Die Wütenden – Les Misérables

Wer kennt nicht Les Miz, das Lloyd Webber-Musical nach dem Roman Les Miserables von Victor Hugo? Liebe, Hass und Leidenschaft auf den Barrikaden, untermalt von schmissiger Musik? Damit hat Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly (365 jours à Clichy-Montfermeil) nur eines gemeinsam. Es geht hier wie dort darum, wie bei den unterprivilegierten Massen ein Funke genügen kann, um einen Gewaltausbruch zu zünden. Regisseur Ly setzt auf Authentizität und siedelt seine Geschichte in der Gegenwart an. An dem Ort, an dem einst Victor Hugo Les Miserables schrieb: Montfermeil, zu Hugos Zeiten ein Dorf, heute eine heruntergekommene Hochhaussiedlung der Pariser Banlieue, geprägt von Armut und sozialen Spannungen. Seit 8. Mai 2020 ist der Film in Deutschland erhältlich.

Erster Arbeitstag im neuen Job für Polizist Stéphane (Damien Bonnard, J’accuse). Im Brennpunktviertel Montfermeil und mit neuen Kollegen. Kollege Chris (Alexis Manenti, Dans la Brume ist einer, der sich das Prädikat “Bullenschwein” redlich verdient hat. Seine Linie ist: Stärke demonstrieren, immer Recht haben, im Zweifel zuschlagen. Auch mal minderjährige Kifferinnen begrapschen, unter dem Vorwand einer Drogenkontrolle. Dem Neuen gleich seinen Platz ganz unten in der Hackordnung zuweisen. Sein Kollege Gwada (Djibril Zonga, C’est tout pour moi) vor Ort aufgewachsen, kann mit den Einwohnern zwar in ihrer Muttersprache reden und einen Konflikt auch mal gütlich lösen. Aber er stimmt mit Chris überein: man muss sich stets Respekt verschaffen, sonst geht man in diesem von Armut und Gewalt geprägten Bezirk unter. Als der 15-jährige Issa ein Löwenbaby aus einem Wanderzirkus klaut und die Zirkusleute mit Baseballschlägern dem ganzen Kiez Vergeltung androhen, müssen die Polizisten schnell handeln, bevor die Gewalt eskaliert. Issa ist schnell gefunden, aber als die Polizisten ihn verhaften wollen, werden sie von Issas Kumpels bedrängt. Gwada zieht die Waffe und trifft Issa mit einem Hartgummigeschoss ins Gesicht. Das ganze wurde von einer Drohne gefilmt, die ein anderer Junge hat steigen lassen. Dieses Dokument der Polizeigewalt könnte für viel mehr Zündstoff sorgen als das verschwundene Löwenbaby. Chris, Gwada und Stéphane machen sich auf die Jagd nach dem Speicherchip der Drohne …

Vor allem: Authentizität

Originaltitel Les Misérables
Jahr 2019
Land Frankreich
Genre Sozialdrama
Regie Ladj Ly
Cast Stéphane: Damien Bonnard
Chris: Alexis Manenti
Gwada: Djibril Zonga
Issa: Issa Perrica
Buzz: Al-Hassan Ly
Le Maire: Steve Tientcheu
Salah: Almamy Kanouté
Zorro: Raymond Lopez
Laufzeit 105 Minuten
FSK
Seit dem 8. Mai 2020 im Handel erhältlich.

