Red Screening

Hand aufs Herz: Wer hat noch nie im Kino mit dem Gedanken gespielt, nach dem Ende der Vorführung einfach sitzen zu bleiben und direkt ohne Umwege den nächsten Film zu schauen? Auf diese Idee kommt auch ein filmbegeisterter kleiner Junge in Maximiliano Contentis Red Screening (Original-Titel: “Al Morir La Matinee”), einem deftigen Slasher aus Uruguay. Der Regisseur setzt dabei auf die Magie seines Settings: Die Spätvorstellung eines Horrorfilms in einem Kino in Uruguays Hauptstadt Montevideo. Wenn ein Killer seine Opfer während einer Horror-Vorführung jagt, kommen wir ja schließlich fast schon wieder auf Meta-Ebene an. Die Weltpremiere der blutdurchtränkten Produktion wurde am Eröffnungsbend des HARD:LINE Film Festivals 2020 aufgeführt.

   

Die letzte Vorstellung des Abends läuft, das Licht ist aus, der Film flimmert über die betagte Leinwand. Die wenigen Zuschauer des Saals freuen sich auf einen düsteren Giallo-Streifen oder sind einfach nur gelangweiltes Anhängsel eines anderen Zuschauers. Wohl niemand von ihnen rechnet damit, dass zu später Stunde noch ein maskierter Killer das Lichtspielhaus betritt und dafür sorgt, dass dies definitiv die letzte Vorstellung aller Anwesenden sein wird.

Spektakuläre Kills

Originaltitel Al Morir La Matinee
Jahr 2020
Land Uruguay
Genre Horror
Regie Maximiliano Contenti
Cast Ana: Luciana Grasso
Maria Julia: Yuly Aramburu
Hugo: Hugo Blandamuro
Mauricio: Pedro Duarte
Lucas: Lucas Fressero
Laufzeit 88 Minuten
FSK unbekannt
Bislang keine deutsche Veröffentlichung

Einen Plot im herkömmlichen Sinne bringt Red Screening nicht mit. Es genügt ein Präsentkorb aus stimmiger Kulisse, blutrünstigem Killer und willkürlichen, stereotypischen Opfern. Im Laufe des Films kristallisiert sich dann die zur Kino-Crew zählende und sich ungünstigerweise just im Dienst befindende Ana (Luciana Grasso) als Hauptcharakter heraus. Das ist aber auch fast schon wieder egal, denn das Drumherum spielt keine tragende Rolle. Weshalb man sich einen solchen Film ansieht, liegt immerhin vollkommen auf der Hand: Perfide und möglichst explizit dargestellte Kills. Der Killer geht auch dabei alles andere als zimperlich vor und folgt obendrein auch noch einer Sammelleidenschaft der besonderen Art. Nichts für schwache Nerven!

Cinema Nostalgia

Red Screening ist das Langfilm-Debüt von Maximiliano Contenti. Er und sein Drehbuchautor Manuel Facal ließen sich dabei von dem alten Lichtspielhaus in Montevideo inspirieren, das die Nostalgie vergangener Tage in sich aufgenommen hat. Wer in den 80ern oder frühen 90ern Kinos besuchte, wird sicherlich noch diese Kinos kennen, die eher einem Theater gleichkommen und gar nicht mehr viel mit heutigen Multiplex-Kinos gemeinsam haben. Gedreht wurde an gerade einmal zwei Locations, nämlich in dem Gebäude selbst sowie davor. Mehr gab das Budget auch gar nicht her und der ursprüngliche Plan war es, selbst den in der Handlung gezeigten Kinofilm selbst zu drehen. Schließlich wurde dann aber das Skript umgeschrieben und einzelne Szenen eines Giallo-Streifens günstig eingekauft.

Slasher-Fokus

Dass das Kino ein Ort ist, zu dem sich Zuschauer ganz besonders hingezogen fühlen, liegt in der Natur der Sache. Die Faszination, mit großen Augen etwas völlig Neues auf großer Leinwand zu erleben, erfährt auch ein Junge, der sich heimlich ins Publikum geschlichen hat. Dieses Gefühl kennen wir aus eigener Erfahrung nur zu gut und deswegen sind Lichtspielhäuser auch ein Ort mit magischer Wirkung. In diesem Film hört man die Filmrolle förmlich rattern und fühlt sich wie in alten Zeiten. Das Einfangen der Atmosphäre längst vergangener Tage ist Contenti außerordentlich gut gelungen. Im Vergleich zu der ebenfalls im Kino spielenden Horrorkomödie Porno setzt er einen klaren Fokus auf die realistisch gehaltene Stimmung und handgemachte Effekte, während Geschichte und Figuren nebensächlich bleiben. Obwohl sich die Handlung überwiegend im Dunklen abspielt, ist der Film ansprechend ausgeleuchtet, so dass blutige Details sicht- und erlebbar werden. Ja, hier wird jeder Mord regelrecht zelebriert und die niedersten Instinkte bedient. Zahmere Slasher gibt es zur Genüge, weshalb sich die harte Gangart auf diese Weise schon wieder erfrischend anfühlt.

Fazit

Red Screening ist ein mit geringen Mitteln gestemmter Indie-Streifen, der mit viel Herzblut produziert wurde und als Liebeserklärung an Giallo-Filme und den Slasher verstanden werden darf. Regisseur Contenti setzt einen deutlichen Fokus auf seinen Killer und weniger auf die Opfer, so dass es schwierig wird, mit den Opfern mitzufiebern oder überhaupt großartig zu sympathisieren. Trotzdem bereiten die blutigen Einzelschicksale Spaß und der Retro-Charme überzeugt, so dass Liebhaber von Filmen der härteren Gangart voll auf ihre Kosten kommen.

© Reel Suspects

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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