Peninsula

Kein Zombie-Film machte in der zweiten Hälfte der 2010er soviel von sich reden wie Train to Busan von Yeon Sang-ho (Telekinese). Ein Film, der nicht nur in seinem Heimatland Korea Rekorde brach, sondern auch die Kinokassen in Malaysia, Hong Kong und Singapur füllte. Mit beinahe 100 Mio. US-Dollar Einspielergebnis (von denen nur knapp zwei Prozent aus den USA selbst stammen) beantwortet sich die Frage nach einer Fortsetzung von selbst. Peninsula ist die Fortführung des Horror-Universums und zog bereits am Eröffnungstag über 350.000 Kinobesucher in die Lichtspielhäuser, was im Corona-Jahrgang noch viel magischer erscheint und den Titel zum weltweit ersten Krisen-Blockbuster avancieren. Nun aber genug mit Zahlen: Deutsche Zuschauer kommen ab dem 8. Oktober 2020 in den Genuss des Streifens.

 

Vier Jahre nach den Geschehnissen aus Train to Busan: Korea ist nach der Katastrophe abgeriegelt. Zu hoch das Risiko, den Rest der Menschheit zu gefährden. Zu denjenigen, die es aus dem Land schafften, zählen der Ex-Soldat Jung-seok (Gang Dong-won) und sein Schwager Cheol-min (Kim Do-yoon), die mittlerweile in Hong Kong leben. Als sie das Angebot erhalten, einen zurückgelassenen Panzer zu bergen, kehren sie nach Südkorea zurück. Darin befinden sich mehrere Millionen US-Dollar, was den Auftrag umso wichtiger macht. Das Geld ist auch tatsächlich relativ schnell geborgen, doch dann gerät die Situation außer Kontrolle. Die beiden Männer werden auseinandergerissen: Cheol-min fällt in die Hände des gesetzlosen Sergeants Hwang (Min-jae Kim), Jung-seok erwacht bei der jungen Min-jung (Jung-hyun Lee) und ihrer Familie.

Keine direkte Fortsetzung

Originaltitel Peninsula
Jahr 2020
Land Südkorea
Genre Horror, Action
Regie Sang-ho Yeon
Cast Jung Seok: Gang Dong-won
Cheol-min: Kim Do-yoon
Min Jung: Jung-hyun Lee
Jooni: Re Lee
Hwang: Min-jae Kim
Laufzeit 116 Minuten
FSK unbekannt
Ab 2. Oktober 2020 im Kino

Das koreanische Kino besitzt eine lange und traditionsreiche Geschichte, die immer wieder Ausnahmewerke hervorbrachte, die auch auf der westlichen Halbkugel für Anerkennung sorgte. Nun ist Train to Busan kein Parasite, hat einen solchen Film als Genre-Titel aber auch nie angestrebt. Dass sich bei einer Bevölkerungsanzahl von 50 Mio. Menschen aber immerhin elf Mio. den Weg ins Kino schafften, ist auch für koreanische Verhältnisse beeindruckend. Yeon Sang-ho, der bis dahin keinen Ruf als Blockbuster-Regisseur hatte, wurde somit über Nacht zum Star. Auch auf Peninsula hat das abgefärbt: Die Vorverkäufe machten den Film bereits vorab zur weltweiten Nummer 1 der Kinocharts. Der Erwartungsdruck an den Regisseur, der zuvor animierte Dramen produzierte, ist also immens. Dabei geht er aber nicht den einfachen Weg, direkt an seinen Erfolgshit anzuknüpfen, sondern erzählt nur eine lose Fortsetzung.

Von engen Gängen und weitläufigen Arealen

Gleichgeblieben ist das Setting und nur ein kurzer Flashback fasst die Ereignisse von Train to Busan zusammen. Direkte Anknüpfpunkte gibt es nicht, wodurch auch neue Zuschauer direkt einsteigen können (in vier Jahren sind immerhin weitere Zuschauer nachgereift, welche die Altersfreigabe erfüllen). Vielleicht ein wenig riskant, sich gänzlich von der namensgebenden Marke zu verabschieden, andererseits musste sich Yeon Sang-ho zumindest in Korea keine Sorgen um fehlende Aufmerksamkeit machen. Bei einer Handlung, die das gesamte Land unter Quarantäne setzt, könnte die Identifikation im Jahr 2020 aber auch kaum höher sein. Auf der anderen Seite bleibt auch im Verborgenen, was außerhalb Koreas so los ist, womit sich Peninsula auf seltsame Weise abgeschottet anfühlt. Was in Train to Busan noch deutlicher zu tragen kommt, sind sozialanalytische Elemente. Peninsula verzichtet weitgehend darauf und besitzt einen klaren Fokus: Action. Zwar ist innerhalb einzelner Szenen davon zu erfahren, was die Not aus Menschen macht und wie Schwächere weiterhin unterdrückt werden, doch diese Ansätze bleiben eher halbgar. Das macht die Handlung auch ein wenig austauschbar oder besser gesagt: den Ort willkürlich gewählt. Die große, heruntergekommene Stadt mit ihren verlassenen Häusern, zurückgelassenen Autos und Baracken könnte letztlich überall sein. Seine stärksten Momente besitzt der Film gleich zu Beginn, als in den engen Gängen eines Flüchtlingslagers geradezu klaustrophobische Momente erschaffen werden.

