rolle zu sehen. Clive Owen hat leider nur etwa das letzte Viertel des Films, um zu glänzen und verschwindet hinter einem mächtigen Vollbart.

© Kinostar Filmverleih

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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