Day Zero

Die schiere Masse an Zombie-Titeln, die in den letzten beiden Dekaden auf uns zugerollt ist, macht es schwer, die wirklichen Hits aus der Menge herauszulesen. Insbesondere dann, wenn kein Zugang über eine Streaming- oder Kino-Auswertung gelegt ist und man mal ebenso an die Filme herankommt. Ein Titel, für den wir uns eine baldige Lizenzierung wünschen, ist Day Zero von Joey De Guzman. Der philippinische Film darf nämlich als so etwas wie ein “Hidden Gem” eingestuft werden und bringt allerlei frische Ansätze mit. Dessen deutsche Premiere fand im Oktober 2022 auf dem Obscura Filmfest in Berlin statt. 

   

Emon (Brandon Vera, BuyBust) hat ein bewegtes Leben hinter sich. Der Elitesoldat sitzt seit acht Jahren im Knast, ist jedoch in dieser Zeit einen Wandel durchlaufen und heute ein besonnener und friedfertiger Mensch, der Konflikten aus dem Weg zu gehen versucht. Er freut sich auf seine Entlassung, die kurz bevorsteht, denn dann ist er wieder mit seiner Frau Sheryl (MJ Lastimosa, Unexpectedly Yours) und seiner kleinen Tochter Jane (Freya Fury Montierro) vereint. Da Jane gehörlos ist, lernt Emon schon einmal Gebärdensprache, welche ihm sein mitinhaftierter Freund Timoy (Pepe Herrera, Ikaw) lehrt. An einem Tag wird Emons Hoffnung auf eine baldige Entlassung jedoch zerschlagen, als er altruistisch für seinen Freund einspringt und in einen Streit verwickelt wird. Doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes. Als die Wärter für alle die Gefängnistore öffnen, wird schnell klar, dass etwas nicht stimmen kann. Der Scheint trügt nicht. Ein aggressives Virus greift um sich, dessen Mutation Infizierte in wilde Furien verwandelt. Unverhofft wähnen sich Emon und Timoy somit wieder in Freiheit und müssen sich auf eigene Faust durchschlagen …

Vielseitiger Hauptdarsteller mit MMA-Erfahrung

Originaltitel Day Zero
Jahr 2022
Land Philippinen
Genre Horror, Action
Regie Joey De Guzman
Cast Emon: Brandon Vera
Sheryl: Mary Jean Lastimosa
Timoy: Pepe Herrera
Oscar: Joey Marquez
Jane: Freya Fury Montierro
David: Yohance Levi Buie
Paolo: Ricci Rivero
Hazel: Jema Galanza
Laufzeit 82 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Obscura Filmfest 2022

Um gleich mal mit der Türe ins Haus zu fallen: Das größte Verkaufsargument von Day Zero ist sein philippnisch-amerikanischer Hauptdarsteller Brandon Vera. Seine Darstellung des Emon ist wunderbar vielschichtig. Auf der einen Seite besitzt er eine umwerfende physische Präsenz: Seine schrankartige Statur zeigt Wirkung und er ist nicht der Typ, mit dem man sich anlegen möchte. Der Kampfsportler (Ringname: The Truth) bringt eine ähnliche Attitüde wie Dwayne “The Rock” Johnson mit und darf seine Mixed Martial Artist-Kampfkünste präsentieren. Schon wieder ein kämpfender Kampfsportler, möchte man denken. Doch genau an der Stelle zeigt sich, dass sein Talent nicht ausschließlich sein Auftreten ist: Vera kann auch gefühlvoll. Seine Rolle ist menschlich angelegt und weit entfernt davon, einer dieser dauerverkloppenden Helden mit ultracooler “Leg dich nicht mit mir an”-Haltung zu sein. Insbesondere im Umgang mit seiner Tochter Jane zeigt er sich sehr nahbar. Das liegt aber auch am Drehbuch, welches sich Zeit für seine Figuren nimmt und auch andere von ihnen menschlich, logisch und authentisch handeln lässt. So macht insbesondere das Zusammenspiel zwischen Brandon Vera und Pepe Herrera als Timoy große Freude, da sich die ungleichen Knastgenossen ergänzen und schöne Buddy-Momente abliefern. Ihre Chemie funktioniert.

Zombie-Action in straightforward

Verzichten muss man auf eine komplexe Hintergrundgeschichte. Was das Virus ist, woher es kommt und wie die Verbreitung ihren Lauf nahm, all das bleibt unbeantwortet. Die Handlung spielt sich ausschließlich im Hier und Jetzt ab und wirft die Zuschauer:innen direkt ins Geschehen. Das ist maximal effektiv, um eine gewisse Dynamik herzustellen, bleibt aber unbefriedigend für alle, die gerne Geschichten erklärt haben möchten. Ähnlich verhält es sich mit dem Ende, das ebenfalls so unkonventionell wie Day Zero selbst ist. Der Ankerpunkt ist Emons Familie, die im Miteinander nicht ohne den einen oder anderen kitschigen Moment auskommt, soweit aber vor allem authentisch und liebenswert dargestellt wird.

Klaustrophobischer Überlebenskampf

Der blanke Überlebenskampf spielt sich überwiegend in einem Appartmentkomplex ab. Sicherlich auch aus finanziellen Gründen, denn Außenaufnahmen sind rar gesäht, bieten im Falle des Auftretens aber eine angenehme Abwechslung, da sich die ewig langen grauen Gänge und Treppenhäuser irgendwann auch abnutzen, da man sich schlicht daran sattgesehen hat. Das ist Kritik im kleinen Rahmen, denn Joey De Guzman weiß aus den beschränkten Möglichkeiten das Beste herauszuholen. Die Enge und Dunkelheit erzeugen eine klaustrophobische Stimmung, die das Voranschreiten zudem behindern. Mit nur wenigen Metern Sichtfeld wird so jeder Gang um die Ecke zu einem Risiko. Die Zombie-Meute ist mit allen Sinnen ausgestattet und reagiert prompt, sodass jeder Fehler tödlich quittiert wird. Dabei schinden insbesondere die Action-Szenen Eindruck, da De Guzman augenscheinlich großen Spaß an Slow-Motion-Sequenzen hat und die Kamera wertige Bilder einfängt. Mit einer solchen Qualität rechnet man auf den ersten Blick nicht, sodass der Überraschungseffekt ganz auf der Seite des Films ist.

Fazit

Trotz der vergleichsweise kurzen Spielzeit holt Day Zero alles heraus: aus dem niedrigen Budget, aber auch sämtlichen limitierten Möglichkeiten. Aufwand, Energie, Leidenschaft, das sind Eigenschaften, die bis zum Publikum durchdringen. Einen Hype wie etwa Train to Busan mag der Film nicht auslösen können, doch wer unverbrauchte Facetten im Zombie-Film entdecken möchte, tut sich einen Gefallen mit diesem Titel. Mit überzeugenden (und teilweise auch überraschend hochwertigen) Actionszenen, einem in Präsenz und Schauspiel starken Hauptdarsteller und einer charakterfokussierten Handlung gibt es wenig Anlass zur Kritik. Es bleibt zu hoffen, dass der Film seinen Weg, in welcher Form auch immer, nach Europa finden wird. Zum einen natürlich aufgrund der eigenen Stärken, zum anderen aber auch um den philippinischen Filmmarkt ein wenig sichtbarer zu machen.

© Reality MM Studios

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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