Gattaca

Die 1990er waren das Jahrzehnt der Diskussion über Genmanipulation und Kritiker befürchteten, dass die menschliche Genetik ebenfalls solchen Eingriffen ausgesetzt werden könnte. Am 5. Juli 1996 wurde das knuddelige Schaf „Dolly“ geboren, das aus den Zellen eines erwachsenen Schafs geklont wurde. Nur ein Jahr später kam Andrew Niccols unbequemer Biopunk-Thriller Gattaca in die Kinos, der heute als Sci-Fi-Klassiker gilt. Dabei handelt es sich um einen jener Filme, deren Thematik nahezu zeitlos erscheint. Aufgrund seines ikonischen Retro-Futurismus-Look ist Gattaca zudem hervorragend gealtert, wie man auch der 4k-Blu-ray ansieht, die ab Juni 2021 verfügbar ist.

 

Irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft: Obwohl Vincent (Ethan Hawke, Before Sunrise) jung, intelligent und fit ist, gilt er in der Gesellschaft als gehandicappt. Seine Aussichten auf einen guten Job liegen bei null. Das liegt einzig daran, dass seine Eltern sich dagegen entschieden haben, ihn genetisch optimieren zu lassen. Deshalb ist er ein Invalider, ein sogenanntes “Gotteskind”. Trotzdem kämpft Vincent für seine Träume: Er möchte als Astronaut auf den Mars, und so bleibt ihm in dieser total überwachten Zukunft nur, eine falsche Identität anzunehmen.  Ein obskurer Vermittler bringt Vincent mit dem ehemaligen Weltklasseathleten Jerome (Jude Law, Hautnah) zusammen, der bereit ist, seine Identität zu verkaufen. Dieser ist zwar mit den besten genetischen Vorzügen ausgestattet, doch sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl. Mit Urinbeutel, den Haaren und Blutproben seiner Ersatzidentität ausgestattet, wird Vincent schließlich vom Gattaca-Konzern angestellt. Doch dann geschieht ein Mord und in der Nähe des Tatortes wird eine Wimper des Invaliden Vincent gefunden, der eigentlich keinen Zugang zu dem Gebäude haben sollte …

Der genetische Code als Differenzierungsmerkmal

Originaltitel Gattaca
Jahr 1997
Land USA
Genre Science-Fiction, Drama
Regie Andrew Niccol
Cast
Vincent Freeman: Ethan Hawke
Irene Cassini: Uma Thurman
Jerome Eugene Morrow: Jude Law
Direktor Josef: Gore Vidal
Dr. Lamar: Xander Berkeley
Anton Freeman: Loren Dean
Laufzeit 106 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Am interessantesten an der Zukunftsvision Gattaca ist, dass diese im Prinzip schon morgen Wirklichkeit werden kann. Bereits heute legen sich Menschen zuhauf unters Messer, um der Optimierung näher zu kommen. Der nächste Schritt ist dann die Veränderung der Genetik. Beachtet man das Produktionsjahr von Gattaca, war Andrew Niccol, der auch das Drehbuch zu The Truman Show schrieb, seiner Zeit voraus. In einer nicht allzu fernen Zukunft, sind die ethischen Grundsätze, die uns jetzt noch davon abhalten, Menschen zu klonen, längst nicht mehr existent. Der Nachwuchs wird demnach aus “dem Besten” der Eltern geklont, um dem Kind die bestmöglichen Zukunftschancen zu sichern. Gattaca muss und sollte man stets vor diesem wissenschaftlich-philosophischen Diskurs betrachten. Man sollte sich auf die Gedanken über das Wesen des Menschen, über seine Selbstbestimmung und seine Natur einlassen können.

Steckt Glück in den Genen?

