Beyond the Infinite Two Minutes

Es lauert jederzeit um die Ecke: Das nächste Kultphänomen, auf das wir alle warten. Das war im breiten Stil etwa Squid Game auf Netflix oder in Genre-Fan-Kreisen die wahnsinnig durchdachte Komödie One Cut of the Dead. Beyond the Infinite Two Minutes ist der nächste Mega-Hit, der aus Japan kommt … und hoffentlich nicht lange unter dem Radar fliegen wird. Regisseur Junta Yamaguchi und Drehbuchautor Makoto Ueda (Night is Short, Walk on Girl) haben sich für ihre Sci-Fi-Komödie ein besonders originelles und erfrischendes Konzept überlegt, das in Sachen Intelligenz, Originalität und Charme bereits Japan erobert hat und jetzt nur noch eine entsprechende Bühne braucht, um den Rest der Welt zu überzeugen. Den Anfang in Deutschland hat das Fantasy Filmfest 2021 gemacht, wo der Film direkt den Fresh Blood Award einheimste.

   

Kato (Kazunari Tosa, Bakuman) ist von Beruf Café-Besitzer und hat sein Appartement direkt über seinem Laden. Als er eines Tages in seinem Zimmer sitzt, wird er von einem Doppelgänger auf seinem TV-Bildschirm begrüßt. Genauer gesagt: Von einer Version seiner selbst, die zwei Minuten in der Zukunft lebt. Nach anfänglicher Verwirrung schickt sein zukünftiges Ich ihn wieder nach unten ins Café, wo er den Kato von oben auf dem nächsten Bildschirm sieht. Seine Kollegin Aya (Riko Fujitani, Beautiful Dreamer) kommt schnell dahinter, was Sache ist, und kann kaum glauben, was sie da sieht. Prompt ruft sie ihre Freunde herbei, die angesichts dieses Zukunftsfernsehens völlig aus dem Häuschen sind. Die Situation wird immer verrückter, als immer mehr Freunde hinzukommen, ihre zukünftigen Versionen über den Bildschirm kennenlernen und das Raum-Zeit-Kontinuum völlig aus den Angeln gehoben wird.

Originaltitel Droste no hate de bokura
Jahr 2020
Land Japan
Genre Science-Fiction, Komödie
Regie Junta Yamaguchi
Cast Kato: Kazunari Tosa
Megumi: Aki Asakura
Aya: Riko Fujitani
Komiya: Gota Ishida
Tanabe: Masahi Suwa
Laufzeit 70 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2021

Ich bin du … in zwei Minuten

Beyond the Infinite Two Minutes ist ein Phänomen: Gedreht wurde der Film mit einem Minimal-Budget von 27.000 Dollar. Für Regisseur Junta Yamaguchi ist es der Erstling und die Hoffnung lag darauf, wenigstens 5.000 Kinotickets loszuwerden. Dann strömten in Japan allerdings mehr als zwei Millionen neugierige Zuschauer:innen die Kinosäle und der Film wurde auf Festivals zum Hit. Worin liegt also das Phänomen? Ganz einfach: Die Geschichte ist so simpel wie komplex. Der gesamte Film besteht aus einem einzigen Onetake (gefühlt, auch wenn hier und da getrickst wurde). Das bedeutet: Alles spielt am Stück, es gibt keinen einzigen erkennbaren Schnitt und die Kamera ist den Protagonisten stets auf den Fersen. Dabei geht es wesentlich rasanter zu, als man angesichts der Prämisse vermuten möchte. Dabei spielt die Handlung bis auf wenige Szenen beinahe nur an zwei Locations: in Katos Appartment und im Café. Treppe rauf, Treppe runter. Immer wieder. Ganz simpel.

Originelles Do-It-Yourself-Projekt

Beyond the Infinite Two Minutes wirkt, als hätte sich eine Gruppe von Freunden entschieden, einen Nachmittag damit zu verbringen, einen Film zu improvisieren. Und so ähnlich muss es auch gelaufen sein. Die Darsteller entspringen der Theatergruppe Europe Kikaku, gefilmt wurde mit einer Handykamera und die beiden kostengünstig gewählten Sets befinden sich innerhalb eines Hauses. So schlicht das alles ist, so durchdacht ist das Konzept. Sekundengenau (!) ist dabei alles durchgetaktet. Die 70 Minuten Spielzeit klingen nach wenig, vergehen aber wie im Flug und hinterlassen das sättigende Gefühl, in dieser Spanne eine Menge erlebt und mitgenommen zu haben. Was sich ausnahmsweise mal nicht als negativ erweist, ist das Overacting des japanischen Ensembles. Denn das expressionistische Schauspiel trägt eine Menge zur Skurrilität der ganzen Situation bei. Schließlich hat man selbst keine Ahnung, wie man reagieren würde, wenn man mal eben so eine TV-Verbindung in die Zukunft entdeckt.

Zeitreise in Echtzeit

Es gehört zum experimentellen Charakter des Films, dass man an die interne Logik keine allzu großen Anforderungen stellen darf. Wieso ist die Schleife denn nicht unendlich? Wie lange sind bitte Stromkabel in Japan? Man könnte vieles einer logischen Prüfung unterziehen und den Film einfach in sich zusammenfallen lassen. Viel cleverer ist es aber, sich auf alle Begebenheiten einfach einzulassen. Denn dann bekommt man einen Film, der anders als andere Zeitreise- und Zeitschleifenkomödien das Geschehene in Echtzeit kommentiert und hinterfragt. Das stellt jegliche Verhaltensweisen der Figuren, wie man sie aus anderen Filmen kennt, komplett auf den Kopf. Zumal Kato auch ein sympathischer Protagonist ist, der von allen Beteiligten am wenigsten Euphorie zeigt. So eine Zeitreise mit zwei Minuten Versatz bringt allerdings auch viel Wiederholung mit sich. Klingt erst einmal dröge, doch alle Informationen, die man bei der Wiederholung aufnimmt, rücken die Situation immer wieder in ein neues Licht. Dadurch bleibt die Handlung äußerst lebhaft. Eine echte Achterbahnfahrt, die in Staunen versetzt. Dank des perfekt aufeinander eingespielten Ensembles wird dabei eine Menge guter Laune freigesetzt, die geradezu ansteckend ist.

Fazit

Was bei diesem Experiment alleine in Planung geflossen sein muss, entbehrt jeglicher Verhältnismäßigkeit und sorgt für mächtig Eindruck. Mit einem Händchen für Situationskomik und liebenswerten Figuren inszeniert Regisseur Yamaguchi seinen ersten Spielfilm. Es dauert nicht lange, bis sich erste Mindfuck-Anzeichen zeigen, so verschachtelt wie das Zeit-Kontinuum irgendwann wird. Doch es ist vollkommen in Ordnung, wenn der Verstand aussetzt und gar nicht erst versucht, die Anomalie zu begreifen. Bei Beyond the Infinite Two Minutes reicht es vollkommen aus, sich von dem Charme der Produktion mitreißen zu lassen. Zu lachen gibt es genug dank des hohen Ideenreichtums.

© Third Window Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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