Die Addams Family

Lesezeit: 5 Minuten

Dideldidum, schnipp, schnipp… alle paar Jahrzehnte steigt Die Addams Family wieder aus der Gruft und gefühlt ist es dann immer Halloween. In den 1930er Jahren waren es die Zeitungscartoons des Zeichners Charles Addams (Schwarze Scherze), die das Leben der Gruselfamilie ausmalten. In den 1960ern eine Fernsehserie mit 64 Halbstunden-Folgen. In den 1990ern zwei Kinofilme mit der wunderbaren Anjelica Huston (John Wick: Chapter 3) als Gothic-Mama Morticia Addams. Zwischendrin immer wieder mal Zeichentrickversionen. Und jetzt kommt Die Addams Family als Computeranimations-Film im 21. Jahrhundert an.

 

Eigentlich sind die Addams eine ganz normale, amerikanische Familie: Papa, Mama, zwei Kinder, Oma, Onkel und ein Haustier. Nur, dass sie aussehen, wie aus einem klassischen, alten Universal-Horrorfilm entsprungen und eine entschiedene Vorliebe für düstere Gemäuer, Gothic-Interieur und makabre Hobbies haben. Und ihr Haustier eine abgetrennte Hand ist, die auf den Fingern rattenartig durch die staubigen Flure trippelt. Schon bei ihrer Hochzeit mussten Gomez und Morticia Addams vor dem traditionellen Mob monsterhassender Dorfbewohner flüchten. Doch dann fanden sie ein Eigenheim ganz nach ihrem morbiden Geschmack: eine verlassene Irrenanstalt inmitten einens nebelverhangenen Sumpfs. Dort ließen sie sich nieder und widmeten sich ganz dem Familienleben. Doch nun ist Tochter Wednesday alt genug für die Junior High School, Sohn Pugsley sträubt sich gegen Familientraditionen und in der kleinen Stadt am Rande des Sumpfs versucht Fernseh-Einrichtungsberaterin Margaux Needler ihre Vision vom pastellfarbenem Einheits-Styling für die ganze Nachbarschaft in die Tat umzusetzen. Da ist ihr die exzentrische Familie Addams mit ihrer verfallenen Villa ein Dorn im Auge…

They’re creepy and theyr’re cooky, mysterious and spooky

Originaltitel The Addams Family
Jahr 2019
Land USA
Genre Animation, Komödie
Regisseur Conrad Vernon, Greg Tiernan
Cast Gomez: Oscar Isaac
Morticia: Charlize Theron
Grandma: Bette Middler
Wednesday: Chloe Grace Moretz
Pugsley: Finn Wolfhard
Onkel Fester: Nick Kroll
Es: Snoop Dogg
Laufzeit 87 Minuten
FSK

Eine kleine Welt, die ganz aus Versatzstücken alter Horrorfilme und klassischer Gruselliteratur besteht – eine wunderbare Spielwiese für das Ausstattungsteam und für Autoren, die gern mit Zitaten jonglieren. Entsprechend ergeht sich der Film in liebevollen Details. Etwa Morticia am Schminktisch, wenn sie aus zwei Urnen mit der Aufschrift “Mom” und “Dad” etwas entnimmt, was sie als Puder und Lidschatten aufträgt. Oder Wednesdays straff geflochtene Zöpfchen, die in zwei kleinen Henkersschlingen enden. Oder der Butler Lurch, der gewissenhaft alle Flure einstaubt. Jedes Tapetenmuster, jeder Einrichtungsgegenstand in der Addams-Villa ist nach dem allgemeinen Grusel-Thema gestaltet und es macht Spaß, immer wieder etwas zu entdecken. Die Dialoge sind gespickt mit Anspielungen, die dem Kenner ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, aber an einem Kinderpublikum vermutlich vorbeirauschen. Ob die Altersgruppe ab sechs Jahren wohl versteht, warum man die Limette in die Kokosnuss tun muss? Oder warum der Baum mit den bedrohlich-beweglichen Ästen Ichabod heißt? Offenbar ist man davon ausgegangen, dass die Eltern mitschauen und auch etwas zu kichern haben sollen. Auch die Figuren werden alle ausführlich und liebevoll mit all ihren Skurrilitäten und makabren Eigenheiten eingeführt: Pugsley mit seinen Bomben, Wednesday mit ihren immerwährenden Versuchen, ihren Bruder umzubringen, Morticia mit ihren Seancen, Gomez, der nach all den Ehejahren immer noch unsterblich in seine Frau verliebt ist, das eiskalte Händchen, das durch das Haus huscht. Alles schön anzusehen, aber passiert denn auch mal etwas?

