16 Uhr 50 ab Paddington

Lesezeit: 6 Minuten

Agatha Christie-Verfilmungen gibt es viele, alle argwöhnisch beäugt von den Fans der Bücher. Aber kaum eine Version hat sich so ins kollektive Gedächtnis einer Fernsehgeneration eingebrannt wie die vier Filme aus den Sechziger Jahren mit Margaret Rutherford als Miss Marple. Nicht nur wegen der Ohrwurmqualität der Filmmusik. Für das Publikum des Drei-Programme-Fernsehens waren die Fälle der schrulligen alten Dame mit den Hobbys Stricken und Detektivarbeit der Inbegriff britischer Kultur, wie die Queen, After Eight und Dinner for One. Ein Zuckerl für die, denen deutsche Krimi-Kost zu dröge und die Edgar Wallace-Filme zu überdreht und unauthentisch waren. Den Auftakt der Mini-Reihe bildete 1961 16 Uhr 50 ab Paddington.

Um 16.50 Uhr steigt Miss Marple (Margaret Rutherford, Der Wachsblumenstrauß) an der Paddington Station in den Zug, der sie in ihr Heimatdörfchen in Südengland bringen soll. Kaum hat sie es sich im Abteil mit einem Krimi gemütlich gemacht, erhascht sie einen Blick in das Fenster eines auf dem Nebengleis vorbeifahrenden Zuges und sieht, wie ein Mann eine blonde Frau würgt. Ein Mord! Aber keine Leiche! Und die Polizei nimmt das nicht ernst! Da muss Miss Marple wohl selber ermitteln, unterstützt von ihrem Verehrer, dem Bibliothekar Mr. Stringer (Stringer Davis, Mörder Ahoi!). Detektivischer Spürsinn und eine Inspektion der Gleise ergeben: Die Leiche kann nur an genau einer Stelle aus dem Zug geworfen worden sein. Da, wo der Park des Landhauses Ackenthorpe Hall an die Bahngleise grenzt. Miss Marple macht sich bereit für einen Undercover-Einsatz als Haushälterin im Hause Ackenthorpe. Die Ackenthorpes sind eine komplizierte und nicht sehr sympathische Familie: Der pfennigfuchserische Hausherr pflegt seine Krankheiten und tyrannisiert seine unverheiratete Tochter. Das beträchtliche Familienerbe darf er nicht antasten, nur das stetig verfallende Landhaus nutzen. Erst die nächste Generation wird das Vermögen erben und die Söhne machen keinen Hehl daraus, dass sie den Alten nicht leiden können und einander herzlich misstrauen. Und dann war da noch der Sohn, der im Krieg starb und zuvor möglicherweise eine Französin namens Martine geheiratet hat. Was die Erbfolge noch einmal komplizieren könnte.
Schon bald hat Miss Marple den Haushalt im Griff und alle Verdächtigen im Blick. Sie kocht sich ins Herz der Familie, nutzt Golf-Ausflüge in den Park zur Spurensuche, stöbert mit dem altklug-unverschämten zwölfjährigen Neffen durch die Scheunen und findet einen ägyptischen Sarkophag. Darin – was sonst – die Leiche der Blondine aus dem Zug. Ist das vielleicht Martine, die das Erbe einfordern wollte? Und wer aus der Familie hat sie erwürgt? Und wie kam das Arsen ins Essen, das den einen Sohn tötet und wie kam der Jagdunfall zustande, dem der andere zum Opfer fällt? Miss Marple beobachtet, kombiniert und stellt dann dem Mörder eine Falle…

Eine reizende alte Dame

Originaltitel Murder She Said
Jahr 1961
Land Großbritannien
Genre Komödie, Krimi
Regisseur George Pollock
Cast Jane Marple: Margaret Rutherford
Jim Stringer: Stringer Davis
Luther Ackenthorpe: James Robertson Justice
Emma Ackenthorpe : Muriel Pavlow
Inspektor Craddock: Charles Tingwell
Dr. Paul Quimper:Arthur Kennedy
Mrs. Kidder: Joan Hickson
Alexander Eastley: Ronnie Raymond
Laufzeit 83 Minuten
FSK

