Lloronas Fluch

Lesezeit: 4 Minuten

Segen und Fluch zugleich: Das Shared-Horror-Universe rund um The Conjuring (mittlerweile hat sich auch der Begriff “Conjuringverse” durchgesetzt) ist DAS Horror-Franchise der 2010er. Nicht nur, dass The Conjuring und Annabelle und deren Fortsetzungen sowie The Nun allesamt kommerzielle Hits waren. Auch lässt sich so ein gemeinsames Universum beliebig erweitern, wenn die Fäden alle am Ende bei dem Geisterjäger-Ehepaar Lorraine und Ed Warren zusammenlaufen. Geradezu problematisch werden dann die Abnutzungserscheinungen, wie sie sich bei Lloronas Fluch bemerkbar machen. Man kann jeden x-beliebigen Film, der um irgendeine horrorhafte Erscheinung aufgebaut ist, problemlos andocken lassen, und den Rest erledigt schon das Marketing. Wo James Wan draufsteht, wissen die Zuschauer inzwischen, was sie erwartet. Und genau darin liegt das Problem, welches dieser sechste Teil (der sich übrigens auch für sich stehend betrachten lässt) mitbringt.

Die Sozialarbeiterin Anna Tate-Garcia (Linda Cardellini, Brokeback Mountain) erfährt, dass zwei von ihr betreute Jungen tot aufgefunden wurden. Das wirft Fragen auf, denn die beiden Jungen konnten zuvor noch aus der Gewalt ihrer psychisch instabilen Mutter Patricia Alvarez (Patricia Velásquez, Mindhunters) befreit werden. Diese hatte ihre Kinder in einem Schrank eingesperrt und hat nun auch die Erklärung für die Todesursache parat. Der Kinderschreck La Llorona soll die beiden Jungen geholt haben. Trotz Betroffenheit schenkt Anna der Frau keinen Glauben. Schließlich ist La Llorona nur eine Geschichte, um Kindern Angst zu machen. Bis ihre eigenen Kinder Chris (Roman Christou) und Samantha (Jaynee-Lynne Kinchen) selbst verfolgt werden…

La Llorona, die im Westen Unbekannte

Originaltitel The Curse of La Llorona
Jahr 2019
Land USA
Genre Horror
Regisseur Michael Chaves
Cast Anna Tate-Garcia: Linda Cardellini
Patricia Alvarez: Patricia Velasquez
Rafael Olvera: Raymond Cruz
La Llorona: Marisol Ramirez
Samantha: Jaynee-Lynne Kinchen
Chris: Roman Christou
Laufzeit 96 Minuten
FSK

Das Prinzip des Conjuringverse ist denkbar simpel: Innerhalb der Hauptreihe The Conjuring, die um Ed und Lorraine Warren kreist, werden Nebenstränge eröffnet, welche sich um andere Schauergestalten drehen. Für diese wird eine neue Baustelle errichtet. Nach der Horrorpuppe Annabelle und der Nonne also nun die in Europa wenig bekannte Figur La Llorona, welche in Südamerika jedem Kind bekannt ist. Gemäß lateinamerikanischer Folklore handelt es sich dabei um den Geist einer Frau, die um ihre Kinder weint, welche sie in einem Fluss ertränkt hat. Ihre Erscheinung gilt meist als Vorbote für den Tod und sie ist immer in der Nähe eines Gewässers zu finden (spätestens mit diesem Hintergrundwissen klingelt es bei der einen oder anderen Szene). Völlig berechtigt also, auch diese Figur an das große Universum anzubinden. Und grundsätzlich ist es löblich, wenn sich einzelne Teile einer Reihe auch an anderen Kontinenten, Ländern und Kulturen orientieren, wie bereits Paranormal Activity dies mit seinem Latino-Ableger Die Gezeichneten demonstrierte.

Der gute alte Ettikettentrick

Frühzeitig zeichnet sich ab, dass Lloronas Fluch ganz offensichtlich zunächst als eigenständiger Film geplant war. Tatsächlich wurde die Angehörigkeit zu The Conjuring nicht angekündigt, sondern löste einen Überraschungseffekt bei der Premiere auf dem South by Southwest-Festival aus. Was nach einem gut gesetzten Kniff aussieht, ist im Grunde nicht mehr als ein Eingeständnis, dass der Debütfilm von Michael Chaves auf eigenen Beinen wohl nicht so profitabel gewesen wäre. Die eigentliche Frechheit (sofern man sie als solche bezeichnen möchte) besteht aus einer einzigen kurzen Szene, die eine Brücke zur Hauptreihe bauen soll: Eine kurze Erwähnung der Puppe Annabelle soll ausreichen, um den Film im Conjuringverse zu verorten.

Baukasten des generischen Grusels

Sieht man einmal von dem ganzen Drumherum ab, ist Lloronas Fluch ein Grusler mit unverkennbarer James Wan-Handschrift. Mit allen Vorzügen und Nachteilen: Die Jump Scares sitzen, lassen sich an vielen Stellen aber bereits erahnen. Wer die anderen Filme des Conjuringverse kennt, kann sich außerdem auch ausmalen, welchen Weg die Geschichte einschlägt. Vorhersehbarkeit ist ein großer Haken dieses Films. Die Storyline könnte kaum nebensächlicher und die Komponenten “rationaler Elternteil”, “verstörte Kids, die sich nicht öffnen wollen” und “verwirrte Frau, der man keinen Glauben schenkt” könnten kaum ausgelutschter sein. Hinzu kommt, dass einige Figuren auch gerne mal so handeln, wie es dem Drehbuch am besten bekömmlich ist. Das gilt vor allem für die Schlüsselfigur Patricia Alvarez, deren Agenda im Finale des Films nochmal kippt, damit die Auflösung funktioniert, und auch Dummheiten lassen sich nicht dadurch entschuldigen, dass ein Kind sie begeht. Wenigstens handwerklich wird geklotzt: Visuell kann sich der Film sehen lassen. Nicht nur, dass La Llorona grauenerregend gut aussieht. Die Optik der 70er Jahre ist glaubhaft getroffen und wirkt nicht stilistisch aufgesetzt. Bestimmte Schlüsselelemente (Wasser, Wind, Spiegel) dienen als Symbolik und tauchen immer wieder auf. Dazu gesellen sich ein paar nette Einfälle für kleinere Spielereien mit großem Effekt (Stichwort Regenschirm).

Fazit

Llloronas Fluch ist ein generischer Horrorfilm aus der Blumhouse-Schmiede. Kennt man einen, kennt man alle. Noch schlimmer: Dem Titel mangelt es vollkommen an Identität. Er bewegt sich inhaltlich irgendwo zwischen The Nun und Lights Outs, liefert so einige Versatzstücke beider Filme und greift dabei eine mittlerweile völlig abgenutzte Formel auf. Kennt man gar keinen anderen Film der Reihe (gibt solche Personen?) oder betrachtet den Film nur für sich, ist er streng genommen noch immer ein überdurchschnittlich starker und handwerklich treffsicherer Horrortitel, bei dem die Geschichte für Genreverhältnisse funktional ist. Horrorfans werden den Film schnell wieder vergessen und als Horror von der Stange labeln.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Aki
Redakteur

Schade, dass der Film nicht so gut ist. Habe in den letzten zwei Kinobesuchen zwei unterschiedliche Trailer zu dem Film gesehen und war echt neugierig geworden. Jetzt wird es aber wohl eher auf ein Heimkinoabend hinaus laufen.