Killing Zoe

1990 – Reservoir Dogs war in aller Munde und „Ohren“. Die Erzählstruktur, die Erzählkunst und vor allem die dialoglastigen Szenen prägten das Kino und begründeten einen „Kult“ um Quentin Tarantino. Freund und Weggefährte Roger Avary (Die Regeln des Spiels) machte sich in seiner ersten Regiearbeit dran, eine Gewaltorgie stylish zu inszenieren. Nach Erfolgen als Drehbuchautor und Szenenschreiber beim Debüt seines Kumpels Tarantino hat sich dieser revanchiert und Killing Zoe von Avary (mit)produziert. Und kein Crime-Noir oder Tarantino ohne bekannte Familiengesichter und Anleihen. So entstand der bizarre Mix aus Natural Born Killers und Reservoir Dogs. Oder: Junkies laufen in einer Bank Amok.

Zed (Eric Stoltz, Pulp Fiction), ein begabter und bekannter Safeknacker, wird von seinem Kindheitsfreund Eric (Jean-Hugues Anglade, Nikita) nach Paris eingeladen, um ein todsicheres Ding zu drehen. So todsicher, dass die Nacht vor dem Einbruch ein epischer Drogentrip wird. Zed verliebt sich in eine junge Prostituierte names Zoe (Julie Delpy, American Werewolf in Paris) und zwischen Gras, Kokain, Heroin wird über Dixie-Musik und AIDS sinniert. Hätten sich die Protagonisten lieber auf den Plan konzentriert und wären diesen erneut durchgegangen. Denn es kommt wie es kommen muss – es geht nur schief, was schiefgehen kann und alle Beteiligten eskalieren.

Freunde sind gute Karriereberater

Originaltitel Killing Zoe
Jahr 1993
Land Frankreich
Genre Gangster-Komödie
Regie Roger Avary
Cast
Zed: Eric Stoltz
Zoe: Julie Delpy
Eric: Jean-Hugues Anglade
Oliver: Gary Kemp
Jean: Kario Salem
Ricardo: Bruce Ramsay
Martina: Cecilia Peck
Barmann: Rich Turner
Laufzeit 96 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Gewalt, Drogen, Exzesse – welche Stadt ist dafür geeigneter als das schöne Paris der 90er und welcher Anlass sinnvoller als ein Raubüberfall mit Einbruch in den Sicherheitstresor? Keiner, hat sich Roger Avary gedacht. Mit Killing Zoe ist so etwas wie das Bastardprojekt von Oliver Stone und Quentin Tarantino entstanden. Alleine bei der Beschreibung des Plots sind Parallelen zum berühmten Schaffensfreund Tarantino unverkennbar. Die Handlung ist Tarantino-mäßig simpel. Es geht um einen Einbruch bzw. Raubüberfall. Nicht mehr und nicht weniger. Interessant ist, was die „Helden“ bis zum Zeitpunkt X machen und bewegt. Es war in den frühen bzw. Mitte der 1990er schick, einen Verweis oder auch nur eine kleine Verbindung zur neuen Hollywood-Ikone zu bekommen. Killing Zoe ist voll davon. Avary ist ein alter Weggefährte Tarantinos, noch zu Zeiten, als der Meister in der Videothek Bänder zurückspulte und mit eben jenen Freunden an Drehbüchern arbeitete (Reservoir Dogs, Pulp Fiction, True Romance). Als ein gemeinsamer Freund, Produzent und Befürworter von Tarantino, Lawrence Bender (Good Will Hunting), für geeignete Drehorte unterwegs war, kam er an einer Bank in L.A. (es hat doch niemand gedacht, dass man für Paris nach Frankreich übersiedelt?) vorbei. Die Location passte nicht ins Regiedebüt von Tarantino, war jedoch großartig und vor allem eines: zu haben. Und so kam es, dass Avary auf die Frage, ob „jemand einen Film in einer Bank plane“, ohne mit der Wimper zu zucken log und mit bejahte. Das Drehbuch zur Bank schrieb er anschließend innerhalb von zehn Tagen.

