Crying Freeman

Es ist das Jahr 1995 und ein junger Franzose dreht seinen ersten Film. Er ist bis über beide Ohren verliebt in Hong Kong-Kino, in japanische Gangsterfilme, in Mangas und Animes. Und so macht er einen Film, in dem all das steckt, woran sein Herz hängt. Kurz bevor all das weltweit der richtig heiße Scheiß wird und Tarantino mit Kill Bill oder die Wachowskis mit Matrix ein westliches Publikum mit großzügigen Anleihen bei noch nie gesehenen asiatischen Bilderwelten beeindrucken konnten. 25 Jahre später ist Crying Freeman, der romantische Thriller um den Meuchelmörder wider Willen, der stets mit einer einzigen Träne im Auge tötet, dank Turbine Medien wieder da, in neuem Glanz, auf 4K-UHD-Blu-ray.

 

An der kalifornischen Küste unweit San Francisco steht eine junge Frau (Julie Condra, Beautiful) und malt, als Männer in Anzügen durch das Unterholz brechen. Vor ihren Augen werden zwei von dem dritten niedergeschossen. Der Mörder (Mark Dacascos, Pakt der Wölfe) sieht sie, in seinem Auge funkelt eine Träne. Er stellt sich ihr vor und verschwindet. Dass er ihr seinen Namen genannt hat, kann nur eins bedeuten: er wird sie töten. Sie ist fasziniert von dem schönen, gefährlichen Fremden und wartet voller Herzklopfen auf ein möglicherweise tödliches Wiedersehen. Es stellt sich heraus, dass der melancholische Killer in den Diensten einer geheimnisvollen Organisation aus Hongkong steht. Einst waren die Söhne des Drachen eine nationalistische Splittergruppe, die China zu befreien suchte. Jetzt sind sie eher Gangster, die Bandenkriege gegen einen japanischen Yakuza-Clan führen. Stets hatten sie einen herausragenden Kämpfer, den Freeman, in ihren Reihen, der die schmutzige Arbeit für sie übernahm. Über die Generationen hinweg wurde die Rolle des Freeman an geeignete Kandidaten weitergegeben. Der jetzige Freeman jedoch wurde gegen seinen Willen in diese Rolle gezwungen: der japanische Töpfermeister Yo wurde von den Söhnen des Drachen entführt, hypnotisiert und am ganzen Körper mit einem Drachenmotiv tätowiert. Seitdem führt er unter Hypnose die Mordaufträge der Söhne des Drachen aus, ohne Zögern, doch stets mit einer Träne im Auge. Doch als er sich in die junge Frau verliebt, die er töten soll, gerät er in Konflikt mit seinen Auftraggebern. Und da sind auch noch die Yakuza, deren Kronprinz er gemeuchelt hat. Und der amerikanische Ermittler (Tchéky Karyo, Nikita), auf den Lady Hanada (Yoko Shimada, Shogun), die Frau des Yakuza-Chefs ein Auge geworfen hat, denn sie will im Machtkampf um das Verbrechensimperium tatkräftig mitmischen …

Perfekter Stil und krachende Action

Originaltitel Crying Freeman
Jahr 1995
Land Kanada, Frankreich, Japan, USA
Genre Thriller, Action
Regie Christophe Gans
Cast Yo Hinomura: Marc Dacascos
Emu O’Hara: Julie Condra
Detective Forge: Rae Dawn Chong
Inspektor Netah: Tchéky Karyo
Koh: Byron Mann
Ryuji Hanada:Masaya Kato
Lady Hanada: Yōko Shimada
Shido Shimazakii: Mako
Laufzeit 102 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 26. Juni 2020

Einen Blick in eine andere Kinokultur zu werfen, kann intensive Begeisterungszustände auslösen. Es ist, als ob man einen neuen Kontinent entdeckt. Da existiert eine ganze, eigenständige Filmwelt, bisher hat man sie noch nie wahrgenommen und jetzt kann man ganz tief in sie eintauchen und weiß gar nicht, was man von all den Wunderdingen zu erst anschauen soll. Bollywood etwa. Oder Mangas und Animes. Oder Hong Kong-Kino. So muss es wohl Christophe Gans ergangen sein, als er den Manga Crying Freeman aus den späten 80ern entdeckte, der auf der anderen Seite der Welt schon mehrmals adaptiert worden war, in Japan als Anime und zweimal in Hong Kong als Realfilm. Und so dreht er einen Hong Kong-Film für ein westliches Publikum, denn in Hong Kong ist das Pathos steiler. Die Kämpfe rasanter. Blutfontänen sind ein ästhetisches Moment. Und manchmal können die Darsteller fliegen, dank geschickt gespannter Drähte. Aber Gans kann auch klassischen Film Noir. Und europäisches Kino der 60er. Alles Filmkulturen, die aus einem schlichten “Ich hau dir in Fresse”-Plot ein enorm stilisierte, ästhetische Angelegenheit voll Atmosphäre und Melancholie machen können. Ein weltweites Crossover der Filmkulturen, das auch böse hätte schiefgehen können. Bei anderen Kulturen zu klauen, die Beute aus dem Kontext zu reißen und in einen Film nach westlichem Geschmack zu stopfen, um das Publikum nicht in seinen Sehgewohnheiten zu verunsichern, das ergibt oft jämmerliche Filme. Aber ein Regisseur, der es schafft, die Träne im Auge des Killers zu zelebrieren, ohne dass das Publikum peinlich berührt kichert, der hat das richtige Händchen dafür. Der kann auch einen Mord bei Opernmusik mit einem im Blumenstrauß verborgenen Messer cool aussehen lassen oder dem Satz “Ich schwöre bei meiner Ehre!” genau die richtige Höhe Pathos verleihen, die ihn vor der Lächerlichkeit rettet. Und außerdem einen knackigen Actionfilm abliefern, der nach 25 Jahren immer noch gut aussieht.

