Get In – Or Die Trying

Lesezeit: 4 Minuten

Viele Filme handeln davon, dass Menschen in ihrem Haus angegriffen werden und sich darin verbarrikadieren müssen. Get In – Or Die Trying von Olivier Abbou (Territories) dreht das Konzept um: Das Haus einer Familie wurde von den Angestellten übernommen und dank Gesetzeslücke gibt es auch erst einmal kein Zurück. Was wie ein Familiendrama beginnt, schaukelt sich zu einer blutigen Rache-Geschichte hoch. Ein Film über fehlende Loyalität, Erwartungen an den Ehepartner und Männlichkeitsbilder. Vielschichtig erzählt und unerwartet endend. Die Produktion feierte ihre deutsche Premiere auf dem Fantasy Filmfest White Nights 2020 und erscheint am 27. März desselben Jahres auf Blu-ray und DVD.

   

Familie Diallo hat einen entspannten Urlaub in der französischen Provinz hinter sich und erreicht bei strömendem Regen das Eigenheim. Doch das Tor öffnet sich nicht mehr, am Briefkasten prangt nun ein anderer Name und die Angestellten möchten ihnen keinen Zutritt gewähren. Kurz darauf erscheint die Polizei und entfernt die dreiköpfige Familie wegen Hausfriedensbruchs von dem Anwesen. Das Kindermädchen und deren Mann haben ein legales Schlupfloch im Gesetz ausgenutzt und sich den Besitz überschreiben lassen. Die Diallos verschlägt es mit dem Wohnmobil fürs Erste auf einen Campingplatz, bis eine Lösung gefunden ist. Es beginnt eine Zerreißprobe der Ehe zwischen Paul (Adama Niane) und Chloé (Stéphane Caillard). Die Situation wird nicht entspannter, als Chloés Rowdie-Ex-Freund und Paul aufeinander treffen …

Originaltitel Furie
Jahr 2019
Land Frankreich
Genre Thriller, Drama
Regie Olivier Abbou
Cast Paul Diallo: Adama Niane
Chloé Diallo: Stéphane Caillard
Mickey: Paul Hamy
Franck: Eddy Leduc
Laufzeit 97 Minuten
FSK
Seit dem 27. März 2020 im Handel erhältlich

Zwei Filme in einem

Mit dem Home Invasion-Genre hat Get In (im Original: “Furie”) trotz seines Titels und der Prämisse der Hausübernahme so gut wie gar nichts gemeinsam. Hier ist der internationale Titel ein wenig in die Irre führend und erinnert – sicherlich auch aus Vermarktungsgründen – an Get Out, doch selbst in diesem Vergleich lassen sich keine Gemeinsamkeiten finden. Es sei denn, man bricht sie auf die banalsten Parallelen hinunter, die Hautfarbe des Protagonisten. Tatsächlich verfolgt der 97 Minuten starke Titel inhaltlich zwei Handlungsstränge: Zum einen ist da die Zurückeroberung des Hauses, die aber nach dem ersten Drittel erst einmal in den Hintergrund rückt. Und dann ist da noch die Entwicklung des Protagonisten Paul. Ein sanftmütiger Lehrer, der sich von allen auf der Nase herumtanzen lässt und nun zusehen muss, wie er auch für seine Frau nicht mehr “Manns genug” ist.

Testosteronüberdruss

Der Plot hört sich absurd an und wird unweigerlich kritisch hinterfragt: Ist das Gesetz tatsächlich so lückenhaft, dass ein Haus einfach so während der eigenen Abwesenheit übernommen werden kann? Get In – Or Die Trying basiert auf einer wahren Begebenheit (zumindest in der Ausgangssituation), der Rest wurde (wie so oft) drumherum geschrieben. Die juristischen Aspekte werden vergleichsweise schnell beendet, was nicht weiter störend ist. Denn zu diesem Zeitpunkt wollen wir ohnehin wissen, wie die kleine Familie selbst aus dem Schlamassel findet. Das spielt sich dann auf zweierlei Ebenen ab: Paul hat eine andere Perspektive auf die Dinge als Chloé. Und so entwickeln sich zwei gegensätzliche Tendenzen, die regelrecht auf die Spitze getrieben werden. Genretypisch neigt das Drehbuch zu Übertreibungen und vor allem das ultrabrutale Finale verliert vollkommen den Boden unter den Füßen, sodass Ansprüche an Plausibilität spätestens hier endgültig verpuffen.

Fragliche Männlichkeitsideale

Die eigentliche Spannung zieht der Film aus der Frage, was einen Mann eigentlich ausmacht. “Seinen Mann stehen” oder “Manns genug sein”, wo fängt das an und wo hört das auf? Paul muss sich beweisen. Gegen die aufmüpfigen Hausbesitzer, hinterlistige Schüler und auf emotionaler Ebene muss er auch um seine Ehe kämpfen. In diesem Punkt wirft das Drehbuch von Olivier Abbou Fragen auf, in denen sich jeder Zuschauer, unabhängig des eigenen Geschlechts, wiederfindet. Wie attraktiv ist ein Partner, dem es augenscheinlich an Selbstbewusstsein und Kampfgeist fehlt? So lobenswert diese Perspektiven auf die Geschichte auch sind, um so fraglicher ist die Moral, mit der die Fragen Antworten erhalten. In dem Punkt machen es sich die beiden Drehbuchautoren sehr einfach, indem sie ehelichen Sex als Belohnung auszeichnen, der sich erst erkämpft werden muss. Ohne dass Paul Gewalt anwendet, schenkt Chloé ihm keinerlei körperliche Zuneigung. Eine gefährliche Botschaft, denn die Frage nach dem Männlichkeitsbild wird hier mit der Ausübung von Gewalt gleichgesetzt.

Fazit

Das Thema der toxischen Männlichkeit wird in Get In – Or Die Trying geradezu ausgeschlachtet. Glaubhaft gespielt, spannend in Szene gesetzt und gleichzeitig moralisch ziemlich fragwürdig. Eine explosive Mischung, die von Anfang bis Ende überzeugt. Als Zuschauer drängt sich die Frage geradezu auf, ob es dazu gehört, als Mann Gewalt anzuwenden. Ist das die Erwartung des Umfelds an die Geschlechterrolle? Ist Durchsetzungsvermögen das männlichste aller Attribute? Hat ein Alpha-Tier mehr zu sagen? Mit diesem gesellschaftlichen Unterbau wird der eigentlich simple Film deutlich komplexer und aufgewertet. Trotzdem enttäuscht in dieser Beziehung dann vor allem das Ende.

© Splendid Film

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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