Der eiskalte Engel

“Es gibt keine größere Einsamkeit als die des Samurai, es sei denn die des Tigers im Dschungel.” So leitet Jean-Pierre Melville seinen Film Le Samourai ein, der im Deutschen den ungleich kitschigeren, aber plakativeren Titel “Der eiskalte Engel” trägt. Denn es geht hier nicht um Kämpfer des feudalen Japan, sondern um den stoischen Auftragskiller Jef Costello, der im Paris der 60er Jahre seinem einsamen Handwerk nachgeht, verkörpert von dem 30-jährigen Alain Delon, dem damals schönsten Mann des französischen Kinos. Der Einleitungssatz ist übrigens kein Zitat aus einem Werk über Bushido, sondern eine Erfindung von Melville. Unauthentischer Japan-Kitsch also. Aber schön poetischer Japan-Kitsch, der einen stimmungsvollen Film Noir in einem Satz zusammenfasst.

 

Jef Costello (Alain Delon, Nur die Sonne war Zeuge) haust in einem schäbigen möblierten Zimmer und teilt seine Einsamkeit nur mit – nein, nicht einer Topfpflanze. Einem Vögelchen im Käfig. An einem Samstag Abend geht er seiner Arbeit nach: Ein Auto stehlen. Eine Waffe organisieren. Ein Alibi klarmachen. Einen Nachtklub betreten, der Eigentümer erschießen, den Nachtklub verlassen. Sauber, präzise, ohne zu zögern. Aber so sauber wie geplant läuft der Job leider nicht ab. Als Costello aus dem Büro seines Opfers tritt, steht ihm eine schöne Frau gegenüber, die Pianistin des Klubs (Cathy Rosier, La Poupée Sanglante). Und auch einige andere Gäste und Angestellte sehen ihn. Später am Abend wird er verhaftet und muss eine langwierige Gegenüberstellungs-Prozedur über sich ergehen lassen. Doch die Zeugen schwanken zwischen ja, nein und vielleicht und die Pianistin ist sich ganz sicher: das ist nicht der Mann, den sie am Tatort gesehen hat. Auch das Alibi, das ihm seine Geliebte Jane (Nathalie Delon, L’Armée des Ombres) verschafft hat, hält den Vernehmungen stand. Also wird Costello freigelassen und macht sich auf, das vereinbarte Entgelt für den Job entgegenzunehmen. Aber seine Auftraggeber machen sich Sorgen, dass er durch seine Verhaftung zu einer Gefahr für sie geworden ist. Am Treffpunkt erwartet ihn daher nicht die vereinbarte Belohnung, sondern eine Revolverkugel. Die geht nur in den Unterarm und er kann seinen Widersacher in die Flucht schlagen. Nun sind ihm sowohl die Polizei als auch seine Auftraggeber auf den Fersen. Ob es da besonders gerissen oder besonders unvorsichtig ist, den Kontakt zu der schönen Pianistin zu suchen?

Ein einsamer Killer

Originaltitel Le Samourai
Jahr 1967
Land Frankreich
Genre Film Noir, Thriller
Regie Jean-Pierre Melville
Cast Jef Costello: Alain Delon
Der Kommissar: François Périer
Jane Lagrange: Nathalie Delon
Valerie, die Pianistin: Cathy Rosier
Der Barkeeper: Rober Favart
Olivier Rey: Jean-Pierre Posier
Laufzeit 98 Minuten
FSK

Jef Costello heißt wie einer, der aus Little Italy kommt, aber ein New Yorker Mafioso ist er offenbar nicht. Sein Regisseur dichtet ihm einen Bezug zu japanischen Kämpfern an, wahrscheinlich hatte Melville Filme aus einem fernen Land gesehen, in denen Männer mit unbewegtem Gesicht das Schwert schwingen und sich gleichmütig gegenüber Leben und Tod ihrem Schicksal stellen. Aber auch das alte Edo ist nicht Jef Costellos Heimat. Er bewegt sich durch Paris, wo genau, kann man an den blinkenden U-Bahn-Netzplänen der Polizei sehen, die irgendwann jeden seiner Schritte überwacht. Doch eigentlich ist er nirgendwo zu Hause, denn er existiert ohne jeden Bezug zu anderen Menschen, nur für seine Arbeit, den Auftragsmord. Dabei gibt es durchaus Menschen um ihn herum. Da ist Jane, die er seine Verlobt nennt und die sich über das kleinste bisschen Zuwendung von ihm freuen würde. Da ist der Autoschrauber seines Vertrauens, die Pokerrunde, die ihn jederzeit in ihrer Mitte aufnimmt. Doch zu keinen von ihnen nimmt er emotionalen Kontakt aus, nicht einmal auf den virtuos mit der Kamera eingefangenen kleinen Flirtversuch einer attraktiven Autofahrerin durch regennasse Wagenfenster geht er ein. Das hatte das Publikum der sechziger Jahre vom jugendlichen Liebhaber Delon sicher nicht erwartet. Sprechen tut er kaum mehr als das Allernötigste. Zehn Filmminuten vergehen, bis der erste Satz fällt. Und dann sind die Dialoge von minimalistischer Knappheit: “Wer sind Sie?” – “Das ist unwichtig.” “Was wollen Sie?” – “Sie töten.” Peng.

