Rollerball

Ein Actionfilm auf Rollschuhen? Mit einer Botschaft über die Macht der Konzerne und Gewalt als Unterhaltung für die Massen? Zu den Klängen von Bachs “Toccata und Fuge in d-Moll”? Was haben die nur geraucht damals in den 70ern? Spaß beiseite: Das funktioniert. In den frühen 70ern liest Regisseur Norman Jewison (In der Hitze der Nacht) in einem Herrenmagazin eine Kurzgeschichte über ein futuristisches Ballspiel, das die Massen durch seine Brutalität in Bann schlägt. Daraus wird Rollerball, einer dieser zutiefst pessimistischen Science-Fiction-Filme der Dekade, wie etwa Soylent Green oder Der Omega-Mann, in denen die Gefahren nicht im Weltall lauern, sondern von der Menschheit selbst verschuldet sind.

   

In der nahen Zukunft: Nationalstaaten haben ihre Bedeutung verloren, stattdessen wird die Welt von Großkonzernen beherrscht, die die Bevölkerung mit Konsumgütern versorgen. Kriege gehören der Vergangenheit an. Um Aggression zu kanalisieren und die Bevölkerung von Wichtigerem (wie etwa politischem Denken) abzuhalten, wurde das Spiel “Rollerball” erfunden: ein Hybrid aus American Football, Eishockey und Roller Derby, das auf Rollschuhen und Motorrädern in einer runden Arena gespielt wird. Spektakuläre Unfälle und grobe Fouls sind an der Tagesordnung und machen den besonderen Reiz des Spiels aus. Erfolgreiche Spieler werden weltweit verehrt. So auch Jonathan E. (James Caan, Der Pate), Kapitän des Teams aus Houston. Aber seine Popularität ist in den höheren Rängen des Energie-Konzerns, der die Mannschaft finanziert, nicht gern gesehen. Die Massen sollen sich nicht mit einzelnen identifizieren, sondern mit dem Spiel. Also drängt man auf seinen Rücktritt. Aber Jonathan E. weigert sich und beginnt, Nachforschungen anzustellen, wer eigentlich in dieser Welt Entscheidungen trifft. Da sanfter Druck nicht wirkt, wechselt man die Strategie: Wie wäre es, wenn der aufmüpfige Star bei einem dieser schrecklichen Unfälle in der Arena umkäme? Vor jedem neuen Spiel werden die Regeln geändert, das Spiel wird von Match zu Match brutaler. Jonathan muss buchstäblich um sein Leben spielen.

Das Spiel

Originaltitel Rollerball
Jahr 1975
Land USA
Genre Science-Fiction
Regie Norman Jewison
Cast Jonathan E.: James Caan
Ella: Maud Adams
Moonpie: John Beck
Cletus: Moses Gunn
Bartholomew: John Houseman
Mackie: Pamela Hensley
Daphne: Barbara Trentham
Bibliothekar: Ralph Richardson
Laufzeit 115 Minuten
FSK

Das Publikum von Rollerball teilt sich wohl seit der Premiere in zwei Lager auf. Die einen, die eine bissige Dystopie sehen wollen. Und die anderen, die auf die Sequenzen fiebern, wo Männer auf Rollschuhen hinter einem Ball herjagen. Wie Quidditch ist Rollerball eine fiktive Sportart, der man dank erzählerischer Brillanz gern abnimmt, dass sie für spannende Matches gut ist. Auch wenn es ein gutes Dutzend Gründe gibt, warum das eigentlich nicht funktionieren kann. Egal. Auf der Leinwand funktioniert es. 1975 gab es noch keine CGI-Effekte. Daher bestand es nur eine Methode, gewagte Fahrmanöver, Stürze und Schlägereien zu inszenieren. Man lässt die Stuntleute das tun, was sie am besten können und hält mit der Kamera drauf. Das lässt die Spielsequenzen vielleicht nicht so spektakulär aussehen wie heutzutage, gibt ihnen aber eine raue, ungebürstete Authentizität, die sie nah an Sportberichterstattung heranrückt. Was sie ja auch sein sollen. Abgesehen von dem Sci Fi-Drumherum ist Rollerball gestrickt wie ein typischer Sport-Film. Dreimal tritt die Mannschaft in orange an. Das erste Mal zum Kennenlernen und Warmwerden. Beim zweiten Mal wird es riskanter und blutiger, es gibt Verluste. Und beim dritten Mal kommt das große Finale, wo alle Spielregeln außer Kraft gesetzt sind und es nur noch darum geht, den Gegner umzunieten, bis nur noch ein Spieler auf den Beinen ist.

