Dinner in America

Die gemobbte Einzelgängerin trifft auf den aggressiven Rebell, den man weder als Freund noch als Feind haben will. Boy meets Girl. Patty (Emily Skeggs, The Miseducation of Cameron Post) und Simon (Kyle Gallner, American Sniper) sind allerdings so abgedreht, dass sie selbst aus der Masse an ungewöhnlichen Paaren hervorstechen. Die Punk Rock-Tragikomödie Dinner in America von Adam Rehmeier (The Bunny Game) erzählt nicht nur eine der außergewöhnlichsten Romanzen, sondern präsentiert sich vor allem als abgedrehter Streifen mit absurd-komischen Einfällen. Auf dem Fantasy Filmfest 2020 hatte der Film die Ehre, als “Centerpiece” zu laufen.

   

Simon ist ein durchtriebener Teenager, der jede Sekunde zum Rauchen nutzt, dessen Wortschatz nur auf “Fuck” und “Shit” besteht und der nicht nur Mädels, sondern gleichzeitig deren Mütter datet. Ein echter Satansbraten und obendrein Sänger einer Punkrock-Band. Patty ist eines jener Mädchen, die anderen in der Pubertät hinterher sind: ihre Sexualität erwacht langsam, aber sonst ist sie eine Traumtänzerin, deren schlechter Geschmack sich nicht nur an bunten Streifenpullis und fiesen Leggins zeigt. Das Schicksal treibt die beiden ungleichen Teenager zusammen: Denn Simon hat das Haus seines letzten Dates abgefackelt und seitdem ist die Polizei hinter ihm her. Patty ist eine Zufallsbekanntschaft, zu der Simon sich mehr oder minder selbst einlädt – und damit auch das Leben von Pattys Familie auf den Kopf stellt. Dafür hat er aber auch einen Freifahrtschein, da seine Band gleichzeitig Pattys Lieblingsband ist. Denn die beiden ungleichen Außenseiter teilen eine Leidenschaft für in der Garage produzierte Punk-Musik. Das Schicksal nimmt seinen Lauf …

Rauh und ungezügelt

Originaltitel Dinner in America
Jahr 2020
Land USA
Genre Tragikomödie
Regie Adam Carter Rehmeier
Cast Simon: Kyle Gallner
Patty: Emily Skeggs
Norman: Pat Healy
Kevin: Griffin Gluck
Betty: Lea Thompson
Connie: Mary Lynn Rajskub
Laufzeit 106 Minuten
FSK unbekannt
Bislang kein Veröffentlichtungstermin

Dinner in America ist eine schräge Mischung aus Coming-of-Age, Romanze und Gesellschaftsstudie. Der Plot ist dabei relativ simpel: Ein Punk-Rocker und sein Groupie verlieben sich ineinander und begeben sich auf eine Reise durch die verfallenden Vororte des Mittleren Westens. Der Rest: Denkwürdig bis banal, aber immer mehr mit dem Fokus auf dem Weg als auf dem Ziel. Vor allem in der ersten Hälfte der Spielzeit dominieren Nebensächlichkeiten, gleichzeitig handelt es sich aber zumindest in der ersten halben Stunde um eine Eingewöhnungsphase. Das asoziale Verhalten der Protagonisten, das abstoßende Gesellschaftsbild und die allgemein vor dem Kopf stoßende Ausdrucksweise aller Anwesenden bringen wenig Bequemes mit sich. Danach beginnt die Handlung allerdings an Fahrt zu gewinnen und das Miteinander der beiden Protagonisten gewinnt an beispielloser Warmherzigkeit. In den beiden Außenseitern wird jeder mindestens eine Facette entdecken, die vielleicht etwas edgy, aber im Grunde sympathisch ist. Immerhin sind die Menschen, die wir uns suchen, eine Ersatzfamilie.