Ja, mein Budget war klein. Na fein, herein, willkommen im Verein.

Das Drehbuch, an dem Avary und Tarantino just zum Zeitpunkt dran waren, hieß „The Open Road“. Später umgeschrieben und berühmt als “True Romance”. Plot heruntergebrochen: Mann trifft auf Traumfrau. Coolness raushängen lassen und Dialoge über Nichtigkeiten. Etwas geht gewaltig schief. Gewalt. Bei Tarantino sind es Clarence Worley und Alabama Whitman, bei Avary Zed und Zoe. Das Budget von 1,4 Millionen US-Dollar spiegelt sich insbesondere bei der sparsamen Location-Auswahl. Eine schummrige Bar, ein Hotelzimmer, eine Wohnung von Junkies und dann eben die Bank. Die titelgebende Zoe wurde gespielt von Julie Delpy (Hitlerjunge Salomon), welche ein aufgehender Stern in Hollywood war und sich nicht sicher war, ob sie bei so einem „zynischen“ Projekt eines unbekannten Regisseurs teilnehmen sollte. Ein Treffen mit Avary und erneut die Freundschaft zu Tarantino ließen sie ihre Sorgen überdenken. Sie und Eric Stolz bilden das fragwürdige „Dreamteam“ im Film.

Man spürt die Passion

Was Killing Zoe an Budget, Setting und vielleicht auch an Tiefgang fehlt, machen der Cast und Regisseur mit einer inbrünstigen Leidenschaft wieder wett. Insbesondere im englischen Original ist Stoltz’ „Franzenglisch“ herrlich anzuhören. Der fließende Übergang von schlonzigem Englisch mit Vermischung der „romantischsten“ Sprachen der Welt ist so grotesk wie die Prämisse, wie der Heist in der Bank eigentlich stattfinden soll. Die eine Nacht mit Zoe, die in einer Synchronität zu Nosferatu gezeigt wird, ist shakespearemäßig romantisch. Ja, richtig gelesen. Zum Liebestakt wurde Nosferatu hinzugezogen. Das klingt skurril und wahnwitziger ist, dass es sogar passt. Avary hetzt kurzerhand Eric auf die Liebenden, um dem Zuschauer klarzumachen: Der Film heißt “Killing Zoe”, nicht “One Night in Paris”.

Drogen. Drogen. Drogen.

Es wirkt anfangs wie eine Hommage an den Drogenkonsum in den 70ern. Eine Revolte gegen das Establishment. Frei sein. Geistige Fesseln lösen. Alkohol, Gras, Kokain. Eine grenzwertige Partystimmung einen Tag vor dem geplanten Coup. Eric (super in dieser Rolle: Jean-Hugues Anglade, Die Bartholomäusnacht) wickelt mit seiner französischen Lebe-das-Leben-Einstellung nicht nur Zed um den Finger. Nein, auch als Zuschauer entwickelt man eine gewisse Sympathie, wenn Eric über „Liberté“ philosophiert und er mit Zed als kleine Kinder Minisupermärkte überfielen. Doch wie bei jedem Party-Exzess gibt es den Punkt, wo alles aus dem Ruder läuft und man mit einem Kater aufwacht. Als Zuschauer wird man Zeuge, wie sich als Partydroge Heroin in die Venen gedrückt wird und aus dem „echten Frankreich“ plötzlich eine versiffte Junkie-Bude wird.

Einer macht den Anfang

Die Drogenszene bleibt bei Zuschauern verstärkt in Erinnerung. Nicht nur weil im Hintergrund Eric beiläufig Sex mit einem der Gangmitglieder hat, der erst ein paar Frames vorher zugibt, dieses komische AIDS zu haben, sondern die Art der Drogeneinnahme. Verstörende Kamerawinkel und eine realistisch verzerrende Wahrnehmung der Konsumenten waren 1993 der Auftakt in Hollywood und Begründung des Filmtropes, wie Drogenexzesse aussehen müssen. Hierzu hat Avary die neuen Swing & Tilt-Objektive zweckentfremdet. Er selbst sagte, dass seine Kreativität in der Regie nur zu Trage käme, weil er die Filmschule abgebrochen hat. Hätte er (oder auch Tarantino) sich dafür entschieden zu bleiben, wären viele Einstellungen und heutige „Kultszenen“ nie gedreht worden. Einfach deswegen, weil das nicht gelehrt wird und man nicht ermutigt wurde, neue Wege zu gehen (drehen) und man solche Sachen nur machte, wenn man wusste, dass niemand anders das vorher gemacht hatte.

