Sissy

Influencertum ist ein gerne belächeltes Metier, doch oftmals wird unterschätzt, dass es sich dabei um eine lukrative Einnahmequelle handelt. Der Grad zwischen Glaubwürdigkeit und Quacksalberei ist dabei erschreckend gering. Der Slasher Sissy spielt mit dieser polarisierenden Wechselseitigkeit, denn seine Hauptfigur Cecilia (Aisha Dee,  The Bold Type – Der Weg nach oben) bewegt sich nicht nur zwischen diesen beiden Fronten, sondern ist Täterin und Opfer zugleich. Eine verrückte und zweischneidige Angelegenheit! Aufgehoben in einer echten Plastik-Ästhetik zeigt sich die australische Produktion auf dem Fantasy Filmfest 2022

 

Cecilia ist eine erfolgreiche Influencerin. Ohne Expertin auf dem Gebiet zu sein, predigt sie Mental Health und verspricht ihren Follower:innen seelische Balance. Sie selbst versucht zwar mit gutem Beispiel voranzugehen, doch ihr Leben hinter der Smartphone-Kamera hat sie nicht so sehr im Griff, wie man es von ihr denken möchte. Die Wohnung gleicht einem Chaos, Essen bringt der Lieferservice. Beim Einkaufen trifft die Außenseiterin völlig überraschend auf ihre Kindheitsfreundin Emma (Hannah Barlow). Diese steht kurz vor der Hochzeit mit ihrer Partnerin Fran (Lucy Barrett, Charmed) und lädt Cecilia zu einem Junggesellenabschied in einer schicken Villa im australischen Outback ein. Zunächst ist Cecilia froh, dass sie jemand offline wahrnimmt, doch dann taucht Alex (Emily De Margheriti, Die verlorene Schwester) auf, die ihr bereits die Kindheit mit fiesem Mobbing zur Hölle machte …

Digitale Scheinwelt

Originaltitel Sissy
Jahr 2022
Land Australien
Genre Horror, Komödie
Regie Hannah Barlow, Kane Senes
Cast Cecilia: Aisha Dee
Emma: Hannah Barlow
Alex: Emily de Margheriti
Fran: Lucy Barrett
Jamie: Daniel Monks
Tracey: Yerin Ha
Laufzeit 102 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

Sissy fährt zweigleisig: Auf der einen Ebene begleiten wir die Entwicklung der sensiblen Cecilia, welche in zweifacher Hinsicht die Doppelmoral in Person verkörpert. Wasser predigen und Wein trinken – besser lässt sich ihre Influencer-Karriere kaum beschreiben, auch wenn man ihr durchaus abkauft, dass sie ihre eigenen Werte vertritt. Nur eben nicht lebt. Und dann ist da noch die Tatsache, dass sie zwar durchaus Mobbingopfer ist, auf der anderen Seite aber ebenso Dreck am Stecken hat. Denn Cecilia ist nicht besser als Emmas (wirklich unsympathische!) Freunde, sie findet sich einfach nicht in deren Welt ein. Nun kann man darüber streiten, wo also wirklich so etwas wie Schuld liegt. Das läuft darauf hinaus, dass es keinen Sympathieträger innerhalb der Handlung gibt. Entlarvt werden dabei die hässlichsten Charakterzüge: Oberflächlichkeit, Scheinheiligkeit, Gier, Menschenfeindlichkeit. Ein spitzfindiger Kommentar auf die heutige Social Media-Generation, in der es nur darum geht, wer die eigenen Unsicherheiten am besten zu kaschieren weiß.

So subtil wie ein Instagram-Filter

Das Regieduo Kane Senes und Hannah Barlow, die hier gleichzeitig als Emma auftritt, bildet im echten Leben ein Paar. Sie verfassten das Drehbuch gemeinsam und es wäre ein Leichtes gewesen, ihre Geschichte als Drama anzulegen. Diesen Weg wollten die beiden nicht beschreiten und setzten stattdessen auf eine im Horror-Genre verortete schwarze Komödie, die keine Gelegenheit auslässt, sich über die Klischees heranwachsender Erwachsener lustig zu machen und das mit einer möglichst woken Kultur zu kreuzen. Sissy ist das absolute Gegenteil von subtil: Inhaltlich wie ästhetisch wird dick aufgetragen. Die Außenseiterfiguren sind derart überzeichnet, dass sie Archetypen darstellen. Niemand außer Cecilia bringt mehr als einen Charakterzug mit, sodass es nicht schwerfällt, sich von ihnen wieder zu trennen. Von den Jugendlichen mit komplex angelegten Problemen aus Euphoria sind diese Teens jedenfalls Welten entfernt. Die Kills fallen dabei wenig spektakulär aus und setzen eher auf einfache Szenen (mit trotzdem reichlich Blut) anstelle einer Überinszenierung à la Final Destination. So richtig eskaliert hier nichts. Das passt nicht ganz zu der sonst stark gelebten Plakativität der Produktion, die mit bunten Farben und poppiger Scheinwelt ihr Ausrufezeichen setzt.

Fazit

Sissy ist im Grunde ein durchschnittlicher Slasher, der ohne aufregende Kills daherkommt, sich aber mit dem Themendoppel Influencertum und der Opfer-Täter-Frage zu profilieren weiß. Hinzu kommt, dass Aisha Dee eine charismatische Erscheinung ist, die ihre Rolle als Cecilia mit viel Glaubhaftigkeit zu füllen versteht. Dank vielen Seitenhieben auf die Medienwelt und Woke Culture fühlt sich die Produktion sehr frisch und im Jahr 2022 nahe am Puls der Zeit an. Die Produktion ist dabei so flüchtig wie die Social Media-Welt selbst: schnell konsumiert, kurzweilig unterhaltsam und bald wieder vergessen.

© Plaion Pictures

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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