Anarcho-Witz und Awkward-Moments 

Die Höhepunkte sind klar in der zweiten Hälfte zu verorten. Fesselnd wird es dann, wenn die beiden Hauptfiguren bereit sind, es der unfreundlichen Welt um sie herum heimzuzahlen. Dann bis zu diesem Zeitpunkt mussten sie einiges einstecken und das oftmals unter der Gürtellinie. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stehen die Zuschauer auf Seiten der Protagonisten und fragwürdige Methoden nehmen die Entwicklung eines Crowdpleasers. In dieser Hinsicht ist das Drehbuch auch wenig überraschend und zehrt von dem unfreiwilligen Charme der Sonderlinge. Die ungelenken Annäherungsversuche der beiden Teens haben etwas Tragisch-Komisches an sich und bergen so machen Fremdschäm-Moment, fühlen sich aber genauso authentisch an. Man muss schon sehr abgestumpft sein, um dem jungen Paar auf dessen Trip nicht die Daumen zu drücken. Denn verdammt: Ihre Zuneigung ist von soviel Missgunst und Verachtung umgeben, bringt so wenig Perspektive und so viel Schmutz mit sich, dass sie wie ein Kleinod behütet werden muss. Bei soviel purer und aufrichtiger Romantik können selbst die desillusioniersten Zuschauer kein Veto mehr einlegen.

Wer will schon normal und langweilig sein?

Kyle Gallner stellt als Simon einen waschechten Antihelden da, dessen Attitüde ihm meilenweit vorauseilt (und meilenweit hinterherqualmt). Es dauert seine Zeit, mit dieser Figur warm zu werden, denn seine Einführung als asozialer Rüpel bringt viel Unterhaltsames mit sich, aber wenig bis gar nichts, was ihn als Sympathieträger auszeichnen würde. Wenn er erst einmal mit Pattys Peinigern aufräumt und dabei richtig mies wird, schlagen sich die Zuschauer ungeachtet des moralischen Kompasses unmittelbar auf seine Seite. Ähnlich verhält es sich mit Patty, die ebenso unbeholfen wie entschlossen-niedlich wirkt. Patty ist der Inbegriff einer Außenseiterin und ihre total normale Familie mit christlichen Werten geht ihr gehörig auf die Nerven. Das Mobbing in der Schule beginnt bei Spott seitens anderer Mädchen, die sich selbst über ihr Aussehen und Mode definieren, und endet bei sexueller Bedrängung durch zwei Mitschüler, für die Patty einfach ein leicht gefundenes Opfer darstellt, um den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern.

“You are punk as fuck”

Der ungestüme Plot folgt keinem klar erkennbaren Muster und hält sich immer wieder dort auf, wie es gerade zur Handlung passt. Hier ein Brocken, dort ein Brocken. Das allerdings ohne Leerlauf, sondern immer konsequent aufbauend. Regisseur und Drehbuchautor Adam Rehmeier versteht es, seinen Handlungsfluss nicht abreißen zu lassen, selbst wenn die jeweilige Szene scheinbar nicht mehr als die Schrulligkeiten der Figuren hergibt. Das ist mitunter ziemlich eigen, aber eigentlich gar nicht so außergewöhnlich. Schließlich war jeder mal ein Teenager, der sich in Rebellion geübt hat. Jeder hat mal die falschen Freunde gefunden und wieder verlassen und der Welt den Mittelfinger gezeigt. Für Rehmeier gleichzeitig auch ein nostalgischer Rückblick auf die eigene Jugend, in der er in Punkbands spielte, deren Musik genau jene Lebenseinstellung repräsentierte. Dementsprechend hoch ist auch der Stellenwert der musikalischen Begleitung.

Fazit

Ungehobelt, asozial, sperrig. Dinner in America ist so ein Film, dessen Zugänglichkeit sich erst auf den zweiten Blick ergibt, weil auf den ersten vielleicht Neugier geweckt wird, sonst aber zunächst einmal wenig ansprechende Punkte vorhanden sind. Mit verstreichender Spielzeit wird aber auch klar: Dinner in America lebt von der überzeugenden Chemie der beiden Hauptdarsteller und den Gemeinsamkeiten des ungleichen Paares. Manchmal wild und manchmal süß, manchmal zärtlich und manchmal abstoßend. Eine Geschichte voller Gegensätze, in der die Welt gehasst und manche Menschen geliebt werden dürfen. Ein lupenreiner Indie-Film mit „Fuck you“-Attitüde.

© Visit Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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