Das System

Außerhalb der Arena geht es eher leise und latent bedrohlich zu. Alle leben im Wohlstand, aber sind sie auch frei? Anzugträger treffen undurchsichtige Entscheidungen. Bücher sind verschwunden, Informationen werden auf Computer übertragen, frisiert, manipuliert, unzugänglich gemacht. Was genau passiert hier eigentlich? Und wer steckt dahinter? Aber es gibt kein Geheimnis zu lüften, keine Verschwörung zu enthüllen. Jonathans Suche führt ihn zu einem verrückten Professor und einem bockigen Supercomputer, der keine Antworten gibt. Und zu der Erkenntnis, dass die Frau, die er liebt, auch nur eine Abgesandte des Systems ist, mit dem Auftrag, ihn ruhig zu stellen. Mehr nicht. Eigentlich eine kluge Entscheidung des Drehbuchs. Die Kritik war damit im Laufe der Jahrzehnte meist unzufrieden und wünschte sich mehr Klarheit bei der Gesellschaftskritik. In der Tat, auch wenn man die Verweigerung von spektakulären Enthüllungen als gezielt gewollt akzeptiert, bleiben einige Fragen offen.

Was ist bedrohlich an Jonathan E.?

Ja, was macht ihn zum Störfall? Der Einzelne soll nicht das Spiel überstrahlen? Aber Jonathan ist gar keine Ego-Sau. Er ist ein mustergültiger Mannschaftsspieler ohne Star-Allüren. Ein Held der Massen? Ein Revolutionär ist er nicht und wie die Massen leben, sieht man nicht. Was man über die Beziehung von Spiel und Publikum sieht, ist eine großartig skurrile Szene, in der die gelangweilte Elite nach einem Rollerball-Bingewatch voll aufgestauter Aggressionen nach draußen läuft und Frauen in Abendkleidern Bäume in Brand schießen. Wow! Aber muss man deshalb Jonathans Karriere beenden? Und wenn das System allmächtig und skrupellos ist, warum wird es ihn nicht auf andere Weise los? Statt dessen versucht es, ihn just bei der einen Sache zu schlagen, die er am besten kann. Und zerstört dabei gerade die Dinge, die es erhalten wollte: Das Spiel und die Mannschaft. Am Ende sind alle am Boden, das Spiel ist unspielbar geworden, nur Jonathan dreht noch als einsamer Rebell eine Runde. Und nun? Offenes Ende. Trotz cooler Endpose irgendwie unbefriedigend.

Retro-Schick vor Münchner Kulisse

Regisseur Norman Jewison hatte eigentlich vor, einen Film zu machen, dem man nicht ansieht, wann er spielt und wann er gedreht wurde. 45 Jahre später, möglicherweise just in dem Jahr, in dem Rollerball spielen könnte, sieht das ganz anders aus. Schauplätze und Ausstattung schreien nur so “70er!” Also, die coolen, futuristischen 70er, mit Stahl und Beton und Plastik und Plexiglas. Drehort waren das frisch erbaute Münchner Olympia-Gelände, die Rudi-Sedlmaier-Halle und das nahegelegene BMW-Gebäude. Die Sorte Architektur, die eine Zukunft voller Technikbegeisterung und exzellentem Design beschwört, kühl in weiß und Stahl. Oder in grellem Orange. Während die Innenräume so aussehen, als hätte jemand heutzutage lauter angesagtes Retro-Mobiliar zusammengesammelt und zu einer warmen, tabakbraunen Wohnlandschaft zusammengestellt. Schon allein das ist ein Augenschmaus.

Fazit

Rollerball ist vielleicht nicht ganz so prägnant wie andere bitterböse Science-Fiction-Filme seiner Zeit, aber immer noch sehenswert. Was man alles ausblendet, wenn man den Film nur auf Zoff auf der Rollschuhbahn reduziert, zeigt das missratene Remake von 2002. Für Münchner, die vielleicht täglich am BMW-Hochhaus vorbeifahren, ist der Film ein Muss. Wann bekommt man schon mal vertraute Stadtlandschaft in einem ganz anderen ultracoolen Kontext zu sehen?

© Capelight Pictures

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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