Ein Thriller für die Damenwelt

Actionfilme sind eigentlich eher was für Jungs. Und fangen gern mit einem Anreißer voller Explosionen und fliegender Fäuste an. Nicht so Crying Freeman. Die Eingangssequenz spielt in einem geblümten, gerüschten Zimmer einer Frau und die Bewohnerin des Zimmers führt in die Geschichte ein: Wie sie einen faszinierend schönen und gefährlichen Mann traf, der jetzt durch ihre Träume und Sehnsüchte geistert. Später wird er alle ihre Träume in Erfüllung gehen lassen, denn er wird sie aus ihrer schuldbeladenen, jungfräulichen Einsamkeit befreien und sie wird die Traurigkeit in seinem Herzen heilen. Mittels leidenschaftlichem Sex; großflächig tätowierte Nacktheit auf cremefarben bestickten Seidenkissen. Klingt wie ganz schön steiler Kitsch, es könnte auch eine Fanfiction der unerträglichen Sorte sein, die ihre Daseinsberechtigung allein daraus bezieht, dass ihre Autorin erst 15 ist. Keine Sorge, Christophe Gans kann so etwas. Je größer der Kitsch, desto besser lässt er ihn aussehen. Ob das die Sorte Actionfilm ist, den Frauen generell sehen wollen, sei mal dahingestellt. Aber im Gegensatz zu manch anderen rein Testosteron-betriebenen Werken des Genres, wo Frauen schlicht überflüssig sind, weil die Kerle mit Kämpfen beschäftigt sind, bringt Crying Freeman die krassen Gegensätze von hochstilisierter Romantik und hochstilisierter Gewalt in ein perfektes Gleichgewicht. Man möchte weder das eine, noch das andere Element missen.

Eine wohlverdiente Jubiläumsedition

In Deutschland hatte Crying Freeman – Der Sohn des Drachen einen schlechten Start. Statt in die Kinos kam er 1995 nur auf VHS heraus und bekam erst nach dem Erfolg auf Video 1997 eine Chance im Kino. 2007 landete er auf den Index und blieb dort bis 2018. Dank der Bemühungen von Turbine Medien wurde die Indizierung widerrufen und der Film erhielt die FSK 16-Freigabe. Seit dem 26. Juni 2020 ist der Film in 4K-UHD und als Blu-ray verfügbar. Die Box enthält zwei Discs: die 4K-Ultra-HD Version mit der Uncut-Version in 102 Minuten Länge in den Sprachen Deutsch und Englisch. Und die Blu-ray Version, ebenfalls die Uncut-Version mit 102 Minuten in Deutsch und Englisch, allerdings erstaunlicherweise mit dem Vermerk “Nicht freigegeben unter 18 Jahren”. Außerdem gibt es auf dieser Scheibe auch 165 Minuten sehenswertes Bonusmaterial, einen Audiokommentar von Christophe Gans, Interviews mit Regisseur und Hauptdarsteller und allerlei Featurettes.

Fazit

Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich Crying Freeman – Der Sohn des Drachen zum erstem Mal gesehen habe, es muss ein Zufallsgriff in die Regale der Videothek an der Ecke gewesen sein. Ich hatte damals ein paar Tsui Hark-Filme gesehen und wusste vage, dass es da draußen eine wunderbare Welt des asiatischen Kinos gab. Das Seherlebnis war ein absoluter “WtF ist DAS denn?!”-Moment. Viele Jahre und viele Filme aus Asien später macht mir Crying Freeman – Der Sohn des Drachen immer noch Spaß. Gealtert ist eigentlich nur die Eingangssequenz, dem computeranimierten Drachen sieht man seine Entstehung Mitte der 90er schon sehr an. Ansonsten ist das immer noch das steile Pathos-, Kitsch- und Kampffestival, das ich in Erinnerung hatte. Schön, dass es den Film jetzt wieder in ausgezeichneter Qualität zu sehen gibt, bei einem Film, der optisch so viel hermacht, lohnt sich das auf jeden Fall.

© Turbine Classics GmbH


Seit dem 26. Juni 2020 im Handel erhältlich:

Sharing is caring / Artikel teilen:

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

1 Kommentar
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
View all comments
Alva Sangai
27. Juni 2020 13:02

Interessant, den behalte ich im Auge. Gerade wo der jetzt nochmal als 4k in den Handel gekommen ist 😀