Der Film beginnt mit Bildern aus dem Sommer 2018. Frankreich gewinnt die Fußballweltmeisterschaft, in Paris wehen die blauweißroten Fahnen, die Menschen feiern auf den Straßen und allenthalben erklingt die Marseillaise. Auch der 15-jährige Issa und seine Kumpels aus dem Hochhausvorort Montfermeil sind dabei. Einen Moment lang sind alle Franzosen vereint im Sinne von Liberté, Egalité, Fraternité. Aber in Montfermeil kann von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keine Rede sein. Regisseur Ladj Ly ist selbst vor Ort aufgewachsen und hat eine Menge über seinen Bezirk zu erzählen. Während der Straßenschlachten im Jahr 2005 war Ly Mitte 20 und hatte selber Drohnen steigen lassen und die Polizei belastende Aufnahmen gemacht. Seitdem ist sein Werdegang als Filmemacher davon geprägt, die Zustände in seinem Kiez zu dokumentieren. Mit Die Wütenden – Les Misérables versucht er zum ersten Mal, sein Thema nicht als Dokumentarfilm, sondern in Fiktion verpackt zu präsentieren. Dennoch bleibt er so nah an der Realität wie möglich, mit Handkamera an Originalschauplätzen und mit Laiendarstellern aus dem Bezirk, die sich quasi selber spielen. Obwohl manche Figuren mehr Aufmerksamkeit bekommen als andere, etwa Issa, der Löwendieb oder Stéphane, der von der Brutalität seiner Kollegen entsetzte Polizist, versucht Ly vor allem, das soziale Gefüge mit seinen verschiedenen Akteuren darzustellen. Da sind die Jugendlichen, die schon früh mit Gewalt und Kriminalität in Kontakt kommen. Da ist der afro-französische Kiez-König (Steve Tientcheu, The Crew) der sich selber ironisch “Le Maire”, den Bürgermeister nennt und von den Behörden geduldet, sogar unterstützt wird, um den brüchigen Frieden im Bezirk aufrecht zu erhalten. Da sind die radikalen Muslime, die unter den Jugendlichen nach Nachwuchs fischen. Sie sind ein durchaus ein Machtfaktor im Bezirk, aber mit ihren Ermahnungen zu gutem Benehmen und ihren Versuchen, die Jugendlichen mit der Aussicht auf Snacks in die Moschee zu locken, wirken selbst sie eher hilflos. Da sind die Polizisten, die brutales Zupacken für den einzigen Weg zu Respekt in diesem feindlichen Terrain halten. Alle versuchen, ein schwankendes Gleichgewicht zu halten, in einem Bezirk, wo jeder Konflikt im Nu zu Gewaltausbrüchen führen kann.

Wie aus Dokumentation ein Spielfilm wird

Ein Junge, der ein Löwenbaby aus dem Zirkus stiehlt. Ein anderer Junge, der eine Drohne steigen lässt, um in Mädchen-Schlafzimmer hineinzulinsen. Motive, die auch für einen Kinderfilm oder eine muntere Teenager-Komödie taugen könnten. In lang vergangenen Zeiten hieß so etwas mal “Lausbubenstreiche”. Was in einem anderen Erzählkontext ganz harmlos sein könnte, löst in Montfermeil eine Kette von Ereignissen aus, die in einem Gewaltausbruch kulminieren. Regisseur Ly wählt bewusst einen etwas märchenhaften Auslöser, um klar zu machen, dass wirklich alles und jedes die Gewaltspirale in Gang setzen kann. Und er gibt seinem seinem hochauthentischen Portrait eines sozialen Brennpunkts damit ein paar Moment der Skurrilität und des schwarzen Humors mit. Etwa, wenn aus dem Lautsprecherwagen des Zirkus, der eben noch für den Zauber der Manege geworben hat, plötzlich obszöne Drohungen durch die Straßen schallen. Aber insgesamt ist der Handlungsfaden eher dünn und unwichtig angesichts der Übermacht der Zustandsschilderung. Eine Weile treibt der Speicherchip der Drohne mit den belastenden Bildern die Handlung voran, er wechselt mehrfach den Besitzer, es muss darüber verhandelt und Position bezogen werden. Gelegenheit, verschiedene Akteure der komplizierten Gemengelage Montfermeil zu zeigen. Aber letztendlich ist auch das ohne Belang, denn die Bilder sind längst über das Internet verbreitet worden. Dieses Konzept funktioniert gut. Nur manchmal vergaloppiert sich der Film in seinen Details, etwa einem Blick auf das selbstgestrickte Kreditsystem afro-französischer Frauen, das am Wohnzimmertisch ausgehandelt wird. Interessant, lenkt aber ab. Und manchmal klingen die Erklärungen der Figuren etwas sehr papieren, etwa wenn Stéphane und Gwada über die Rolle der Polizei und den verhängnisvollen Schuss diskutieren.

Fazit

Insgesamt ist Die Wütenden – Les Misérables ein Film mit beeindruckend hohem Authentizitätsgefühl, der Missstände aufzeigt, aber versucht, alle Seiten des Konflikts beleuchten und alle Akteure zu Wort kommen zu lassen, ohne unzulässig zu pauschalisieren und für eine Seite Partei zu ergreifen. Das ist bei einem so explosiven Grundkonflikt wie “Polizist schießt auf Jugendlichen” keine kleine Leistung. Seine Auszeichnung in Cannes und seine Oscar-Nominierung 2020 hat sich die französische Produktion damit auf jeden Fall verdient.

© Wild Bunch


Seit dem 8. Mai 2020 im Handel erhältlich:

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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