Mandibles

Der fantastische Film bietet allerlei Kuriositäten, die mit Insekten zusammenhängen: Formicula (1954), Arac Attack – Angriff der achtbeinigen Monster (2002) oder It Came From the Desert (2018). Da wird meist ein harmloses Insekt vergrößert und in Angriffslaune auf die Menschheit losgelassen. In Quentin Dupieux’ Situationskomödie Mandibles dagegen wird keiner Fliege etwas zu Leide getan – und das gleich im doppelten Sinne, denn die (zumindest zu Beginn noch) im Zentrum des Films stehende Riesenfliege arrangiert sich auf ganz besondere Weise mit ihren beiden Entführern, die im Grunde auch nur nach Reichtum streben, das Herz aber am rechten Fleck haben. Herausgekommen ist eine wunderbar leichte Komödie, die, typisch für den Regisseur in Sachen Absurditäten, in einer ganz eigenen Liga spielt. Einer der Publikumslieblinge auf dem Fantasy Filmfest 2020 und ebenso einer der sympathischsten Filme des Jahres.

 

Manu (Grégoire Ludig) bittet seinen Kumpel Jean-Gab (David Marsais, beide bekannt aus Projekt: Babysitting) um einen Gefallen. Denn läuft alles nach Plan, würde dies dem Pleitegeier viel Geld einbringen. Dafür wird nur ein Auto benötigt. Doch da sich so schnell keines findet, wird einfach kurzer Hand eines geklaut. Soweit, so erfolgreich die Umsetzung des Plans. Bis die beiden Freunde ein aus dem Kofferraum des Fahrzeugs ertönendes merkwürdiges Surren wahrnehmen und beim Öffnen ihren Augen kaum trauen können: Eine Riesenfliege, etwa einen Meter groß, ist dort eingeschlossen. Wortwörtlich beflügelt von diesem kuriosen Fund, kleben sie dieser erst einmal die Flügel ab. Denn vielleicht könnte sie der Schlüssel zum großen Geld sein und sich bei einem Bankraub als tatkräftige Unterstützung entpuppen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Auf einen Versuch kommt es an. Doch … der Deal platzt, bevor es losgehen kann. Dafür taucht die naive Cécile (India Hair) mit ihren Freundinnen auf, die Manu für ihren einstigen Schwarm Fred hält. Manu lässt sich auf das Verwechslungsspiel ein und das ist erst der Anfang einer Abfolge an verrückten Situationen, in die das Duo mit dem Rieseninsekt rutscht …

Der Herr der Absurditäten

Originaltitel Mandibules
Jahr 2020
Land Frankreich
Genre Fantasy, Komödie
Regie Quentin Dupieux
Cast Manu: Grégoire Ludig
Jean-Gab: David Marsais
Agnès: Adèle Exarchopoulos
Cécile: India Hair
Sandrine: Coralie Russier
Serge: Roméo Elvis
Laufzeit 77 Minuten
FSK unbekannt
Bislang kein Veröffentlichungstermin bekannt

Das kreative Schaffen Dupieux’ umfasst einige sonderbare Ergebnisse wie die Nummer 1-Single “Flat Beat” (hier noch unter dem Pseudonym Mr. Oizo mit Stoffpuppe Flat Eric) in den späten 90ern oder den abgedrehten Streifen Rubber (2011) mit einem mordenden Reifen als Protagonisten. Sein neuster Streich, benannt nach dem Kauwerkzeug von Insekten, ist dagegen auf den zweiten Blick beinahe unauffällig zahm, aber nicht minder liebenswert. Mandibles nimmt sich in Sachen Gewaltspitzen vollkommen zurück, und das in einer Gelassenheit, als würde der Regisseur zum Ausdruck bringen wollen, dass er seit Rubber und den Folgeprojekten ein ganzes Stück gereift ist. Dafür benötigt es lediglich einer großen Kuriosität, die als Aufhänger dient, um die vielen kleinen Kuriositäten in Gang zu setzen. Eine Riesenfliege als MacGuffin – darauf muss man erst einmal kommen.

Nonsense-Buddykomödie mit Herz

Das Protagonistenduo besteht aus Manu und Jean-Gab, einer Art französische Hommage an Bill und Ted (Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit), welches mit gravierend mehr Glück als Verstand gesegnet ist. Nicht die Cleversten, aber mit dem Herz am richtigen Fleck, und Loyalität wird bei den beiden Franzosen ganz groß geschrieben. Toro! Das wohl größte Kuriosum ist die Art und Weise, wie alle im Film beteiligten Figuren mit Unglaublichem umgehen: Alles wird als vollkommen alltäglich abgetan oder maximal kurz angezweifelt, ehe es gelassen hingenommen wird. Keiner der Charaktere hinterfragt auch nur irgendetwas ernsthaft näher, wodurch sich immer wieder vorteilhafte Momente für Manu und Jean-Gab ergeben, um sich als vom Schicksal begünstigte Gauner durchzuschlängeln. Die einzige Person, die wirklich bemerkt, dass mit den beiden freundlichen Fremden etwas nicht stimmt, ist die an einer Krankheit leidende und dadurch dauerbrüllende Agnés (Adèle Exarchopoulos, Blau ist eine warme Farbe), deren Rolle für alle Beteiligten (und ganz besonders sämtliche Zuschauer*innen!) eine richtige Herausforderung darstellt. Die auf charmante Weise nervigste Filmfigur des Jahres!

Der Stoff, aus dem Freundschaft ist

Inhaltlich bleibt die Handlung durchweg seicht: An der Seite der beiden (und ihrer ungewöhnlichen Begleiterin) durchleben die Zuschauer ein von Absurditäten geprägtes Abenteuer, das beide aufgrund der Verwechslungsaktion zu unvorhergesehenem Komfort verhilft. Nachdem Option A sich nicht lange bewähren konnte, wird es in Option B umso gemütlicher. Die Fliege rückt dabei zunehmend in den Hintergrund, gerät niemals ganz in Vergessenheit, doch die Geschehnisse rund um die beiden Freunde sind irgendwann so abgefahren und witzig, dass das eigentlich Absurdeste des gesamten Plots zu einer anerkannten Nebensache wird. Doch wann immer die Fliege auftaucht, hat sie etwas rührend Niedliches an sich, sodass man sie nur ins Herz schließen kann. Und das, obwohl sie für DEN fiesesten Moment des Films sorgt! Aber selbst danach hat man sie wieder lieb. Ebenso wie Manu und Jean-Gab, weil es in diesem Film schlichtweg keine wirklichen Bösewichte gibt. Und wenn, dann nur weil die Natur es so wollte, wuff, wuff.

Fazit

Die Handlung schippert nach 77 Minuten gemütlich auf ihr Ende zu. Unaufgeregt, aber immer gutgelaunt. Die sommerliche Kulisse und der freundschaftliche Umgang der beiden Protagonisten miteinander tragen einen großen Teil dazu bei, dass Mandibles ein faszinierend sympathischer Film geworden ist. Gleichzeitig auch ein Beweis dafür, dass Fantastisches nicht immer eine Bedrohung beinhalten, einen Konflikt austragen oder eine Fallhöhe mitbringen muss. Dieser Filmtitel bringt sogar etwas Entspannendes mit, das einen immer wieder auflachen lässt, sonst aber das Gefühl hinterlässt, dass die Welt eben doch vollkommen in Ordnung ist. Manchmal braucht es eben auch einfach ein harmloses Insekt mit zugeklebten Flügeln, um sich wohl zu fühlen.

© Wild Bunch France

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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