Bomb City

Nacht. Eine Gruppe Jugendlicher fährt bewaffnet in einem Auto durch dunkle Straßen, die noch vom letzten Regen glänzen. Eine andere, weitaus größere Gruppe Jugendlicher feiert auf einem Parkplatz. Eindeutig ebenfalls bereit, sich zu beweisen. Notfalls mit Gewalt. Der Beginn der Handlung von Bomb City gibt sofort ein hohes Tempo vor. Zeigt, worauf die Geschichte unweigerlich zusteuert. Den Weg dahin erzählt der Regisseur Jameson Brooks in seinem 2017 gedrehten Langfilmdebut. Dabei schlägt er ein düsteres Kapitel der US-amerikanischen Justizgeschichte auf.

    

Brian Deneke (Dave Davis, Ozark Sharks) ist ein junger Mann, der seine Familie und seine Freunde liebt. Er hat den Lebensstil eines Punks gewählt und gibt sich Mühe, um zusammen mit seinen Freunden finanziell über die Runden zu kommen. Natürlich nicht, ohne den Spaß am Leben aus den Augen zu verlieren. Doch in Bomb City, einem heruntergekommenen Viertel in Amarillo, Texas, werden Menschen, die anders denken und sich abseits der Norm kleiden schneller abgestempelt, als man sonntags Amen in der Kirche sagen kann. Schnell kommt es zum Konflikt mit einer Clique High School Schüler, doch das gegenseitige “Lektionen erteilen” eskaliert bald.

Die Symmetrie der Gewalt

Originaltitel Bomb City
Jahr 2017
Land USA
Genre Thriller, True Crime
Regisseur Jameson Brooks
Cast Brian Deneke: Dave Davis
Rome: Maemae Renfrow
Cody: Luke Shelton
Marilyn Manson: Marilyn Manson
Laufzeit 95 Minuten

Mit jeder Begegnung zwischen den Punks und den elitären Schülern wird deutlicher, dass es am Ende des Films einen Knall geben muss. Spätestens, wenn es den ersten Einschub im Gerichtssaal gibt, weiß der Zuschauer, dass es im Verlauf des Films zu einer Straftat kommen wird. Kennt man die Geschichte von Brian Deneke nicht, so wird man geschickt bis zum Zeigen des Konflikthöhepunkts drüber im Unklaren gelassen, was passieren wird. Mit der Erinnerung an die Anfangsszenen, in denen Brian und seine Freunde auf die Schüler losgehen, glaubt man noch, dass nicht Brian sterben wird sondern einer der anderen.  In klaren Vergleichsszenen zeigt Jameson Brook die Stellung der gegnerischen Kräfte. Hier die braven Jungs um Cody Cates (Luke Shelton, Weekender), die sich im gesellschaftlich anerkannten Rahmen des Sports austoben und dafür ein wenig rumpöbeln können. Dort die herumlungernden Punks, die nichts zum Gemeinwohl beitragen und für jede Straftat mit härtesten Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden

Am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen. Oder Monster.

In Bomb City sieht man nicht nur den Verlauf der Demütigungen, die Brian und seine Freunde ertragen müssen und die letztendlich zur Katastrophe führen. Mit kleinen Einschüben beweist der Film auch, dass alle Figuren im Prinzip nur Menschen sind. Brians Annäherung an Rome (Maemae Renfrow, Sickhouse) und der Beginn ihrer Liebe zeigt die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt. Auch Cody versucht bei den Mädchen zu landen. Wenn auch weniger erfolgreich. Innerhalb des Footballteams am unteren Ende der Hackordnung entsteht in dem jungen Mann ein gefährlicher Mix aus Gefühlen. Brooks schafft mit seinem Film vielschichtige und glaubwürdige Charaktere. Damit wirkt das Ergebnis der Auseinandersetzung noch viel mehr wie ein Fausthieb in die Magengrube. Eingerahmt von einer Rede Marilyn Mansons bekommt die Geschichte noch einen weiteren emotionalen Kontext.

Mit einem diffusen Wissen über die Handlung bin ich in Bomb City regelrecht hineingestolpert und wurde von den Charakteren sofort mitgezogen. Das Gefühl der nahenden Katastrophe ist allgegenwärtig, verstärkst durch das Wechselspiel zwischen erzählender Handlung mit der Gerichtsverhandlung. Es ist ein Film voller Frust: Darüber, wie man behandelt wird und wie machtlos man oftmals ist. Auch wenn ich immer auf der Seite der sympathischen Punks war hat es der Regisseur geschafft, dass ich sogar mit Codys Leben Mitleid habe. Bis zu diesem einen Lächeln, mit dem soviel Bildgewalt entfesselt wird, dass in mir Massen an Gefühlen explodiert sind. Bomb City ist definitiv ein Film, den ich mir nicht nur einmal ansehen werde!

© Indeed Film

MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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Ayres
Redakteur
24. Dezember 2020 1:45

Brandheißes und sehr aktuelles Thema. Ich hatte mir unter dem Film ein bisschen etwas anderes vorgestellt, mehr in Richtung Thrill als Drama, finde aber das Ergebnis sehr stimmig. Ich hätte vor allem nicht gedacht, dass der Film so … feinstofflich erzählt ist, das hebt ihn schon aus der Masse hervor. Etwas mehr Differenzierung hätte dem Film aber definitiv gut getan, anstatt bekannte Klischees zu festigen. Am Ende gehören eben immer zwei Parteien dazu.
Ich betrachte den Titel keineswegs als Punkfilm, sondern mehr als einen Gangfilm.