Get the Hell Out

Dass im Parlament die Fetzen fliegen – kennt man. Wenn daran aber mal nicht die Abgeordneten direkt schuld sind, sondern SIE die Fetzen sind – definitiv besonders. In Get the Hell Out bricht der Zombievirus mitten im taiwanesischen Parlament aus. Da bekommt politisches Zerfleischen doch direkt eine ganz neue Bedeutung. Das Langfilm-Debüt von Wang I Fan besticht mit einer rasanten und energischen Inszenierung, die man einfach gesehen haben muss: In nahezu keiner Sekunde hält auch nur irgendetwas still. Die abgedrehte Zombie-Komödie wütete im September 2020 quer über das Fantasy Filmfest. Und wie das so schön ist: Es sind mittlerweile schlicht zu viele Untote im Film-Bereich unterwegs, als dass jedes Rezept goutieren könnte.

   

Mrs. Ying-Yings (Megan Lai) Agenda wurde mit Schweiß und viel Arbeit erkämpft: Schon immer wollte sie als Abgeordnete im Parlament stehen, um hochrangigen Politikern die Stirn zu bieten. Aktueller Streitpunkt: Eine Fabrik für chemisch präparierte Pflanzen soll gebaut werden, was die Zerstörung eines Fischerdorfes bedeuten würde. Während die hitzige Diskussion tobt, ahnt noch keiner, dass andere Probleme auf das Land zurollen, denn ein Tollwut-Virus ist ausgebrochen. Und noch schlimmer: Es hat bereits seinen Weg ins Parlament gefunden! Für Ying-Ying und Yu-Wei (Bruce Hung), den Wachmann an ihrer Seite, heißt es nun, dem Schlamassel zu entkommen und das System zu verteidigen …

Zombie-Bonbon im Hochgeschwindigkeitsmodus

Originaltitel Get the Hell Out
Jahr 2020
Land Taiwan
Genre Splatterkomödie
Regie Wang I Fan
Cast Ying-Ying: Megan Lai
Yu-Wei: Bruce Hung
Laufzeit 96 Minuten
FSK unbekannt
Keine Veröffentlichung bekannt

Bei kaum einem Genre fällt es schwerer, sich nicht ewig zu wiederholen, als bei der Besprechung eines Zombie-Streifens: Die Masse an gelungener und nicht gelungener Konkurrenz ist gewaltig und es bedarf schon eines gewissen Extras, um aus der Masse hervorzustechen. Manchmal ist das auch nur ein Quäntchen Einzigartigkeit, wie etwa das Indianer-Reservat in Blood Quantum oder der rasante Schauplatz auf Schienen wie bei Train to Busan. Get the Hell Out findet auch seinen USP sehr zügig: Es ist die überdreht-hektische, manchmal beinahe cartoonhafte Inszenierung mit viel Geschrei, ruckartigen Bewegungen und ständig durch die Luft fliegenden Gegenständen, die dafür sorgen, dass das Bild selten ruht. Und wenn das von der Kamera eingefangene Material weniger hergibt, dann sind es die auf das Bild gelegten Effekte, bei denen sich die Editoren augenscheinlich austoben durften und alles einfließen ließen, was das Tool an Möglichkeiten hergab. Dazu gehören auch die drolligen Soundeffekte, die mit den zügigen Bewegungen einhergehen. Kurzum: Das Ergebnis ist ein übertrieben durchkomponierter Bild-und-Sound-Rausch, der seine Zuschauer*innen mittels Tempo mitreißen will. Mal in Slow-Motion, mal werden die Geschwindigkeitspegel nach oben gepitcht. Get the Hell Out ist ein waschechter Spielplatz für Editoren.

Politik als Reality-Show

Eine wilde Mischung aus politisch-gesellschaftlicher Farce und rasanter Nonsense-Zombie-Action, die Wang I Fan auf die Beine gestellt hat. Es ist der Produktion bereits anhand der Kostümierung der Charaktere anzusehen, dass sie sich selbst nicht ernst nimmt und auch nicht ernst genommen werden will. Ein Parlament, in dem alle knallig bunte Anzüge tragen und das nur aus exzentrischen Paradiesvögeln besteht? Dabei werden tatsächlich Themen besprochen, die gesellschaftlich-politisch von Relevanz sind, etwa die fehlende Anerkennung seitens China. Aufgeladen wird dies mit vielen popkulturellen Themen, die aus europäischer Perspektive in den meisten Fällen tiefere Einblicke ins Landesinnere voraussetzen, um vollständig verstanden werden zu können. Zuschauende werden sich am besten in dem naiven Yu-wei wiederfinden, der zum Teil als Spielball der Interessen durch die Gegend geschubst wird, sonst aber mit dem politischen Kuddelmuddel nichts am Hut hat.

Hyperaktives Chaos ohne Substanz

Sieht man einmal von dem Appeal ab, den die audio-visuelle Aufmachung anbietet, fühlt sich Get the Hell Out vor allem erzählerisch wie ein Flickenteppich an. Narrativ ist der Titel nämlich sehr einfach gestrickt, wodurch es trotz der Sinnesüberreizung einfach ist, ihm ein ganzes Stück zu folgen. Einige Zuschauer*innen werden aber auch ebenso schnell wieder ausgestiegen sein, da die Lebhaftigkeit irgendwann zur Gewohnheit wird und sich Ermüdungserscheinungen zeigen. Vergleichbare Titel wie Zombieland oder Shaun of the Dead schlagen ebenfalls die Richtung der Zombie-Komödie ein, bleiben aber deutlich ausbalancierter. Nachdem literweise Kunstblut zum x-ten Mal die Kamera besudelt hat, kann man darüber irgendwann auch nur noch herzlich gähnen. Dramaturgisch passiert hier jedenfalls nichts, was rechtfertigen würde, 100 Minuten gebannt vor dem Bildschirm zu sitzen.

Fazit

Get the Hell Out ist ein glasklarer Fall von weniger ist manchmal mehr. Die permanente Martial Arts-Hektik, das pausenlose Gerenne und Geschrei sowie die Überstilisierung mitsamt Coloring-Filtern, Soundwords und allem Drum und Dran können den Film nicht die gesamte Spielzeit über tragen. Hier darf ausnahmsweise einmal empfohlen werden, sich vorab den Trailer anzusehen, der ein gutes Gefühl dafür vermittelt, ob man am Ende mit dem Streifen sympathisieren kann oder vor lauter Reizüberflutung geistig auf Durchzug stellt. Nur für hartgesottene Zombie-Liebhaber mit Faible für (perfekt) inszeniertes Chaos und keiner Scheu vor Taiwan-Insider-Überdosis.

© Greener Grass Culture Co., Ltd.

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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