Mortal Engines: Krieg der Städte

Lesezeit: 6 Minuten

Für Peter Jackson gibt es keine Bücher, die als unverfilmbar gelten. Nachdem er mit seiner Umsetzung der Herr der Ringe-Trilogie selbst Fans Freudentränen ins Gesicht zauberte, wagt sich der Neuseeländer an Philip Reeves dystopische Romanreihe Predator Cities. Dafür holt er sich den Neuling Christian Rivers als Regisseur ins Boot und einige andere Schauspieler, mit denen er schon arbeitete. Daher stellt sich die Frage, ob es ihm mit den beweglichen Städten, die im Kampf um Ressourcen alles geben, erneut ein Geniestreich gelungen ist. Seit dem 13. Dezember 2018 rollte Mortal Engines: Krieg der Städte in den deutschen Kinos.

  

Im sogenannten 60-Minuten-Krieg brach die damals bekannte Zivilisation zusammen. Nach 1000 Jahren haben sich die Städte motorisiert, durchstreifen das Land auf der Suche nach Ressourcen und verleiben sich andere Städte ein. London erreicht den Kontinent Europa und hofft dort auf einen besseren Fang. Der geschichtlich versierte Tom Natsworthy (Robert Sheehan, Mute) arbeitet für das Historische Nationalmuseum und sammelt heimlich alte Bauteile der früheren Welt. Als London sich eine kleine Stadt einverleibt, bekommt er den Job, nach alten Artefakten zu suchen. Dabei beobachtet er, wie eine junge Dame mit rotem Schal ein Attentat auf Thaddeus Valentine (Hugo Weaving), einem der Obersten der Stadt, verübt. Tom kann das Schlimmste verhindern, doch entkommt die junge Frau durch einen Abflussschacht. Bevor diese jedoch verschwand, gab sie dem jungen Mann einige Informationen. Für diese Informationen stößt Valentine Tom über Bord, um so die Sache zu verschleiern. Zum Glück findet er sich schnell in der Gesellschaft der jungen Dame wieder. Deren Name ist Hester Shaw (Hera Hilmar, Anna Karenina) und sie wird alles daran setzen, ihre Rache für die Ermordung ihrer Mutter durchzuziehen.

Eine Welt in Bewegung

Mortal Engines: Krieg der Städte beweist schon nach den ersten Minuten, dass tricktechnisch heutzutage alles möglich ist. Der Angriff der gewaltigen mobilen Stadt London auf eine kleine deutsche Stadt — gut zu erkennen an den schönen Fachwerkhäusern (!) — ist ein Fest für die Augen. Dagegen wirkt das Zuhause von Hauro in Das wandelnde Schloss wie eine Anfängerversion! So viele kleine Details, die die Augen dazu einladen auf Erkundung zu gehen, doch es bleibt nicht viel Zeit dafür. Die Handlung des Films wird gnadenlos vorangetrieben, weswegen auch einiges mehr auf der Strecke bleibt. Werden hier zum Beispiel Ansätze eines strengen Klassensystems erwähnt, wird leider nicht weiter darauf eingegangen. Dabei hätte dies einige Fragen beantwortet. Denn trotz der angeblich vorherrschenden Ressourcenknappheit sehen die Leute in der Stadt London wohlgenährt, sauber und ohne den Drang arbeiten zu müssen, aus. Auch im späteren Verlauf stellt sich dem Zuschauer oft genug die Frage, woher die Lebensmittel kommen, da nirgendwo Ackerbau oder Viehzucht betrieben wird. Das Konzept des Films klingt zwar interessant, aber gibt es viele Logiklöcher, die das Sehvergnügen doch sehr mindern. Titel wie Mad Max: Fury Road oder Waterworld bauen dies bezüglich ein glaubwürdigeres Szenario auf.

Keine Zeit für die Figuren

Originaltitel Mortal Engines
Jahr 2018
Land USA, Neuseeland
Genre Science-Fiktion, Fantasy, Action
Regisseur Christian Rivers
Cast Tom Natsworthy: Robert Sheehan
Shrike: Stephen Lang
Hester Shaw: Hera Hilmar
Anna Fang: Jihae
Thaddeus Valentine: Hugo Weaving
Bevis Pod: Ronan Raftery
Magnus Crome: Patrick Malahide
Katherine Valentine : Leila George
Laufzeit 128 Minuten
FSK