Agatha Christie soll von dieser Verfilmung ihres Romans enttäuscht gewesen sein. Weil die Miss Marple, wie Margaret Rutherford sie auf die Leinwand brachte, so ganz anders ist, als Agatha Christie sie konzipiert hatte. Seit Margaret Rutherford fallen im Zusammenhang mit dem Namen Miss Marple immer wieder Worte wie “schrullig” oder “exzentrisch”. Agatha Christies Miss Marple ist weder das eine noch das andere, sondern sanft, leise und sehr gut erzogen. Margaret Rutherford ist klein und füllig, ihre Miss Marple hat eine Vorliebe für Folklore-Capes, lustige Hüte und absurde Verkleidungen. Agatha Christies Miss Marple ist hochgewachsen, zart und stets damenhaft. Ihrem Alter entsprechend ist sie wenig beweglich und gesundheitlich so angegriffen, dass ihr der Arzt ab und zu sogar die Gartenarbeit verbietet. Um den Verlauf der Bahngleise zu erforschen, geht sie nicht etwa aus dem Haus, sondern überlegt, wer ihrer vielen Bekannten ihr wohl die entsprechenden Landkarten beschaffen könnte. Den Undercover-Einsatz als Haushälterin übernimmt sie selbstverständlich nicht selbst, sondern bittet eine andere Bekannte, diese Rolle zu übernehmen. Deren Beobachtungen wertet sie aus und zieht ihre Schlüsse. Margaret Rutherfords Miss Marple packt zu und wirft sich ins Getümmel, sie klettert im Blaumann auf den Bahngleisen herum und schmeisst im Maid-Kostüm selber den Haushalt eines ganzen Landhauses. Agatha Christies Miss Marple ist eine alte Jungfer mit vielen Verwandten und Freundinnen, aber ohne Mann in ihrem Leben, Margaret Rutherfords Miss Marple hat ihren Mister Stringer und erhält nicht nur in diesem Film am Ende einen Heiratsantrag (den sie ablehnt). Es ist, unter etwas verschobenen Koordinaten, als hätte man Terry Pratchett verfilmen wollen und Granny Weatherwax mit Nanny Ogg besetzt.

Eine Paraderolle für Dame Margaret

Aber das macht den besonderen Charme dieses Films aus. 16 Uhr 50 ab Paddington mag keine werkgetreue Adaption sein, als Krimikomödie mit einer zentralen Rolle, die ganz auf die Stärken einer bestimmten Darstellerin zugeschnitten ist, funktioniert es jedoch ganz wunderbar. Margaret Rutherford durfte ihre ganz persönliche Miss Marple erschaffen. Und das tat sie auch. Sie brachte ein Cape mit handgewebtem Muster aus ihrem Privatbesitz mit und es wurde zu einem Markenzeichen. Um ihren Ehemann, den Schauspieler Stringer Davis, in das Filmprojekt mit einzubeziehen, bestand sie auf einer Rolle für ihn und Miss Marple hat seitdem einen definitiv nicht-kanonischen, aber enorm liebenswerten Verehrer. Es hat fast etwas von Dr. Who, jeder Doktor ist anders, alle sind sie der Doktor, aber der erste Doktor, den man kennenlernt, der prägt einen. Margaret Rutherford prägte eine ganze Generation von Zuschauern. Ironischerweise wurde in 16.50 ab Paddington die kleine Rolle der unzulänglichen Haushälterin Mrs. Kidder, deren Stelle Miss Marple übernimmt, mit einer mäßig erfolgreichen Schauspielerin namens Joan Hickson (Clockwise – Recht so, Mr. Stimpson) besetzt. Gut zwanzig Jahre später wurde Joan Hickson die neue Miss Marple der BBC-Verfilmungen. Sowohl Agatha Christie selbst, die sie lange zuvor auf der Bühne gesehen hatte, als auch die Agatha Christie-Fans betrachteten sie stets als die authentischere Miss Marple. Aber das ist halt eine leise, zarte Miss Marple, nicht so eine komödiantische Wuchtbrumme wie Margaret Rutherford, die etwa ihre Tarnidentität als Haushälterin dazu nutzt, die älteste und unverschämteste Maid der Welt zu sein.