Die Macht der Farben und Symbolik

War am Anfang bei Zeds Ankunft in Frankreich noch alles neu, interessant und „unschuldig“, geht es in das exzessive Nachtleben. Nun, während des Überfalls geht natürlich alles schief. Zed wird von der Gruppe getrennt und kümmert sich um den Tresor, während die restliche Gang ein brutales Fiasko zelebriert und die Wände und Böden sich rot färben. Die Wortwahl des Einfärbens ist übrigens kein Zufall. Im Gegenteil. Noch lange bevor mit The Sixth Sense Farbenspiele in Hollywood eine neue Bedeutung erfuhren und wir tote Menschen sehen durften, hat Avary in Killing Zoe Farbsymbolik perfekt eingefangen. Die Symbolik (weiß-blau-rot/”red white and blue”) ist für Zuschauer in Killing Zoe immerwährend präsent. Mal mehr (Zeds T-Shirt), mal weniger deutlich (Wände).

Das ist der beste Tag meines Lebens

Die eskalierende Gewalt und völlig überzogenen Reaktionen der Gangster treiben das Geschehen in eine Sackgasse, sodass es nicht gut ausgehen kann. Realitätsfern agierend treibt es Eric weiter und immer weiter auf die Spitze. Sei es mit Gewalt, Worten, Taten oder seinen Ticks. An Zynismus nicht zu überbieten ist sein Jubeln: “Das ist der beste Tag meines Lebens”, als er auf Geiseln schießt. Und warum der Film “Killing Zoe” heißt, wird im letzten, rotgetränkten Akt geklärt. An Glaubwürdigkeit hat der Titel früh eingebüßt, bleibt aber seiner „rotzigen“ Erzählstruktur und -weise treu.

Fazit

Killing Zoe ist der kleine Bruder von True Romance. Ja. So kann man den Film gerne kategorisieren. Es fehlt vielleicht dieser gewisse Touch, die Leichtigkeit der Figuren, wie wir sie beim „großen“ Bruder vorfinden. Sei es in True Romance oder auch wenig später bei Pulp Fiction. Avary hat aus sehr wenig, sehr viel geschaffen. Er konnte mit Tom Savini jemanden für dieses Projekt begeistern, der superbe Effekte mit Vaseline, roter Farbe und Toilettenpapier auf das Gesicht von Eric und Zed zauberte. Diese Leidenschaft ist der große Pluspunkt. Es sind weniger die Gewalt oder die Exzesse, denen man als Zuschauer beiwohnt und Zeuge wird. Es ist mehr dieses Gefühl, dass man Zeuge wird, wie Murphys Law erbarmungslos zuschlägt und nachtritt. Logisch? Mitnichten. Spaßig? Kommt darauf an, wen man fragt. Eine gewisse Faszination kann man Killing Zoe nicht abstreiten. Avary schafft im Gegensatz zu seinem Kumpel Tarantino Figuren, die „asozial“ sind. Kalte, erbarmungslose Schurken, Killer. Schlicht: Soziopathen. Seine Art und Weise zu erzählen und Figuren einzufangen lassen seinen zweiten Film Die Regeln des Spiels (Verfilmung des Buches von Bret Easton Ellis Rules of Attraction) einfach nur feiern. Zur Erinnerung: Hier trifft man auf einen sogenannten Herrn „Bateman“. Killing Zoe besitzt seine Fehler und ist nicht der große Wurf, wie sein Pendant True Romance oder Natural Born Killers geworden, aber auch Jahrzehnte später findet der Film immer wieder neue Fans.

© EuroVideo Medien


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