Kandisha

Jede Kultur bietet ihre eigene Mythologie und daraus entsprungene Legenden. In den USA ist das beispielsweise die rachsüchtige und in Spiegeln hausende Bloody Mary, in der lateinamerikanischen Folklore La Llorona und im islamischen Volksglauben erzählt man sich von Aisha Quandisha. Letztere wird zu den Dschinn gezählt und ist vor allem in nicht arabisch-sprachigen Ländern nur wenig bekannt. Das französische Regie-Duo Alexandre Bustillo und Julien Maury (Inside) erzählt in seinem Horrorfilm Kandisha eine urbane Geschichte, die Gebrauch von der arabischen Mythologie macht. Herausgekommen ist dabei eine moderne Erzählung über eine Rachegöttin, die Männer für ihre Untaten büßen lässt. Seine deutsche Premiere feierte der Film auf den Fantasy Filmfest Nights 2021.

 

Amélie (Mathilde La Musse, Blind Sex), Bintou (Suzy Bemba) und Morjana (Samarcande Saadi) sind drei Freundinnen in Paris. Sie hängen den Tag über mit ihren Freunden draußen ab, vertreiben sich die Zeit mit Herumstreunen, in Imbissbuden und beim Sprayen in heruntergekommenen, leerstehenden Gebäuden. Das Leben in der Unterschicht hat die drei Mädchen geprägt, die alles andere als auf den Mund gefallen sind. Unter der abblätternden Tapete eines alten Hauses wird Amélie beim Sprayen auf den Namen “Kandisha” aufmerksam. Morjana kennt die Geschichte dahinter: Kandisha ist im marokkanischen Volksglauben ein Rachegeist in Form einer schönen Frau, die über Männer richtet. Anfangs lachen die Mädchen noch darüber, doch als Amélie in derselben Nacht beinahe von ihrem aufdringlichen Ex Abdel (Nassim Lyes, The Spy) vergewaltigt wird, ruft sie die Dämonin hervor. Kandisha beginnt Unheil im Umfeld der Mädchen anzurichten …

Glaubhafte Charaktere in den Pariser Banlieus 

Originaltitel Kandisha
Jahr 2020
Land Frankreich
Genre Horror
Regie Alexandre Bustillo, Julien Maury
Cast Amélie: Mathilde La Musse
Morjana: Samarcande Saadi
Bintou: Suzy Bemba
Abdel: Nassim Lyes
Laufzeit 85 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm der Fantasy Filmfest Nights 2021

Wie so oft im Horror-Genre sind es die Umstände, die eine ausgetretene Thematik wieder besonders machen. Filme über Rachegeister und Dämonen gibt es zuhauf. Kandisha baut da schon auf wesentlich mehr und lässt seine Geschichte auf arabischer Mythologie fußen, um sie in einem möglichst modernen Umfeld neu zu erzählen. Denn die Geschichte über Teenager, die Geister beschwören, sind dank diverser Bloody Mary- und Candyman-Geschichten nahezu auserzählt. Ähnlich wie in The Night sind es hier die exotischen Einflüsse, welche die Geschichte maßgeblich aufwerten. Die heruntergekommenen Plattenbauten der Pariser Banlieus und der Mikrokosmos aus sozialer Verwahrlosung, fehlender Perspektive und trotzdem Zusammenhalt und Herzlichkeit prägt die Geschichte und lässt die Figuren lebendig erscheinen. Die Mädchen sind gesellschaftliche Außenseiter, besitzen aber wesentlich mehr Glaubwürdigkeit als etwa die vergleichbaren Charaktere aus Blumhouse’s Der Hexenclub, die auf platteste Weise eine Quote erfüllen sollen. Ob man die Mädchen nun sympathisch findet oder nicht – für einen Horrorfilm sind sie weit über dem Durchschnitt charakterisiert.

Gewöhnlicher Plot mit ungewöhnlich expliziter Gewalt

Inhaltlich halten sich Bustillo und Maury sklavisch an gängige Mechanismen und Abläufe des Genres. Im Grunde gibt es nichts, was man nicht kommen sieht. Und trotzdem gelingt es ihnen, immer wieder mit nahezu schockierenden Entscheidungen zu überraschen. Die Geschichte schreckt quasi vor keinem Opfer zurück und ist vor allem in ihrer Gewaltdarstellung überraschend drastisch. Das Regie-Gespann feiert seine Kills mit besonderer visueller Gewalt, was aus Kandisha einen grausamen und blutrünstigen Rachegeist macht (der übrigens auf seine erotische Attraktivität setzt). So oder so: Die dämonische Schönheit besitzt mehr als nur eine Form und ihre Auftritte hinterlassen Eindruck. Erfreulicherweise halten sich die beiden Regisseure auch nicht an die Konvention, ihr Unheil möglichst selten zu zeigen, um soviel wie möglich aufzusparen. Im Gegenteil, die Handlung schreitet progressiv voran und das vor allem für seine Härte bekannte Duo wird seinem Ruf gerecht. Ärgerlich ist nur, dass vor allem die CGI-Szenen das niedrige Budget des Films offenbaren, wenn die Kamera beispielsweise mitten auf das Gesicht einer brennenden Person schwenken muss, sodass auch wenig kaschiert werden kann, dass man auf geringere Mittel zurückgreifen musste.

Fazit

Inhaltlich bietet Kandisha wenig Neues: Die Geschichte kennen wir aus vielen anderen Werken. Dank diversen angepassten Parametern fühlt sich das Ergebnis aber wie ein erfrischender Remix an: Es ist den authentischen und gelungenen Figuren sowie den realen Schauplätzen zu verdanken, dass Kandisha so gut funktioniert. Der Film bewegt sich über dem Durchschnitt, sowohl im Horror-Genre als auch speziell Geisterfilmen. Das Einbetten in den sozialen Kontext vermittelt eine glaubhafte Atmosphäre, welche die jungen Schauspielerinnen mit einer unglaublichen Lässigkeit transportieren.

© Tiberius Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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