Das Erfolgsrezept eines guten Krimis

Was macht einen guten Krimi aus? Die Stimmigkeit des Schauplatzes, das Charisma des Detektivs und die Kniffeligkeit des Rätsels. Der Schauplatz bekommt volle Punktzahl, ein Landhaus in Südengland mit einer ums Erbe konkurrierenden Familie ist zwar das Gegenteil von originell, aber dafür hat es Tradition. Gerade deutsche Leser bzw. Zuschauer lieben es einfach, je klischeehafter, desto besser. Das Charisma des Detektivs ist hier enorm, der Film ist ein Rutherford-Vehikel allererster Kajüte. Die Kniffeligkeit des Rätsels… naja. Es muss eine Zeit gegeben haben, als Agatha Christies ganz klassisch gestrickte Whodunits, mit einer überschaubaren Handvoll Verdächtiger und einer überraschenden Auflösung wirklich spannend waren. Weil das Miträtseln so viel Spaß machte und die Lösung immer überraschend, aber für den Leser als Hobbydetektiv immer nachvollziehbar war. Leider ist das Prinzip doch etwas in die Jahre gekommen und so richtig überraschen will es einen nicht, dass der Arzt der Mörder war. Weil er seine Ehefrau loswerden wollte, um die Erbin zu heiraten. Nicht, weil es zu früh angedeutet oder schlampig aufgelöst wird. Eher verrät es einem allgemeines Filmwissen: es wurden nicht sehr viele Figuren eingeführt und er hatte für eine Randfigur doch eine Menge Screentime, im Gegensatz zu den blasseren anderen Verdächtigen. Vielleicht liegt es daran, dass Miss Marple den Film so sehr dominiert, neben ihrer One Woman-Show haben die Verdächtigen wenig Gelegenheit, ein Eigenleben zu entwickeln. Wenig Eigenleben, wenig Persönlichkeit, daher wenig interessant als Mordverdächtige. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Film die Handlung der Vorlage stark vereinfacht, dass die Lösung so wenig überzeugt? Oder liegt es daran, dass die Methoden der Polizei sich im letzten halben Jahrhundert so enorm verbessert haben, dass man einfach nicht akzeptieren mag, dass es der Polizei schwer fällt festzustellen, dass Martine in Frankreich und am Leben ist, wohingegen die Ehefrau des Arztes vermisst wird?

Fazit

16 Uhr 50 ab Paddington heute anzuschauen ist wie eine Zeitreise in ein anderes Fernsehzeitalter. Wie wenn man eine alte Bekannte nach Jahrzehnten wiedersieht und nicht so recht weiß, ob man noch einen Draht zueinander hat. Obwohl es doch früher so schön war. Weil es doch früher so schön war. Die Spannung hat deutlich eingebüßt, sicherlich. Dafür hat die Patina, die damals schon den Charme ausgemacht hat, noch mehr Glanz bekommen. Und die Lacher sitzen noch da, wo sie hingehören, Gottseidank. Auch Margaret Rutherford ist immer noch sehenswert. Spaßeshalber habe ich mal andere Miss Marples angetestet, zuallererst natürlich Joan Hickson. Es funktioniert nicht. Sie machen es alle gut, auf ihre jeweilige Art. Die Geschichten sind manchmal besser erzählt. Aber es sind halt behäbige, altmodische Krimis, ohne den komödiantischen Spaßfaktor der Margaret Rutherford-Verfilmungen. Und natürlich fehlt überall Mr. Stringer.

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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