Karikaturen als Figuren

Parallel zu den Actionszenen wurde auch am Drama-Pegel deutlich geschraubt. Pathos wird in Peninsula ganz groß geschrieben. Charaktere heulen und brüllen alles heraus, was in ihnen steckt. Nur zu häufig mit dick aufgetragener dramatischer Musik unterlegt. Diese Eigenwilligkeit ist in vielen asiatischen Produktionen zu finden und der Grat zwischen Realismus und Overacting sowie echtem Drama und Kitsch ist ein schmaler. An diesem Beispiel geht die Tendenz allerdings überdurchschnittlich stark in Richtung Overacting und Kitsch, was am Ende nicht aufgeht. Denn die Figuren, deren Schicksal uns mitreißen soll, bleiben archetypisch. Noch schlimmer: Die Versuche, ihnen Persönlichkeit einzuhauchen, bleiben so überschaubar, dass man sich wohl schon für Stereotypen à la alleskönnende und abgebrühte Schulmädchen begeistern können muss, um wirklich Feuer und Flamme zu sein. Spätestens dann, wenn die Gefahr aber wirklich bedrohlich wird, die Charaktere allerdings keineswegs um ihr Leben fürchten und abgebrühlt-cool bleiben, wird es schwierig. Völlig im Gegensatz dazu steht die dramatische und prätentiöse musikalische Untermalung im Finale, wenn plötzlich große Emotionen mittels Dampfhammer-Logik erzeugt werden wollen.

Durchheizen anstatt schlurfen

Was machen eigentlich die Zombies? Die sind weiterhin das Sahnestück des Films und hinterlassen einen formidablen Eindruck. Mit ruckartig-dynamischen Bewegungen und stellenweise beinahe akrobatischen Movesets sind sie unberechenbare Killermaschinen, deren Auftritte einfach immer funktionieren. Nur stellenweise hapert es mit der filminternen Logik, wenn heranfahrende Autos “überhört” werden, andere deutlich leisere Geräusche aber sofort für das Heranstürmen einer ganzen Meute sorgen. Gelegentlich sorgt das für nette bis witzige Einfälle, etwa wenn die Horde mittels simpelster Tricks abgelenkt oder in eine andere Richtung geschickt werden soll.

Videospiel-Apokalypse

Zu Gute gehalten werden muss Peninsula, dass nicht einfach der eingeschränkte Schauplatz des Vorgängers, der Zug, erneut verwendet wird. Das Territorium ist abgeriegelt, aber weitläufig. Das ermöglicht ein Vorankommen mit Fahrzeugen, was für zahlreiche Rennen, halsbrecherische Stunts und deftige Actionszenen sorgt. In den meisten Fällen fügen sich die CGI-Effekte geschmeidig in das Gesamtbild ein, lassen die Produktion aber zu weiten Teilen wie ein Videospiel wirken. Die Herkunft aus dem Computer lässt sich kaum verschleiern, immerhin scheint das aber auch nicht gewollt zu sein. In den rasanten Szenen artet die visuelle Komponente stellenweise so stark aus, dass das Resultat trotzdem selbstbewusst herüberkommt. Inszenatorisch ist das allemal großes Kino.

Fazit

Peninsula begeistert als ambitioniertes Projekt, das inszenatorisch einiges auf dem Kasten hat und über weite Strecken unterhalten kann. Der Film steht seinem Vorgänger aber sonst in allen Punkten nach: Als hätte Sang-ho Yeon entschieden, alle Besonderheiten abzuschleifen und seinen Film auf das zu reduzieren, was er augenscheinlich ist: Ein Horror-Actioner, der formelhaft funktioniert, aber auf seine Charakteristika verzichtet. Fragt man sich rückblickend, wofür Peninsula eigentlich steht, wird abgesehen von der Action und viel Holzhammer-Drama nicht allzu viel hängen bleiben. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Franchise bei einer Weiterentwicklung wieder stärker auf die gesellschafts- und landeskritischen Aspekte konzentriert. Die Action-Formel zu erhöhen ist der am einfachsten zu bedienende Hebel.

© Splendid Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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