Stil ist alles

Wenn Kino ist, wenn man schöne Frauen schöne Dinge tun lässt, wie Melvilles Zeitgenosse Francois Truffaut kokett anmerkte, dann macht Melville sinngemäß großes Kino, indem er eine Menge Screentime darauf verwendet, Delon cool aussehen zu lassen. Wie er einen Trenchcoat trägt. Wie er einen Hut aufsetzt. Wie er eine Waffe zieht. Wie er Auto fährt. Wer braucht schon Dialoge oder Mimik, wenn er Stil hat? Je weniger Costello von sich preisgibt, desdo mehr möchte man ihm bei seinem Weg durch Paris zusehen. Egal, was er tut, es sieht einfach formvollendet aus und die Kamera liebt ihn. Ganz anders der Kommissar, Costellos Gegenspieler: dicklich, unattraktiv, ein Durchschnittstyp. Aber redselig und wortgewandt. Durchaus optimistisch, dass er Costellos Alibi knacken kann, wenn er die Zeugin nur lange genug mit einer Mischung aus Drohung und Komplimenten unter Druck setzen kann. Aber die Aura des schweigenden Unnahbaren ist stärker.

Beauty killed the Beast

Wie alle diese ganz harten, ganz schweigsamen Kinohelden ist auch Jef Costello nur so lange unverwundbar, wie er seine emotionalen Mauern aufrecht erhält. Seine Emotionslosigkeit ist seine Rüstung und ein Funken Gefühl sein Untergang. Noch zweimal kehrt er an den Schauplatz des Verbrechens zurück, um die Jazzpianistin zu sehen, die Zeugin seiner Tat wurde. Vorgeblich, um an die Hintermänner seines Auftrags heranzukommen, mit denen er eine Rechnung zu begleichen hat, aber fatalerweise eben nicht nur. Sie ist genau so eine betörend schöne Kunstfigur wie er, mit ihren glitzernden Abendkleidern vor dem Plexiglas-Dekor der Bar. Auch sie hat nur wenig Text, aber anders als bei ihm spiegeln sich auf ihrem Gesicht alle Emotionen, die sie nicht in Worte fasst. Freude, Überraschung, Enttäuschung, Trauer. Und sie stellt die Fragen, die das Publikum sich auch stellt. Die er als bedeutungslos wegwischt. Warum tun Sie das? Was hat der Tote Ihnen getan? Was er genau für sie empfindet, erfährt man nie. Doch zum Schluss liegt er tot zu ihren Füßen, von einer Polizeikugel ereilt. In der Hand eine Pistole, mit der er sie hätte erschießen sollen. Aber die Waffe ist nicht geladen. Ein romantischeres Ende kann man dieser Geschichte kaum bauen.

Fazit

Der eiskalte Engel ist ein Film, der es geschafft hat, mit Würde zu altern. Die Kampfszenen entsprechen zwar mittlerweile Tatort-Niveau, aber dafür hat das Ambiente jetzt Retro-Chic, das den Film noch stilisierter macht. Die Citroen DS-Limousinen, die Jef Costello fährt, waren früher elegante Autos, jetzt sind es elegante Oldtimer. Die Frauen mit ihren Outfits und Frisuren der 60er waren auf der Höhe ihrer Mode-Zeit, jetzt tragen sie Vintage-Eleganz. Und Paris sieht längst nicht mehr pittoresk verfallen aus wie damals. Die von Melville und Delon geschaffene Kunstfigur des einsamen Jägers der Großstadtstraßen funktioniert nach wie vor und es fallen einem ohne Mühe so einige Nachfahren des Großstadt-Samurais ein, möglicherweise mit mehr Kampfskills und ausgefeilterer Storyline aber kaum mit mehr melancholischer Ausstrahlung als ihr Vorfahr aus dem letzten Jahrhundert.

© Gloria Filmverleih

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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3 Comments
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chianna
18. Mai 2020 21:55

Ich liebe diesen Film! Alan Delons Jef ist ein Charakter, der den ganzen Film über unnahbar bleibt, und der Versuch, hinter seine Maske zu blicken, gerade deswegen so reizvoll ist.

chianna
Antwort an  wasabi
20. Mai 2020 9:20

Hihi, der Film ist zwei Jahre jünger als ich. Bin halt noch mit Alan Delon, Marlene Dietrich, Kathrin Hepburn, Adriano Celentano, etc. großgeworden. Und Terence Hill hieß damals noch Mario Girotti.