Wie, du hast kein Smartphone?  – Ich habe eine Armbrust. Ich dachte, jedes Mädchen hat eine.

Trotz all der Horrorfilm-Ausstattung wird es bei der Addams Family niemals wirklich gruselig. Das Stimmungsbarometer zeigt immer auf Komödie und die Handlung kommt nie auch nur in die Nähe eines Horrorfilm-Plots. Die Probleme, die die Handlung vorantreiben, sind vor allem Eltern-Kind-Konflikte oder entstehen durch den Kontakt mit der amerikanischen Mainstream-Umgebung. Denn letztendlich ist Familie Addams eine diffus-europäische Einwandererfamilie in den USA, die zwischen Tradition und Anpassung hin und her gerissen ist, während ihre Nachbarn zwischen Neugier auf das Exotische und Diskriminierung der Fremden schwanken. Dabei ist Margaux Needler, die Antagonistin mit der riesigen Dauerwelle und dem Drang, alles einheitlich niedlich zu gestalten, viel gruseliger, als es irgendein Mitglied der Addams Family je sein könnte. Als Familienkomödie setzt der Film darauf, alle Probleme durch Zuneigung und Verständnis zu einem harmonischen Ende zu führen. Ja, Wednesday trifft in der Schule auf Mädchen, die Rosa tragen, Smartphones besitzen und Außenseiter triezen. Aber sie findet auch eine Freundin, die sich alsbald für Gothic-Klamotten begeistert, während Wednesday zum Entsetzen ihrer Mutter rosa Einhorn-Haarspangen trägt. Ja, Pugsley will nicht für seine Bar Mitzwah, nein, seine Schwerter-Mazurka, dem bei den Addams traditionellen Eintritt ins Erwachsenendasein üben und lieber Bomben bauen. Aber seine Bomben erweisen sich als nützlich und Papa Gomez hat ein Einsehen. Ja, die Nachbarn lassen sich von der intriganten Margaux Needler gegen die Addams aufhetzen. Aber Margaux wird auch als Schurkin enttarnt, die Nachbarn sehen ein, dass auch exzentrische Fremde Menschen wie du und ich sind und in dem Städtchen siedeln sich letztendlich jede Menge Addams-Verwandte an.

Fazit

Ich mochte Die Munsters ja immer lieber. Das war im US-TV der 60er Jahre die Parallelserie zu The Addams Family und schlug in die gleiche Kerbe: Klassischer Horrorfilm küsst Familienkomödie. Aber die Munsters haben leider nie so viele Reinkarnationen erlebt wie die Addams Family. Wobei Die Addams Family von 2019 an keinem Punkt richtig spannend oder überraschend wird. Dafür tut der Film, was er soll: ein traditionsreiches Franchise an die nächste Generation weiterreichen, mit so viel Bewahren des Altbekannten wie möglich und ein wenig Neuem für das Kinderpublikum des 21. Jahrhunderts. Mit Handys und Internet mussten sich Familie Addams bisher noch nie herumschlagen. Verspielt, detailverliebt und garantiert ungruselig ist Die Addams Family der ideale Film für eine Halloween-Party mit Monstermuffins und Gespensterbowle. Ein Basteltipp am Rande: einen Latexhandschuh mit grünem Wackelpudding füllen, zuknoten und ab ins Eisfach. Vor der Party herausholen, Handschuh entfernen… fertig ist das eiskalte Händchen für’s stilsichere Gruselbuffet.

© Universal Pictures International

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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