Easy Rider

Freiheit und Abenteuer im Sattel einer Harley. Durch Amerika düsen, die Taschen voller Geld und immer was zu kiffen dabei. Das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Ein Umbruch in der Filmgeschichte, die Geburt von New Hollywood. Easy Rider ist ein Film, der einen Riesenberg Bedeutung und Legenden mit sich herumschleppt. Aber wie sieht das 50 Jahre später aus? Kann man sich immer noch für diesen Film begeistern, wie es das Publikum der späten 60er? Ist nachzuvollziehen, warum dieser Film 1969 einschlägt wie eine Bombe?

 

Wyatt (Peter Fonda, Todeszug nach Yuma) und Billy (Dennis Hopper, Blue Velvet) ziehen einen lukrativen Kokain-Deal durch und erfüllen sich ihren Traum von unbegrenzter Freiheit: Sie kaufen sich zwei coole Motorräder und machen sich auf den Weg von Los Angeles nach New Orleans zum Mardi Gras. Unterwegs treffen sie einen bekifften Marihuana-Dealer, eine Hippie-Kommune und gastfreundliche Farmer. Und den versoffenen Anwalt George (Jack Nicholson, Einer flog über’s Kuckucksnest), der sich ihnen spontan anschließt. Aber auch bösartige Rednecks, die sich schon durch den Anblick langhaariger Freaks zu Gewaltausbrüchen provoziert fühlen.

Das Problem mit Kultfilmen

Originaltitel Easy Rider
Jahr 1969
Land USA
Genre Road Movie
Regie Dennis Hopper
Cast Wyatt: Peter Fonda
Billy: Dennis Hopper
George Hanson: Jack Nicholson
Fremder auf dem Highway: Luke Askew
Farmer: Warren Finnerty
Sheriff: Keith Green
Karen: Karen Black
Mary: Toni Basil
Kind in der Kommune: Bridget Fonda
Laufzeit 95 Minuten
FSK

Easy Rider gehört zu der Sorte von Kultfilmen, bei denen man dauernd das Gefühl hat, man würde den Film schon kennen, auch wenn man ihn das erste Mal sieht. Weil schon so viel darüber gesagt wurde und die Bilder so sehr Allgemeingut geworden sind. Den Dauer-Heuler “Born to be Wild” kann wohl jeder mitgrölen. Und dann fällt wirklich und wahrhaftig der Satz “Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund”. (Allerdings nur in der deutschen Synchro, im Original sagt Peter Fonda ein paar Zeilen gleichen Inhalts, ohne es in einen Klospruch zu verpacken.) Selbst die Entstehung des Films ist legendenumwoben: Dennis Hoppers Wutausbrüche am Set. Die Menge Marihuana, die auf Produktionskosten für Cast und Crew gekauft wurde. Die angeblich dreistellige Anzahl Joints, die vor der Kamera geraucht wurden. Die Motorräder, die umgebaut wurden, um diese lässig zurückgelehnte Pose im Sattel zu ermöglichen, die aber für lange Strecken denkbar ungeeignet waren. Und kurz vor Ende der Dreharbeiten geklaut wurden. Die Zeilen, die Bob Dylan auf eine Papierserviette kritzelte und die dann zu “The Ballad of Easy Rider” wurden, dem Song, der die letzten Bilder des Films untermalt. Aber wie ist der Film denn nun eigentlich?

Hopper macht Kunst

Als erstes sticht ins Auge, wie sehr Regisseur Dennis Hopper (und alle anderen Beteiligten, die Hopper bei dieser Produktion tyrannisierte) bemüht ist, keinen gängigen Hollywoodfilm zu machen. Es gibt keinen Plot, nur eine lose Aneinanderreihung von Szenen, die Dialoge wirken improvisiert, die Schnitte sind hart und zuweilen mit ihrem schnellen Wechsel zwischen Gegenwart und Zukunft sehr auf ästhetische Wirkung aus. Der Film schreit geradezu “Hey, was wir machen, ist neu und cool und KUNST!” Dazu die allseits bekannten Sequenzen von Motorrädern vor großartiger amerikanischer Landschaft, untermalt von Rockmusik, die wie Werbeclips oder Musikvideos wirken. Moment. Filmgeschichtswissen an: Jahrzehnte von Werbeclips und Musikvideos sehen so aus, weil es Easy Rider gibt. Einen Film nicht mit einer eigens geschaffenen Filmmusik zu unterlegen, sondern mit gerade angesagter Populärmusik, das gab es vor Easy Rider nicht. Filmgeschichtswissen aus: Coole Bilder, coole Mucke, damals in den 60ern.

