Drachenzähmen leicht gemacht

Drachen werden ja für gewöhnlich gefürchtet, gejagt und ausgerottet. Aber wieso denn immer so grausam? Warum nicht einfach mal zähmen? Wir lassen uns darin unterweisen vom Meister Hicks dem Hünen persönlich, und zeigen gleichzeitig, warum Dreamworks Animations Drachenzähmen leicht gemacht das ihm von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden 2011 verliehene Prädikat „besonders wertvoll“ auf jeden Fall verdient.

  

„Das einzige Problem ist das Ungeziefer“: Das nordisch-kalte Berg, Heimat kräftiger und mutiger Wikinger, ist nichts für schwächliche, neunmalkluge Besserwisser wie Hicks. Zu allem Übel ist er auch noch der Sohn von Häuptling Haudrauf dem Stoischen, der mit den Talenten seines Sprößlings so gar nichts anfangen kann. Genausowenig wie der junge Hicks mit den Wikingertugenden. Aber die werden dringend benötigt, wird Berg doch regelmäßig von einer Horde Feuer und andere giftige Dämpfe spuckenden Drachen um seine Nahrungsgrundlagen gebracht. Um sich nicht zu verletzen, darf Hicks nicht an den Abwehrkämpfen teilnehmen, was ihm den Spott der anderen jungen Wikinger einbringt.

Bis er eines Abends mit seinem selbst gebauten Katapult tatsächlich ein wahres Wunder vollbringt: Er trifft einen Nachtschatten – den gefürchtetsten und schnellsten aller Drachen, den noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Da sich das Tier jedoch hinter die Berge retten kann, steht Hicks dummerweise ohne einen Beweis für seine heroische Tat da. Doch bald findet er den Drachen in einer Schlucht, aus der dieser, durch Hicks Harpune am Schwanz verletzt, nicht fliehen kann. Wie einfach könnte Hicks ihn jetzt zur Strecke bringen, und endlich allen zeigen, was in ihm steckt. Aber als er dem Nachtschatten gegenübersteht, obsiegen Herz und Verstand. Stattdessen beschließt Hicks, den Drachen, den er „Ohnezahn“ nennt, verstehen zu lernen. Das hilft ihm nicht nur, die Drachen friedlich in Schach zu halten, statt sie mit roher Gewalt zu bekämpfen. Auch entdeckt er deren düsteres Geheimnis, und damit einen Weg, die Angriffe auf Berg für immer zu stoppen. Doch werden ihm seine Freunde glauben, allen voran seine Flamme, die kecke Astrid? Und wird er seinen sturen Vater überzeugen können, jahrhundertealte Wikingertraditionen einfach über Bord zu werfen?

Erfolgsproduktion trotz ausgelatschter Geschichte

Eine Gruppe haben der junge Drachenzähmer und sein feuriger Freund auf jeden Fall überzeugt: die Zuschauer. Mit einem Einspielergebnis von 494,9 Mio. USD weltweit, wovon 215,7 Mio. auf die USA und 15,5 Mio. auf den deutschen Markt entfallen, hat sich die erfolgreichste Dreamworks-Produktion außerhalb des Shrek-Franchises einen Platz unter den Top-Animationsfilmen gesichert. Zwei Fortsetzungen (Drachenzähmen leicht gemacht 3 erscheint im Februar 2019 in den deutschen Kinos), vier Kurzfilme und eine Serie um die Drachen von Berg sind ein weiteres, deutliches Zeichen für den Erfolg der Geschichte. Dass der Film darüber hinaus auch die Kritiker begeistert hat, lässt sich an den 2 Oscarnominierungen, einer Nominierung für den Golden Globe sowie den 10 Annie-Awards ablesen, die der Film unter anderem gewonnen hat.

Kritisch betrachtet, ist dieser Erfolg von Drachenzähmen leicht gemacht allerdings eher verwunderlich. Denn seine Geschichte ist nicht eben neu: Die Story vom Underdog, dessen verborgene Talente angesichts einer brenzliger Situation hervorstechen und ihm die Anerkennung seiner Gemeinschaft genauso sichern wie die Liebe des Mädchens, dieser „Stoff aus dem die Helden“ sind, ist so alt wie ausgelatscht. Vor allem im Animations-Genre. Und Drachenzähmen bietet, was die Handlung anbelangt, noch nicht einmal eine Variation dieses Themas, sondern exerziert es ganz klassisch durch. Kein Charakter, dessen Rolle nicht nach den ersten Sekunden seines Auftritts klar wäre, und auch die einzelnen Handlungsschritte bleiben im Schema und damit voraussehbar. Einziger wirklicher Unterschied zu anderen Filmen, zumindest im Fantasy-Bereich, ist die differenzierte Darstellung der Drachen als Wesen, die weder gut noch böse sind, sondern ganz eigene Motive für ihr Handeln haben. Aber ein Alleinstellungsmerkmal ist auch das nicht.

