Ruben Brandt

Viel zu selten dürfen Erwachsene behaupten, es mit zielgruppengerechter Cartoon-Unterhaltung zu tun zu haben. Klar, da gibt es Serien wie Archer oder Bojack Horseman, hier und da auch mancher Anime-Titel, doch die Schlagzahl an nennenswerten Produktionen ist übersichtlich. Überraschenderweise stammt ausgerechnet aus Ungarn, einem Land, welches man in Sachen Animationskunst nicht unbedingt auf dem Schirm hat, eine solche Produktion. Der Film Noir Ruben Brandt dreht sich nicht nur um Kunst, sondern stellt selbst Kunst dar. Mehr als sechs Jahre saß der Regisseur und Autor Milorad Krstic an seiner Geschichte. Spektakulär erzählt und rasant in Szene gesetzt, begeisterte der Film seine Zuschauer auf diversen Genre-Festivals. Ab dem 30. Oktober 2020 gelingt das hoffentlich bei einer breite Masse in den Kinos, ansonsten spätestens im Dezember, wenn der Film im Mediabook erscheint.

 

Ruben Brandt (Iván Kamarás) ist der Beste auf seinem Gebiet: Kunsttherapie. Der Psychologe nutzt unorthodoxe Methoden, um an seine Ziele zu kommen, doch ist genau damit erfolgreich. Seine Patienten bringen ihre Sorgen durch Kunst zum Ausdruck und akzeptieren diese schließlich. Was bei anderen wirkt, funktioniert nur bei Ruben selbst nicht. Seit dem Tod seines Vaters plagen ihn Alpträume, in denen er von Gemälden heimgesucht wird. Die Abbilder der 13 berühmtesten Malereien der Welt manifestieren sich darin und machen Jagd auf ihn. Zwecks Heilung stiftet er seine Patienten, darunter auch Mimi (Gabriella Hámori), zum Diebstahl der Gemälde an. Bald sind der ungleichen Gruppe Gesetzeshüter auf den Fersen …

Triumph der Sinne

Originaltitel Ruben Brandt, Collector
Jahr 2018
Land Ungarn
Genre Action
Regie Milorad Krstic
Cast Ruben Brandt: Iván Kamarás
Mimi: Gabriella Hámori
Mike Kowalski: Csaba Márton
Laufzeit 96 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 30. Oktober 2020

Bevor man sich auch nur annähernd mit der verrückten Handlung des Films beschäftigt, drängt sich das abstrakte Artwork förmlich auf. Ruben Brandt gibt sich als fließend animierte Pop-Collage. Während die perfekt ausgeleuchteten Hintergründe meist statisch sind, spielt sich die Action zumeist im Vordergrund ab. Das schafft Distanz und gleichzeitig auch viel räumliche Tiefe: Die Licht- und Schatteneffekte, die auf den Objekten liegen, sind so bedacht eingesetzt, dass bereits die Bilder ein Noir-Feeling tragen können. So richtig auffällig ist aber das Charakterdesign, das gleich mehrere Stilrichtungen in sich vereint. Während die Figuren aus frontaler Betrachtung noch wohlwollend als halbwegs normal bezeichnen lassen, kommen sie im Profil beinahe Pferden gleich. Nicht, dass sich die Produktion auf nur ein stilistisches Experiment einlassen würde. Visuell wie inhaltlich erwartet den Zuschauer eine Explosion an Geistesströmungen. Picasso, Freud, Britney Spears, Pulp Fiction. Erst findet alles zusammen, ehe es sich als Medley neu erfindet.

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Ruben Brandt ist weitaus mehr als nur ein Stil-Experiment. Die Gemälde, die Kunstwelt, die Psychologie – wer Filme wie Satoshi Kons Paprika liebt, kennt die Neugier auf hintergründig erzählte Werke, in denen es viel zu entdecken gibt. Dank der hohen Erzählgeschwindigkeit verliert der Heist-Film (als solcher lässt sich zumindest die vordergründige Erzählung einordnen) auch keine Zeit, um seine surreale Geschichte mit ein bisschen Christoph Nolan aufzuladen. Ankreiden könnte man der ungarischen Produktion, dass sie sich in ihren 96 Minuten wenig um ihre Figuren kümmert. Angesichts der massigen kreativen Ideen ist das jedoch ziemlich leicht zu verschmerzen. Selbst wenn man an der ungewöhnlichen Oberfläche kratzt, bleibt noch immer eine überzeugende Geschichte. Die Kunsträube sind alledings weniger mit Informationen aufgeladen als jene in Carmen Sandiego und letztlich auch nur Mittel zum Zweck, um dynamische Verfolgungsjagden zu Papier zu bringen.

Fazit

Es ist erschreckend, das sagen zu müssen: Alles, was in Ruben Brandt an Auffälligkeiten zusammenfindet, funktioniert tadellos im Zusammenspiel. Leicht, charmant und vollkommen souverän. Etwas, das angesichts der sperrigen Optik ganz und gar nicht zu erwarten ist. Man sieht der Produktion die Jahre Arbeit, die in ihr stecken, vollkommen an. So durchdacht und kompositioniert wie jede Einstellung für sich wirkt, kann man nur den Hut ziehen. Der lässige Soundtrack, die beschwingten Figuren und das fliegende Erzähltempo machen diesen Zeichentrickfilm zu einem Rausch, der viel zugänglicher ist, als der erste Eindruck vermittelt.

© Indeed Film


Ab dem 4. Dezember im Handel erhältlich:

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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