Heavy Trip

Lesezeit: 4 Minuten

Neben Rentierfleisch und Schwitzkästen, höflich Sauna genannt, hat Finnland uns im Jahr 2018 mit Symphonic-Post-Apocalyptic-Reindeer-Grinding-Christ-Abusing-Extreme-War-Pagan-Fennoscandian-Metal beglückt. So zumindest die persönliche Genre-Einordnung der Band ‘Impaled Rektum’ aus Heavy Trip, die sich durch so manches Festival geschreddert hat, zu erleben unter anderem auf dem SXSW-Festival in Texas und dem Fantasy Filmfest in Deutschland. Im Januar 2019 ist das Exportgut zu uns gekommen und nun stellt sich die Frage: Ist die Zeit der Nietengürtel, Stachelarmbänder und Allzweckfarbe Schwarz wieder angebrochen?! …Nö. Also Ohren zu und durch.

Wenn Turo (Johannes Holopainen, Unknown Soldier) nicht gerade in unangenehmer Stille Gespräche in die Länge zieht, dabei entweder hilflos grinsend zu seinem Gegenüber schielt oder zum 476 Mal seine beinlangen Haare aus dem Gesichtfeld schnippt, in der Hoffnung, so den anmutig dahinwalzenden Dialogfelsen voranpoltern zu lassen, ist er Frontmann einer Heavy-Metal-Noch-ohne-Namen-Band. Gemeinsam mit seinen Kollegen, die keiner Erwähnung bedürfen, da man sie mit gutem Willen auf eine halbe Charaktereigenschaft reduzieren kann, schrabbeln sie den Tag im Keller einer Rentierschlachterei dahin. Im Heimatdorf als Witzfiguren verschrien, hegen sie den großen Traum, auf dem norwegischen Metal-Festival ‘Northern Damnation’ aufzutreten. Ein totes Bandmitglied und viele unnötige Motivationsreden später brummen sie in einem halbgaren Gebrauchtwagen Richtung Horizont, und da sie die Außenseiter in einer Komödie sind, genießen sie gnadenlosen Heimvorteil und sind durch nichts aufzuhalten.

Streng nach Formel

Originaltitel Hevi Reissu
Jahr 2018
Land Finnland
Genre Roadmovie, Komödie
Regisseur Juuso Laatio, Jukka Vidgren
Cast Turo Moilanen: Johannes Holopainen
Lotvonen: Samuli Jaskio
Pasi: Max Ovaska
Jynkky: Antti Heikkinen
Miia: Minka Kuustonen
Jouni: Ville Tiihonen
Oula: Chike Ohanwe
Frank: Rune Temte
Laufzeit 92 Minuten
FSK

Wer nach der Inhaltsangabe den Verdacht einer möglicherweise generischen Story hegt, darf sich schulterklopfend einen ‘Sherlock’-Sticker anheften, denn Heavy Trip ist bemüht, hinter jedes Kästchen einen Haken zu setzen. Hinter. Wirklich. JEDES. Schräge-aber-liebenswerte-Außenseiter-mit-großem-Traum? Check. Spießige Bullies, die ihnen Steine vor die schwarzen Lederstiefel werfen? Check. Protagonist, der in Mädchen verliebt ist, aber da gibt es noch diesen einen Rivalen, gegen den er nicht ankommt? CHECK. Protagonist, der dummdreist lügt, um sich zu profilieren und auf die Nase fliegt? C-H-E-C-K. Mittendrin-Aufgabe und ‘Ah, der Traum war doch doof’ mit anschließender Motivationsrede? Again…CHECK. Irrwitzige Hundertachtzigradwende, in der alles gut wird?! Well, guess what. Alle Teile des Films stammen übrigens aus dem bewährten ‘How to Comedy-Movie’-Baukasten.