Der wissbegierige Tom und die Überlebenskünstlerin Hester sind ein sympathisches Duo wider Willen. Er, der die Welt nur aus Aufzeichnungen und alten Artefakten kennt, lernt durch Hester eine neue, grausamere Welt kennen. Sklavenhandel, Raub und Mord stehen auf der Tagesordnung im Kampf ums Überleben. Allen voran die kaltblütige Ermordung von Hesters Mutter Pandora durch Thaddeus Valentine ist der rote Faden, der uns durch die Geschichte führt. Da Tom von jenem aus der Stadt London geworfen wurde, dauert es wenigstens nicht lange, bis er den Worten Hesters glaubt und ihr Hilfe anbietet. Trotzdem bauen die beiden sehr schnell ein starkes Band auf, das etwas unglaubwürdig wirkt, da kaum gemeinsame Zeit verbracht wird. Auch für andere Figuren bleibt nur wenig Screentime, sie einzuführen oder gar zu vertiefen. Sehr schade ist dies im Bezug auf die Terroristin Anna Fang, die auf der Suche nach Hester ist, da deren Mutter im Besitz von etwas war. Die Frau im roten Mantel scheint ein interessantes Leben hinter sich zu haben, weswegen sie für Freiheit und Frieden kämpft. Im späteren Verlauf tauchen noch weiter Kämpfer auf, die leider sehr blass bleiben, weil sie gar keine Hintergrundgeschichte haben. Keine gute Idee, da deren Ableben im Finale den Zuschauer emotional nicht berühren.

Viele praktische Zufälle

Ebenfalls sehr auffällig ist, dass sich viele Figuren rein zufällig im passenden Moment kennenlernen. So gibt Tom am Anfang Katherine Valentine (Leila George, Mother, May I Sleep with Danger?), der Tochter von Thaddeus, eine Einführung in die gefährliche Technologie der alten Zivilisation. Sie versteht deshalb im Laufe der Handlung, dass ihr Vater etwas Schreckliches plant. Dank Tom hat sie den einfachen Arbeiter Herbert Melliphant (Andrew Lees, Legends of Tomorrow) kennengelernt, der passenderweise dabei war, als Tom aus der Stadt fällt, woraufhin sich beide  zusammentun. Das sind Dinge, die der Zuschauer noch gut hinnehmen kann. Doch negativ behaftet ist der Fakt, dass, nachdem Hester aufgetaucht ist, Thaddeus von einem Wesen erfährt, das Jagd auf seine Angreiferin macht. Natürlich lässt sich der Bösewicht der Story das nicht entgehen und befreit den sogenannten Stalker Shrike (Stephen Lang, Don’t Breathe) aus einer Gefängnisstadt (Achtung: Logik bei Ressourcenknappheit!). Auch Anna Lang taucht nach jahrelanger Suche plötzlich an einem Ort auf, wo Hester und Tom in großer Gefahr schweben. Es ist schlicht zu viel des Guten. Vermeintlich spannende Handlungsbögen lösen sich zu einfach auf, was Mortal Engines: Krieg der Städte nicht gut tut.

Der Kampf zweier Fraktionen

Ist es Hesters Rache, die uns über weite Teile des Films trägt, so fügt sich im Laufe der Zeit ein zweiter Erzählfaden hinzu. Stellt sich dem Zuschauer die Frage, ob alle Städte mobil sind, folgt darauf die Antwort, dass nicht alle diesen Lebensweg gehen. Es gibt einen Schutzwall, hinter dem sich Leute verschanzen, die der antitraktionistischen Bewegung angehören. Wie so oft prallen daher zwei Lebensweisen aneinander und Thaddeus Valentine plant, dass einer davon der Untergang bevorsteht. Die Ermordung Hesters Mutter Pandora Shaw (Caren Pistorius, Verleugnung) und die Zerstörung des Walls sind miteinander verbunden. Immerhin ist es so logisch, dass alle Welt hinter Hester her ist. Der Trailer suggeriert sogar, dass Hester eine Art Auserwählte ist, was zum Glück nicht der Fall ist. So bleibt der Abenteuercharakter der Geschichte stärker erhalten und der Zuschauer baut eine bessere Bindung zu Hester auf, da sie schlicht über ihre Mutter in die Konflikte stolpert.

Die kenne ich ja gar nicht

In einem Interview gab Regie-Neuling Christian Rivers an, dass er sich absichtlich für eher unbekannte Schauspieler entschied. Für eine neue Welt wollte er frische Gesichter, die der Zuschauer nicht gleich mit anderen Rollen verbindet. Kein Wunder also, dass bis auf wenige Ausnahmen — zum Beispiel Hugo Weaving — Personen zu sehen sind, die nur in ihren Ländern bekannt sind oder gerade erst am Anfang ihrer Karriere stehen. Die Isländerin Hera Hilmar bekam den Zuschlag für die Rolle kurz vor Drehbeginn. Was Buchfans sauer aufstoßen wird, ist die Minimierung, wenn es um die Entstellung von Hesters Gesicht geht. Das Schönheitsideal sollte wohl nicht zerstört werden, sodass es bei einer kleinen Narbe blieb. Schade, trotzdem lässt sich sagen, dass Hera Hilmar gute Arbeit leistet. Auch Toms Darsteller Robert Sheehan kauft man die Entdeckung der Welt außerhalb Londons ab. Optisch punktet der Film in allen Bereichen, denn neben den oben schon erwähnten mobilen Städten sind auch die Landschaften und Kostüme abwechslungsreich gehalten. Jedoch mit Schwächen behangen ist der klassische Soundtrack. Dieser stammt aus der Feder des niederländischen DJs Junkie XL und wirkt leider über weite Strecken sehr langweilig, zu dezent und in den unpassenden Momente zu aufdringlich. Dabei hätte sich der Künstler bei solch einer ideenreichen Welt gut austoben können.

Fazit

Die ersten Bilder haben mich sehr neugierig auf diesen Film gemacht, denn gerade die Vorstellung von solch gewaltigen mobilen Städten hat etwas. Mortal Engines: Krieg der Städte beweist auch, dass er auf optischer Linie viel zu bieten hat. Die unterschiedlich aufgebauten Städte sind mein persönliches Highlight und würden mich sogar animieren, den Film später noch einmal zu schauen. Mich erinnert der Schutzwall extrem an die Festung Briggs in Fullmetal Alchemist: Brootherhood, was mich schmunzeln ließ. Jedoch gibt es im Bezug auf die Welt, in der die Handlung spielt, einige Punktabzüge. Ich finde es schade, dass das Klassensystem und das allgemeine Leben in diesen Städte zu kurz gehalten sind. Zu viele Fragen drängen sich auf, die mir persönlich den Spaß leicht vermiesen. Auch die Beziehung von Hester und Tom baut sich für mich zu schnell auf, sodass sie nicht glaubwürdig herüberkommt. Trotzdem finde ich beide Figuren sympathisch, weswegen ich ihnen gerne bei ihrem Abenteuer zuschaue. Und ja, ich freue mich, dass beide am Ende überleben und eine gemeinsame Reise zur Erkundung der Welt antreten. Anna Lang ist eine Figur, von der ich gerne viel mehr gesehen hätte. So wirkt ihr Auftreten sehr heldenhaft und sie merklich viele harte Lebensjahre antrainiert, doch fehlt es an Hintergrund, um das zu erklären. Von den zu häufigen Zufällen kann ich jedoch nur den Kopf schütteln. Ein paar schwierige Hindernisse mehr dürfen es schon gerne sein, damit es spannend bleibt.

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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Iruka
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Iruka

Bewegliche Städte, die sich gegenseitig auffressen. So so. Das war mein erster Gedanke, als ich den Trailer zu diesem Film im Kino sah. Von selbst wäre ich nicht reingegangen, aber wenn eine Freundin fragt, dann hat frau immerhin jemanden, mit dem sie lästern oder darüber reden kann. Meine Erwartungen lagen irgendwo zwischen gering und nicht vorhanden. Ich habe auch erst kurz vorher erfahren, dass es sich hierbei um eine Buchreihe handelt. Also, Vorhang auf und los gehts. Nach etwas über zwei Stunden muss ich ehrlich sagen: So schlimm war er gar nicht. Die Optik hat einen positiven Eindruck hinterlassen. Auch wenn mich London immer noch etwas an eine Mischung aus riesigem Panzer und Traktor mit Häusern drauf erinnert… Von der Handlung her war er auch recht passabel. Nur hatte ich am Ende noch so einige Fragen: Warum werden noch zusätzliche Bewohner eigegliedert, wenn schon Knappheit herrscht? Wo kommen die Lebensmittel und die anderen benötigten Ressourcen her? Wenn London einmal in Fahrt ist, wächst auf dem Boden danach kein Gras mehr. Die Beziehung zwischen Hester und Tom ist zwar nett gemacht, aber gleich von Liebe zu sprechen nach so kurzer Zeit finde ich etwas voreilig. Ich finde es schade, dass die Nebenfiguren nur so kurze Auftritte haben, besonders von Anna Lang hätte ich gerne mehr gesehen.
Mein Fazit: Für einmal Anschauen ok, aber aufgrund diverser Schwächen muss es kein zweites Mal sein.

Taria
Redakteur

Habe den Film auch angesehen und bin froh, dass ich eingeladen wurde. Ansonsten hätte mich das Geld gereut, so im Free TV ist der Film in Ordnung, aber für mehr auch nicht. Zu viele Logiklöcher, Charaktere sehr flach und manche Konflikte haben sich wirklich viel zu einfach gelöst. Dann diese plötzliche Liebe, ich hatte zwar eine obligatorische Liebesgeschichte erwartet, man wird ja davon nur sehr selten verschont, aber hier ging es zu schnell und es war einfach der falsche Zeitpunkt. Als 3D-Film kann man ihn eigentlich auch vergessen.