Pans Labyrinth

Lesezeit: 6 Minuten

Guillermo del Toro ist einer dieser ungewöhnlichen Regisseure, die ständig zwischen großen Hollywood-Produktionen und bescheidenen Klein-Projekten wechseln. 2018 erhielt er für sein umjubeltes Shape of Water – Das Flüstern des Wassers seinen ersten Oscar, doch den Weg dorthin ebnete das viel ältere und nicht minder umjubelte Pans Labyrinth. Das Märchen über ein mutiges Mädchen, das zwischen faschistoiden Militärs und zwielichtigen Sagenwesen versucht, seinen Weg ins Licht zu finden, wurde nach seinem Debüt in Cannes zum kommerziell erfolgreichsten spanischsprachigen Film aller Zeiten.

Das Jahr 1944: Generalissimus (Achtung: Zungenbrecher) Francisco Francos faschistisches Regime kontrolliert Spanien, doch in den Bergen verschanzen sich immer noch ein paar Rebellen und begehren auf. Nachdem Ofelias Vater im Bürgerkrieg getötet wurde, heiratet ihre Mutter Carmen (Ariadna Gil, Appaloosa) den tyrannischen Militäroffizier Captain Vidal (Sergi López, Die Affäre) in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Bald schon wird sie schwanger und Vidal fordert sie auf, zu ihm auf die ländliche Farm zu ziehen, von der aus er versucht, den verbleibenden Rebellen-Widerstand zu zerschlagen. Die Brutalität, die Ofelia (Ivana Baquero, Die Frau des Anarchisten) dort erlebt, erschreckt sie, sodass sie sich in ihre Märchenbücher und die nahegelegenen Wälder zurückzieht. Auf einem ihrer Streifzüge entdeckt Ofelia plötzlich ein Labyrinth, in dessen Zentrum ein Pan (Doug Jones, Star Trek: Discovery) auf sie wartet. Sie sei die verloren geglaubte Prinzessin des Königs der Unterwelt, behauptet der Pan. Doch ehe sie in ihre alte Heimat zu ihrem wahren Vater zurückkehren kann, muss sie sich erst beweisen und drei Prüfungen aus dem Buch der Scheidewege bestehen.

Zwischen Blockbuster und Independent

Originaltitel Pans Labyrinth
Jahr 2006
Land Spanien
Genre Fantasy, Drama
Regisseur Guillermo del Toro
Cast Ofelia: Ivana Baquero
Pan/Pale Man: Doug Jones
Carmen Vidal: Ariadna Gil
Hauptmann Vidal: Sergi López
Mercedes: Maribel Verdú
Laufzeit 119 Minuten
FSK

Der Allgemeinheit dürfte Guillermo del Toro vor allem durch seine Blockbuster wie Hellboy und Pacific Rim bekannt sein. Fans, Freunde und Filmemacher denken bei del Toros Namen aber vor allem an seine spanischsprachigen Low-Budget-Filme. Freilich steckt del Toros Persönlichkeit auch in seinen Großprojekten, doch die spanischen Filme (Cronos, The Devil’s Backbone, Pans Labyrinth) haben aufgrund ihres kulturellen und historischen Bezugs noch einmal eine ganz eigene Art der Intimität. Zumal die in den Filmen enthaltenen Horrorelemente allesamt mit Gegebenheiten aus del Toros Kindheit korrelieren. In Cronos etwa muss ein stummes Mädchen miterleben, wie sein Großvater zum Vampir mutiert – eine Anspielung auf del Toros eigene Introvertiertheit als Kind („Ich war sprichwörtlich stumm und habe mit niemandem gesprochen.“ – del Toro). Auch Ofelia muss sich mit monströsem Zeug aus del Toros kindlichen Alpträumen herumschlagen.

Das Rückgrat des Teufels als Sprungbrett

Pans Labyrinth wird gerne als „Schwesterfilm“ von The Devil’s Backbone (2001) bezeichnet. Beide Werke ergründen das Monströse und Übernatürliche vor dem Hintergrund des Krieges; beide sind in Spanien gedreht worden; beide erzählen von endlos scheinender Melancholie und Verlust. Allerdings ist Pans Labyrinth vom technischen und visuellen Standpunkt aus komplizierter und ambitionierter. Hellboy und Blade II waren quasi del Toros Trainingsgelände für das Erschaffen visueller Konstrukte und was er dort gelernt hat, findet nun in Pans Labyrinth seine Anwendung, wenn auch mit dem eingeschränkten Budget der Europäer (das gesamte Budget von Pans Labyrinth, 19 Mio. US-Dollar, stellt gerade mal die Kosten allein für die visuellen Effekte aus Hellboy dar).

Wer ist das Monster?