Schnarch- statt Grindfest

‘Ist doch nicht schlimm, wenn der Plot generisch ist, das kann auch Spass machen!’ Könnte man denken, aber keine Sorge, die Gefahr ist gebannt. Die Handlung dümpelt von antriebslosen Dialogen wehrlos hin- und hergeschubst dahin, die Gags haben eine Dynamik, als würde ein verzweifelter Schauspieler in typischem Schnellschnitt mit einem unschuldigen Marderplüschtier ringen (und haha, nein, leider ist das Beispiel NICHT zufällig gewählt) und die Figuren….achja, die Figuren. Generell entwickelt man für sie ein derart intensives Gefühl, wie man es sonst nur von hauseigenen Backsteinen kennt. Sie sind da. Und das war’s auch schon. Außer Turo, mit dem man vieles tun will, ‘Erfolg wünschen’ nicht so sehr, da führen eher ‘bewusstlos ohrfeigen’ und ‘in Rentierblut ertränken’ die Charts an. Nebenfiguren sind vorhanden, das kann man nicht abstreiten, selten waren Figuren so anwesend. Von Mädchen-das-aus-weiß-Gott-für-Gründen-den-Helden-mag-egal-was-er-für-Mist-baut über einige Bullies, die von einer amerikanischen Highschool entliehen zu sein scheinen, bis hin zu dem guten alten mürrischen Vater, der den Protagonisten nicht mag, aber am Ende seine Meinung ändert. Warum? Unwichtig. Auf solche Details kommt es nun wirklich nicht an. Mit diesem geballten Persönlichkeitsaufgebot kann quasi nichts schiefgehen.

Nicht schlecht genug, um gut zu sein

‘Pff, sind die Figuren halt nicht so tief, na und? Hauptsache, der Roadtrip ist schön verrückt’. Haha, ja, genau, diese ganze ‘Roadtrip’-Sache, die quasi im Titel steckt und von der in der Inhaltsangabe die Rede ist. Ja nun. Die gute (?) Nachricht: Es gibt ihn. Die schlechte Nachricht. Die schwermetallenen Mannen raffen sich erst nach einer Stunde ins Bandmobil, um in Richtung Festival zu tuckern, schaffen es dafür aber auch in Rekordzeit. Grobe zehn Minuten dauert der ‘Spass’ an, ehe sie nach leider nicht zum ‘Game Over’-Screen führenden Klippensprung mit ein paar Wikingerfreunden auf dem Festival aufschlagen. Eine wahrhafte Irrsinnsfahrt, neben der die Odyssee aussieht wie ein Mopedtrip zum Supermarkt. Kurzum, der Film bietet alles: Keine witzigen Gags, keine netten Einfälle zum bekannten Konzept und sogar keine interessanten oder erinnerungswerten Figuren/Momente/was auch immer. Ein Fest für ‘Trash’-Freunde, also? Kaum. Dafür blubbert der Film zu gemächlich dahin und ist mehr öde als verrückt. Die (wenige) Musik, die zu hören ist, kann aber für Genre-Freunde nett sein. Vielleicht. Möglicherweise… Naja.

Fazit

Okay, ich sag es sofort: Ich bin kein Metal-Fan und könnte aus dem Stegreif vermutlich zwei Bands nennen, die zum Genre gehören, nur um dann mit Ziegendärmen beworfen korrigiert zu werden. Aber es ist nicht die Musik oder das Thema, warum ich Heavy Trip gar nicht weiterempfehlen kann. Der Film ist schlichtweg langweilig. Meine Mundwinkel haben nur einmal gezuckt und das lag an einen Biss in ein extrem saures Zitronenbonbon. Eine generische Handlung kann man verzeihen; unsinniger Unfug und (lang)haarsträubende Wendungen wären ebenfalls kein Problem. Ehrlich gesagt hätte ich Letztere in rauen Mengen sogar eher begrüßt, aber stattdessen passiert einfach nichts interessantes. Ist der Film also unglaublich grauenvoll schlecht? Nope. Er ist einfach eine harmlose Komödie, die zufälligerweise ein Metal-Theme hat, aber auch für Fans des Genres gibt es kaum einen Grund, es sich anzuschauen. Ersatzweise vielleicht einfach lieber den persönlichen Lieblings-Roadmovie laufen lassen und im Hintergrund Heavy Metal-Band nach Wahl dröhnen lassen. Klappt vermutlich besser.

©Ascot Elite

 

Sharing is caring / Artikel teilen:
  • 26
  • 1
  •  

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

avatar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: