Die Fliege

1986 – wir befinden uns mitten in den 80ern. Obskure und seltsame Mischungen sind schick. Sei es Polohemd auf einem weiteren Polo zu tragen, übergroße Sakkos hochzukrempeln und David Cronenberg (Die totale Erinnerung – Total Recall) machte sich auf, eine im Playboy publizierte Kurzgeschichte mit Jeff Goldblum (Jurassic Park) und Geena Davis (Tödliche Weihnachten) zu verfilmen. Produziert wurde der Film, der offiziell ein Remake ist, von Mel Brooks (Robin Hood – Helden in Strumpfhosen), die Musik stammt von Howard Shore (Herr der Ringe) und das Geschehen wurde von Kameramann Mark Irwin (Scream – Schrei) eingefangen. Was verbindet man als Zuschauer unweigerlich mit den 80er Jahren? Schlechten Geschmack, der bei Beteiligten und Befragten einen kalten Schauer über den Rücken hervorruft und gleichzeitig als ikonische Zeit betitelt wird. Vorhang auf für die ekelhafte Verwandlung in eine Stubenfliege.

 

Der Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum) arbeitet an der wahnwitzigen Idee der Teleportation. Nach vielen Fehlversuchen gelingt ihm endlich der Durchbruch. Er transportiert ein lebendiges Wesen, einen Pavian, von Kammer A nach Kammer B. Voller Enthusiasmus entschließt sich Seth, einen Selbstversuch zu starten. Die junge Reporterin Veronica Quaife (Geena Davis) hat den richtigen Riecher, als sie Seth kennenlernt und bemerkt, dass hier etwas Unglaubliches in der Luft liegt. Doch es bleibt bei der tollen Chemie zwischen den beiden. Während Seths Selbstversuch hat sich eine Stubenfliege in die Kammer verirrt. Hilflos muss Veronica mitansehen, wie Seth immerfort seine Menschlichkeit verliert. Innerlich und äußerlich.

Der Meister übernimmt

Originaltitel The Fly
Jahr 1986
Land Kanada, USA
Genre Science-Fiction, Horror-Thriller
Regie David Cronenberg
Cast Seth Brundle: Jeff Goldblum
Veronica Quaife: Geena Davis
Stathis Borans: John Getz
Tawny: Joy Boushel
Dr. Cheevers: Leslie Carlson
Geburtshelfer: David Cronenberg
Laufzeit 96 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Über 35 Jahre ist es nun her, als Mel Brooks an David Cronenberg herantrat und ihm das Projekt „Die Fliege“ anbot. Damals noch mit Die totale Erinnerung – Total Recall eingespannt, musste Cronenberg erst absagen. Es fügte sich dann aber alles zusammen und Cronenberg konnte den Film als Regisseur realisieren. Es darf vorweggenommen werden – Body Horror und Cronenberg – das geht Hand in Hand. Cronenberg verfilmte in Die Fliege nicht nur die Kurzgeschichte aus dem 1956er Playboy (kein Scherz), sondern erschuf auch ein genial gelungenes Remake des Titels von 1957. Cronenberg las in seiner Jugend sehr viele Sachbücher über Insekten (In einem Interview sagte er einst: regelrecht verschlungen). Sein Studium der Naturwissenschaften brach er ab. Seine Vorliebe für Natur, Insekten und Gewalt bewies er schon sehr früh in seinen Werken. Sei es in Shivers oder in Scanners. Dort zelebriert er als erster Regisseur einen explodierenden Kopf in Vollaufnahme. Und so auch in Die Fliege. Körperteile sind deformiert, Haut platzt auf, fällt ab. Schleim. Eiter. Gebrochene Knochen, explizite Darstellung. Es gibt nichts, was Cronenberg dem Kopfkino überlässt. Teilweise ging er so weit, dass das durchaus großzügige Produktionsstudio auf die Bremse treten musste. Oder auch das Testpublikum. Eine der Szenen zeigt eine Katzen-Affenmutation. Das ging dem Publikum zu weit. In der Tat ist das auch für heutigen Standard harte Kost. Cronenberg schafft Horror auf mehreren Ebenen. Seth ist die Raupe und häutet sich, ohne Kokon. Was entsteht, ist aber nicht der schnelle Schmetterling. Oder etwa doch?

Es fängt immer idyllisch und hoffnungsfroh an

Als Zuschauer beobachtet man den sympathischen aber auch kauzigen und zerstreuten Seth beim arbeiten. Es wird viel Zeit in Umgebung, Arbeit und Resultat investiert. So bekommt man einen Einblick in Leben, Alltag und Arbeit von Seth. Nichts Außergewöhnliches, aber selbst für 1986 – er ist ein Nerd. So sind die ersten Szenen in der aufkeimenden Romanze mit Veronica amüsant. Cronenberg versteht es hier, Seth tollpatschig aussehen zu lassen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Muss er sich doch mit dem männlichen Ex-Freund von Veronica messen, der voller Eifersucht die neue Beziehung und Seth in Frage stellt und torpediert.

“Der Film ist meine Version des sexuellen Erwachens eines Nerds”

Während viele Filme zu der Zeit von Die Fliege die Popkultur der Dekade auf Teufel komm raus einfangen wollten und nicht sehr gut alterten, besitzt dieser Horrorfilm einen Tiefgang, der zeitlos erscheint. Dreht sich das Visuelle um die Verwandlung Seths, zeigt die Erzählart den wahren Horror für Veronica. Will sie dem Macho und übertriebenen Testosteron-Ex-Freund entfliehen und in den Armen des liebevollen Seth ruhen, sieht Seth in Stathis Borans (John Getz, Geboren am 4. Juli) das männliche Ideal. Selbstsicher, ein Stück weit arrogant, stark, sich nehmend, was er will. “Der Film ist meine Version des sexuellen Erwachens eines Nerds”, sagte Cronenberg während eines Interviews. Dieses Zitat wirkt etwas skurril, doch bei genauer Betrachtung des Films und vor allem dem Verlauf der Beziehung zwischen Seth und Veronica ist das eine perfekt einfangende Synapse. Durch die Kreuzung der Gene erleidet Seth ein Hoch. Er wird dank seiner neuen „Kräfte“ genau das, was er nicht ist. Stark, muskulös mit männlicher Behaarung – damit geht sein gestiegenes Selbstvertrauen einher. Doch zerfrisst und zersetzt sich nicht nur sein Körper, sondern auch die Beziehung zu Veronica.

(Über) Interpretation des Zerfalls

Zu der Entstehung und Premiere von Die Fliege war die Krankheit AIDS omnipräsent. Die Gründe dafür dürfen sicherlich zum heutigen Zeitpunkt kritisch hinterfragt werden. So sahen viele Zuschauer, Kritiker und Institutionen im Verfall von Seth eine Allegorie auf die grassierende AIDS-Epidemie. Die Partnerin bzw. Partner muss zusehen, wie das Gegenüber langsam an der Krankheit (hier: Mutation) zugrunde geht. Genau diese Nuancen und Facetten machen Cronenbergs Werk so sehenswert. Nach erster Skepsis gegenüber dem ersten Entwurf nahm er sich mit Zustimmung von Mel Brooks des Drehbuchs an und änderte Dialoge und Handlungen um. Widerte er bei der Premiere Scharen von Kinogängern an, schuf er gleichzeitig einen intelligenten Instant-Klassiker des modernen Horrors. Die Liebe zum Detail mag verstören, doch ist man als Zuschauer nicht nur drastischen Effekten ausgesetzt, sondern erlebt eine zeitlose Geschichte und die immerwährende Frage: Welches Schönheitsideal soll von einem Mann verkörpert werden?

Fazit

Wenn Horrorfilme mehr Tiefgang als ein klassisches Drama besitzen, muss entweder ein Genie hinter der Kamera sitzen oder den Schauspielern gelingt es, Gefühle zu transportieren, die den Zuschauer berühren. In Die Fliege ist beides gelungen. Goldblum und Davis, zum damaligen Zeitpunkt ein Paar und wenig später verheiratet, spielen ihre Rollen nicht. Sie leben sie förmlich vor der Kamera. Dadurch bekommt die Geschichte der frischen Romanze eine besondere Note. So auch der tragische Zerfall und das Ende. Der gesamte Film kann als zynische Beziehungsallegorie betrachtet werden. Ganz ohne moralischen Kompass oder erhobenen Zeigefinger. Entweder man genießt den reinen Horror, oder ist als Zuschauer offen für weniger oder sehr offensichtliche Interpretationsmöglichkeiten. Kafkaesk ist Cronenbergs „Verwandlung“. Die Fliege begeistert noch heute und wird auch in vielen Jahren begeistern.

© 20th Century Fox


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