So lang sind die Haare doch gar nicht

Wenn man so ein Monument der 60er vor sich hat, dann will man verständlicherweise sein eigenes Bild der 60er darin finden und wundert sich gleich anfangs. Die beiden Hippies, die, wie der Film behauptet, schon durch ihr Aussehen die braven Bürger provozieren, würden heutzutage höchstens ein paar neugierige Blicke auf sich ziehen. Nicht mal richtig lange Haare haben sie. Peter Fondas Ohren sind ordentlich zu sehen und das Haar des etwas struppigeren Dennis Hopper reicht nicht einmal bis auf die Schultern. Und auch ihre Kleidung, Ethno-Hemd und schwarzes Leder für den einen, Wildlederjacke für den anderen, sieht für Betrachter aus dem Jahr 2020 weder besonders nach Hippie noch nach typischem Biker aus. Da ist wohl in über 50 Jahren das Gefühl für die Alltagskultur der Zeit verloren gegangen. Dafür fällt ziemlich schnell der Groschen, warum sie genau so aussehen. Der eine hat sein Bike und seine Lederjacke mit dem Sternenbanner verziert und trägt den Spitznamen Captain America. Der andere stammt mit seinen Wildlederfransen direkt aus dem wilden Westen. Und der dritte trägt auf dem Motorrad einen goldenen American Football-Helm. Amerikanische Helden alle drei, auf der Jagd nach dem amerikanischen Traum. In den Augen der hasserfüllten Provinzler aber just die Leute, die amerikanische Werte bedrohen. Aha. Film kapiert. Auch ohne Plot. War doch gar nicht so schwer.

Don’t bogart that joint

Es gibt wenig Filme, in denen Drogen so viel Screentime bekommen. Vor Easy Rider vermutlich kaum einer. Das muss 1969 ein ordentlicher Schocker gewesen sein. Aber wenn man von dem Kitzel des nie Gesehenen absieht, kann man filmisch mit Drogen drei Dinge anfangen. Man kann zeigen, wie sie gehandelt werden. Das ist illegal und gefährlich und hat darum Spannungspotenzial. Man kann Menschen zeigen, die Drogen nehmen. Oder man kann versuchen, mit filmischen Mitteln die Wirkung von Drogen auf das Hirn nachzuvollziehen, das wird dann eine weite Spielwiese für surreale Effekte. Easy Rider spielt alle drei Möglichkeiten durch. Wobei die Variante “wir schauen Menschen beim Drogenkonsum zu” die unbefriedigendste ist. Jede Menge bekifftes Gelaber und Gekicher am Lagerfeuer, das ganz schön nerven kann, wenn man nicht selber mitkifft. Dafür sieht die psychedelische Szene mit dem miesen LSD-Trip auf dem alten Friedhof immer noch eindrucksvoll verzerrt und rätselhaft aus. Und die knappe Schilderung eines Drogendeals, bei dem nichts schief geht und die Beteiligten mit dem Geld in die Freiheit düsen, macht in ihrer Unverfrorenheit immer noch Spaß.

Fazit

Ein Zeitdokument, bei dem man seine Kenntnisse der Filmgeschichte schon sehr bemühen muss, um ihn richtig zu würdigen. Denn die Zeiten haben sich sehr geändert. Heutzutage muss man nicht mehr mexikanisches Kokain verticken, um sich eine Motorrad-Tour von Los Angeles nach New Orleans zu gönnen. Man bucht sie ganz einfach im Reisebüro. Und auch Motorradfahren ist nicht mehr das, was es in den 60ern mal war. In der Kleingartenkolonie, wo ich ab und zu zum Grillen eingeladen bin, steht auf dem Pächterparkplatz die eine oder andere prächtige Harley. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Biker. Schrebergarten. Weiter in der Mitte der Gesellschaft kann man gar nicht ankommen. 50 Jahre später sind die Momente in Easy Rider. die noch am besten funktionieren, die Szenen mit Jack Nicholson. Die sind nun just das am wenigsten Experimentelle an dem Film. Ein Star, abonniert auf exzentrische Rollen, spielt einen seiner ersten exzentrischen Charaktere mit gut durchdachtem, stellenweise bedeutungsvollem Text und einem Mini-Handlungsbogen. Was der Film ansonsten eher nicht hat. Unterm Strich macht Easy Rider nach all der Zeit allerdings immer noch vor allem Lust auf Motorradfahren. Durch Monument Valley. Zu Rockmusik. Dabei habe ich gar keinen Motorrad-Führerschein.

© Sony Pictures


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