Vincents Bruder wächst schneller, lernt schneller, ist kräftiger und lebenslustiger. Aber viel schlimmer für Vincent: Er ist der Liebling der Eltern, denn die haben Vincent längst als unfähig abgeschrieben. Sein Vater sagt es ihm sogar ins Gesicht: Vincent sei nur zum Putzen gut. Doch dann nimmt der Plot seinen Lauf: Dabei stellt sich heraus, dass Vincent tatsächlich, dank seiner Willenskraft, viel perfekter ist als all die genoptimierten Validen um ihn herum. Ihm gelingt, hinter der Fassade einer Identität, die dadurch aber gerade seine eigene wird, die totale Assimilation.  Eine nicht viel minder interessante Person ist jedoch auch Jerome Eugene Morrow, der als Wunschkind ein unglückliches Leben führt. Durch einen Unfall nun an den Rollstuhl gefesselt nützen ihm seine perfekten Gene überhaupt nichts. “Glücklichsein” steckt nämlich nicht in den Genen, sondern hängt auch von äußeren Einflüssen ab.

Zukunftsszenarien ohne knallende Effekte sind selten

Die Inszenierung dieser “nicht allzu fernen Zukunft” ist rundum gelungen. Alles wirkt sehr steril; das leicht orange Bild trägt viel dazu bei. Gefühle scheinen keine große Rolle mehr zu spielen und die Interaktionen zwischen den Charakteren fallen reichlich kühl aus. Auch die schlichte Romanze zwischen Vincent und Irene (Uma Thurman, Kill Bill) bleibt oberflächlich. Wirkliche Interaktion findet eher in der Zweckbeziehung von Vincent und Jerome statt.  Der Film besitzt nicht gerade viele Spezialeffekte, wie es zu dieser Zeit der Computer-Revolution im Kino normalerweise bei Science-Fiction-Titeln gängig war. Er glänzt stattdessen viel mehr durch seine kühle und gelackte Optik und all die perfekt gestylten Menschen, die irgendwie unwirklich und roboterhaft wirken. Auch wenn es dem Film deutlich an Tempo mangelt, gelang ist es Niccol, ein erstaunliches Drehbuch zu verfassen, das Anspruch und Spannung weitestgehend in Einklang bringen kann. Abgesehen von einigen besonders auf Nervenkitzel getrimmten Szenen, in denen es für den Helden eng wird, ist die Spannung jedoch bestenfalls solide und könnte durchaus höher sein, was am eher gemächlichen Tempo des Films liegt. Niccol sind Kleinigkeiten wichtiger. Insbesondere seine Detailversessenheit in Punkto ständige „Qualitätskontrollen“ der Mitarbeiter und die nie vernachlässigte Überprüfung ihrer Identitäten ist bemerkenswert – auch weil Ideen wie ein genetischer Fingerabdruck längst keine Fiktion mehr sind.

Fazit

Gattaca ist ein nachdenklicher Science-Fiction-Film, der sich auf wohltuende Weise von vielen Special Effects-Titel abhebt. Das Zukunftsszenario ist ein düsteres, doch selbst Genetik kann den uramerikanischen Traum des Alles-schaffen-Könnens nicht stoppen. Das Ende selbst ist aber ambivalent und wird manche Zuschauer begeistern, andere hingegen nicht.  Ganz rund ist die Produktion aber nicht: Die Liebesgeschichte zwischen Vincent und Irene bleibt auf der Strecke und lässt Leidenschaft vermissen und manchmal ist die Symbolik auch unnötig platziert, etwa bei den Schwimmwettkämpfen der beiden ungleichen Brüder. Aber das sind Kleinigkeiten, denn Gattaca bewegt sich weit über dem Standard, wofür der emotionale Kern der Handlung verantwortlich ist. Perfektion gegen Imperfektion. Motivation gegen Hoffnungslosigkeit. Schicksal gegen Selbstbestimmung. Es werden viele Themen verhandelt, was jedoch nie aufgesetzt wirkt. Die Einbettung in eine geradlinige Thriller-Handlung treibt den Film zudem voran und lässt mitfiebern

© Sony Pictures


Im Handel erhältlich:

 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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