Prädikat: besonders wertvoll

Originaltitel How to Train Your Dragon
Jahr 2010
Land USA
Genre Animation, Comedy, Fantasy
Regisseur Dean DeBlois & Chris Sanders
Cast Hicks der Hüne: Jay Baruchel/Daniel Axt
Haudrauf der Stoische: Gerard Butler/Dominic Raacke
Grobian: Craig Ferguson/Thomas Nero Wolff
Astrid Hofferson: America Ferrera/Emilia Schüle
Laufzeit 98 Minuten
FSK

Außergewöhnlich ist an Drachenzähmen aber auch nicht das, „Was?“ der Erzählung, sondern das „Wie?“: Von den Charakteren über die Geschwindigkeit der Handlung bis zu Soundtrack und Visual Effects, der Film macht alles richtig und schafft es dabei auch noch, die goldene Mitte zwischen Komik und notwendiger Seriosität haargenau zu treffen. Am meisten zeigt sich das bei den Hauptfiguren: Deren vielschichtige Charakterisierung lässt den Konflikt zwischen Hicks und seinem Vater Haudrauf authentisch erscheinen. Statt den Underdog einfach nur als armes Opfer seiner ignoranten Umwelt zu stilisieren – ein Fehler vieler Versionen dieses Themas – gibt sich Hicks zu Beginn des Films mindestens ebenso ignorant gegenüber allem, was er als überholt und dumm abkanzelt. Und auch Haudrauf möchte seinem Sohn nicht schaden, sondern hat einfach Probleme, richtig mit ihm umzugehen. Umso verzweifelter, aber auch ehrlicher wirken daher die Versuche der beiden, ihren typischen Vater-Sohn-Konflikt zu überwinden. Drachenzähmen zeigt damit, wie wichtig es ist, Anderen zuzuhören, auf sie einzugehen, und jedem gegenüber Toleranz walten zu lassen. Bedeutendes Element dabei sind auch die Vermittlungsversuche zwischen Vater und Sohn von Grobian, dem Dorfschmied mit der Arm- und Beinprothese. Und das ist erstaunlich, ist der Charakter doch zugleich tragend für die Comedy der Geschichte, mit seinen hämischen, ironischen Sprüchen und seiner lockeren Art.

Visuals und Soundtrack: Alles passt zusammen

Doch dem Film gelingt nicht nur eine gute Mischung aus Ernst und Klamauk, auch das Pacing der Handlung, das Charakterdesign und der Sound harmonieren mit seiner Message. Schnelle, actionreiche Szenen wechseln sich gekonnt mit ruhigeren, teils nachdenklichen Phasen ab. Und alles erfolgt nach dem Prinzip „Show, don‘t tell“: Als Astrid Ohnezahn entdeckt, und Hicks sie mit Worten überzeugen will, sein Geheimnis nicht zu verraten, beweist der Drache sein Händchen im Umgang mit Frauen: Nach einer wilden Achterbahnfahrt durch die Lüfte erkennt Astrid beim ruhigen Gleitflug durch den Abendhimmel die friedliche Natur ihres einstigen Feindes, und lernt Hicks Absichten verstehen, ganz ohne Worte. Während sich dem Zuschauer dabei atemberaubende, das hohe Niveau der Animation von Drachenzähmen widerspiegelnde Ansichten eröffnen, wobei zuerst zackiger Dudelsack-Marschmusik und dann zarte Violinenklänge das Erlebnis perfektionieren. Generell hat Komponist John Powell (Soundtrack zu Shrek), der jüngst an der Musik zu Solo – A Star Wars Story arbeitet, dem Film einen epischen Soundtrack mit Wiedererkennungseffekt verpasst.

Äußerst passend hat Chris Sanders (Mulan (1998)) auch das Design der Drachen gestaltet. Ohnezahn und seine Kameraden lassen sich am besten als ulkig, gar schrullig beschreiben; teils mit niedlichen Zügen, können die Feuerspucker aber auch ganz schön bedrohlich wirken. Allen voran der Nachtschatten, dessen nicht zu leugnende Ähnlichkeit zum Titelhelden von Disneys Lilo und Stitch keinem Plagiat zu verdanken ist, sondern eher dem Umstand, das Sanders und Regisseur Dean DeBlois (Ebenfalls an Mulan beteiligt, als Koautor des Scripts) auch jenen Film zusammen gestaltet haben: je nach Gesichtsausdruck kann Ohnezahn schnell vom süßen Haustier zum gefährlichen Raubtier mutieren. Diese Ambivalenz unterstreicht gekonnt die wertvolle Moral des Films, Andere nicht aufgrund von Äußerlichkeiten oder Vorurteilen abzulehnen. Mitunter ein Grund, warum die eingangs erwähnte Auszeichnung der Filmbewertungsstelle Wiesbaden durchaus angebracht ist.

Bei meinem Nickname und Avatar kann ich es wohl kaum leugnen: Drachenzähmen leicht gemacht ist mein Favorit unter den Animationsfilmen. Und das nicht nur wegen seiner Message. Mir gefällt er so gut, weil seine Geschichte einfach bleibt, ohne große Schnörkel, und sich dafür die Zeit nimmt, ausgiebig auf die Gefühle und Motive der in ihr handelnden Figuren einzugehen und deren Situation aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Sich in sie hineinzuversetzen fällt äußerst leicht, und vor allem in Hicks und seiner Weltsicht habe ich mich nicht nur einmal selbst wieder entdeckt. Und dann wäre da natürlich noch der Nachtschatten: Ohnezahn ist für mich der mit Abstand coolste Drache, der je auf seinen Schwingen durch die Lüfte gesaust ist.

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nightfury

nightfury liebt Geschichte(n), gibt aber auch gerne seinen eigenen Senf dazu: er verkriecht sich für seine Doktorarbeit in staubige Archive und philosophiert viel zu lange über das Werk, das er konsumiert hat. Leider mag er auch Sprachen und ist ein Grammatik-Freak, weshalb kein Text vor seinem Pedantismus sicher ist. Wenn er mit seiner Besserwisserei dann endlich am Ende ist, hört er auch gern mal den Anderen zu oder spielt ihnen mit seiner Westerngitarre Lieder von Johnny Cash vor.

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