Ofelia ist ein kleines Mädchen, das ihren Vater („Er war Schneider!“) verloren hat. Sie liebt ihre schwangere Mutter, doch fehlt Ofelia das Verständnis für deren Wiedervermählung mit Vidal. Der Mutter andererseits fehlt das Verständnis für das Märchen-affine Gefühlsleben ihrer kleinen Tochter. Somit sind beide einander zugetan, aber emotional doch irgendwie voneinander getrennt. Dazu kommt Ofelias brutaler Stiefvater Vidal, der – wenn er nicht gerade Rebellen das Gesicht zertrümmert – das arme Kind drangsaliert. Weil Ofelia also geografisch und emotional von allem abgeschnitten ist, flüchtet sie sich in das Labyrinth und trifft auf den Pan (im Original eigentlich auf den Faun). Obwohl dieser linkisch und überhaupt gar nicht schön anzuschauen ist, bleibt Ofelia bei ihm und schwört ihm Loyalität. Heißt also, sie zieht das Monster der Monstrosität ihres Stiefvaters vor. Interessanter Aspekt, huh?

Die Sagenwesen im Labyrinth

Del Toro war besessen von der Idee, dass der Pan aus dem Wald kommen müsse. Also haben die Kostümdesigner aus seinen Beinen Wurzeln gemacht und den restlichen Körper mit Moos und Ästen überschüttet – voilà, fertig war der Pan, ikonisch und furchteinflößend, mit krampfhaften Bewegungen und abgebrochenen Zähnen. Del Toro hat ein Faible für handgemachte Kostüme. Reines CGI? Ein Unding, denn seine Monster müssen lebendig und zum Anfassen sein, andererseits seien sie nicht glaubwürdig. Zwar sind Pans Feen reines CGI, dafür aber wiederum kahlköpfig und fleischfressend – also auch wieder gegen den Standard gebürstet. Sehr interessant ist auch der Pale Man, der wohl zu den ikonischsten Horrorgestalten der letzten 20 Jahren zählen dürfte. Sein „Trick mit den Augen“ wurde angeregt durch die Ikonografie der heiligen Lucia von Syrakus, einer Märtyrerin, die auch als Schutzheilige des Augenlichts verehrt wird und oft mit einem Tellerchen dargestellt wird, auf dem ihre Augen drapiert sind – ganz wie beim Pale Man.

Ein waschechter Hybrid

Wie auch schon Shape of Water – Das Flüstern des Wassers ist Pans Labyrinth eine Mischung aus vielen Genres. In diesem Falle Märchen, Horrorgeschichte und Kriegszeitgeschichte mit einem unschuldigen Mädchen im Mittelpunkt. Und wie auch schon bei del Toros Crimson Peak beschwört der Trailer eventuell falsche Erwartungen herauf. Es gab nicht wenige Zuschauer, die damals nach Sichtung des Trailers enttäuscht waren über den vergleichsweise marginalen Anteil an Fantasy-Elementen und sogar bei den vorhandenen kann man sich zum Ende nicht über ihren Wahrheitsgehalt sicher sein. Ist es simple Realitätsflucht, die Ofelia hier betreibt, oder steckt doch mehr dahinter? Man muss sich dessen bewusst sein, dass Pans Labyrinth kein stumpfes Fantasy-Epos ist. Ich zitiere Kollegin Misato aus ihrem Crimson Peak-Artikel: „Es [Crimson Peak] ist keine Geistergeschichte, sondern eine Geschichte mit Geistern, die als Metaphern dienen.“ So verhält es sich auch bei Pans Labyrinth, denn die Mythenwelt fungiert als Spiegel dessen, was in der Realität passiert.

Märchen-Heroine der Moderne

Nach Joseph Campbell, Professor auf dem Gebiet der Mythologie, sollen Märchen und Mythen den Menschen auf seinem Weg durchs Leben leiten. Wo dem Menschen Verständnis fehlt, soll das Märchen seine Wissenslücken stopfen. Del Toro folgt der Campbellschen Formel und hat mit Pans Labyrinth eine Fabel für die moderne Ära erschaffen. Durch die Augen unserer Heroine Ofelia sehen wir das Böse in Form von Tyrannei, Fanatismus und Faschismus und del Toro gibt uns einen Leitfaden an die Hand, wie damit umzugehen ist. Während die meisten Erwachsenen um Ofelia herum das Böse als „das neue Gut“ akzeptieren, erkennt Ofelia die Muster dahinter und verweigert sich. Wenn man sich den Film anschaut, mag man sich fragen „Mein Gott, warum ist Ofelia so dickköpfig? Warum widersetzt sie sich den Feen und ja sogar dem Pan?!“ In Wahrheit aber ist ihr „Ungehorsam“ der Anfang ihres eigenen Willens und der Ausdruck ihrer Ablehnung des Bösen.

Fazit

Die Stärke von Pans Labyrinth liegt in der feinen Balance zwischen Fantastik und Drama. Hinterher erinnert man sich vor allem an die fantastischen Elemente, an den Pan, den Pale Man, den Uterus-mäßigen Baum mit der fetten Kröte darin – doch während des Films ist es das Drama, das alles zusammenhält. Es wäre auch schwierig, ein dominierendes Genre zu nennen, denn beide Gattungen unterstützen sich gegenseitig perfekt, nichts wirkt halbgar, und das ist eine Leistung. Pans Labyrinth war mein erster del Toro und ich bin seit damals ein Fan. Und ich freu mir ‘nen Keks, dass im Juli 2019 Das Labyrinth des Faun erscheinen wird: eine (Neu-)Interpretation des Stoffes aus der Feder von Cornelia Funke. Mega, da bin ich dabei.

© Wild Bunch

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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