Becky

Die Pubertät ist eine launische Zeit. Man wertschätzt nicht viel, weiß alles besser und ist grundsätzlich durchweg von einer Wut getrieben. Becky (Lulu Wilson, Annabelle 2) bildet hierin keine Ausnahme. Sie durchlebt mehr oder weniger mit ihrem Vater Jeff (Joel McHale, Community) eine Trauerphase. Die Mutter, ein Anker im Leben einer jungen Frau, ist viel zu früh von ihr gegangen. Also was passiert, wenn man John Wick-mäßig einer Teenagerin augenscheinlich alle Anker im Leben wegzerrt? Genau, der innere „Wick“ bricht heraus und sorgt dafür, dass auch körnige, bärtige Neonazis wie Dominick (Kevin James, King of Queens) es bereuen, einer angepissten Teenagerin über den Weg gelaufen zu sein und sich mit den Hunden angelegt zu haben. Der Rache-Thriller des Regie-Duos Jonathan Milott und Cary Murnion ist auf dem Fantasy Filmfest 2020 zu sehen.

Jeff möchte mit seiner Tochter Becky einen Familienurlaub angehen. Hierzu möchte der besorgte Vater Becky mit dem Umstand überraschen, dass das Ferienhaus, welches nach dem tragischen Tod der Mutter verkauft werden sollte, doch nicht verkauft wird! Wermutstropfen – die neue, nervige Freundin Kayla (Amanda Brugel, The Handmaid’s Tale) samt Sohn Ty (Isaiah Rockcliffe, The Expanse) sind ebenfalls zum Ausflug eingeladen – plus zusätzliche „Breaking News“. Zu allem Überfluss für Becky sind die frisch ausgebrochenen Nazis Dominick, Apex (Robert Maillet, Sherlock Holmes), Cole (Ryan McDonald, Bad Blood) und Hammond (James McDougall, Condor) ebenfalls am Haus angekommen und erschießen einen der Familienhunde …

Ich bin wütend, so wütend, weil ich ein Teenie bin

Originaltitel Becky
Jahr 2020
Land USA
Genre Thriller, Horror
Regie Jonathan Milott, Cary Murnion
Cast Becky: Lulu Wilson
Dominick: Kevin James
Jeff: Joel McHale
Apex: Robert Maillet
Kayla: Amanda Brugel
Ty: Isaiah Rockcliffe
Cole: Ryan McDonald
Laufzeit 93 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 30. Oktober 2020

Becky ist nach dem Tod ihrer Mutter der klassische jugendliche Rebell. Aufmüpfig, alles besser wissend, ignorant und klar, natürlich rebellisch. Aber vor allem eines: ängstlich und wütend. Das Drehbuch greift tief in die Klischeekiste und stellt nach Schema F eine aufmüpfige Teenagerin dar. Profan und nicht einfallsreich, aber zweckerfüllend. Der gut gemeinte Versuch des Vaters, mit einem Ausflug an das geliebte Haus am See, eine gemeinsame und schier schmerzhafte Erinnerung für Becky, geht nach hinten los. Gerade als die Hoffnungen der Tochter durchschimmern, kommt die „Neue“ mitsamt Sohn am Ort des Geschehens an. Und wenn man meint, dass das jugendliche Herz nicht mehr Demütigung ertragen kann, wird eröffnet, dass man nach vorne sehen muss. Daddy kann es. Er will heiraten. In Becky steigt wieder Wut hoch und sie flieht in ihre eigene kleine Hütte. Zur gleichen Zeit dringen die Neonazis rund um Dominick ins Haus ein und machen klar, was sie von der gemischtrassigen Beziehung halten und wie deren Geduldsfaden ist. Gar nichts und gewalttätig kurz. Im Zuge der Befragung nach einem ominösen Schlüssel wird einer von Beckys Hunden erschossen. In ihr zerspringt etwas und ihre Aktionen passen zu Slayers „Raining Blood“. Sie entlädt all ihre Wut auf die Eindringlinge.

Eine Rolle – ein Leben

In erster Linie fällt Zuschauern der Cast auf. Mit Kevin James und Joel McHale wurden zwei Schwergewichte der Comedy ins Boot geholt. Denn es gibt Schauspieler, mit denen assoziiert man unausweichlich ikonische Serienrollen. Sei es die Figur des liebenswerten und tollpatschigen Doug Heffernan aus King of Queens, die Kevin James in neun Staffeln von 1998 bis 2007 mit Leben erfüllte. Joel McHale spielte den arroganten, sarkastischen aber liebenswerten Jeff Winger in Community von 2009 bis 2014 in 6 Staffeln und sich damit in die Herzen der Fangemeinde. Egal, was die Herrschaften auch danach „versuchten“, die Drehbuchangebote waren stets irgendwie ähnlich und erinnerten besonders bei Kevin James immer an Doug Heffernan. Und so sticht natürlich sofort die Prämisse des Films, ein Splatterfilm von den Machern von Cooties (eine dreckige, gewalttätige Zombie-Komödie fernab von Zombieland-Budget) und von Bushwick (Action-Hommage an das hippe New Yorker Viertel) heraus. Dazu das FSK 18-Siegel – es passt nicht so recht. Hinzu kommt die Figur von Dominick: Ein waschechter Neonazi mit entsprechenden Tattoos, Aussagen und Hass. Ein kompletter Bruch mit restlos allem, was man mit Kevin James verbindet. Und das ist gut so!

Blinde Rage

Becky wird nach den ersten unglücklichen Umständen im Hause zu einem Berserker. Das ist kein Geheimnis und auch kein Spoiler, wenn man an dieser Stelle verrät, dass der FSK 18-Stempel in solider Handarbeit ohne CGI verdient wurde! Die FSK-Einstufung wurde also völlig zurecht vergeben. Hierbei braucht man keine Mutmaßungen aufstellen. Die Gewaltexzesse, wenn sie kommen, lassen einen aufhorchen und je nach persönlicher Leidensmpfindung auch schnell aufschrecken. Denn bei der Gewalt hält die Kamera drauf und dreht sich nicht weg. So gibt es die Darsteller bei der einen oder anderen blutgetränkten Aktion beobachten. Die kurze Augen-OP dürfte hierbei den meisten in Erinnerung bleiben.

Der Star ist das Gör, die Krux ist das Mädchen

Becky, durchaus beängstigend realistisch apathisch von Lulu Wilson gespielt, trägt den Film durch eben die genannten Gewaltexzesse, die sich an der handvoll Neonazis entladen. Denn die Gore-Effekte, die Tötungen und diese herrlich übertriebene Wut von Becky sind die platzierten Highlights des Films. Bei knapp 100 Minuten Laufzeit und vier Bösewichten kann man sich in ungefähr vorstellen, wie die Dramaturgie aufgebaut ist. Jedoch kommt zurecht die Frage auf, warum genau jetzt diese Handlung folgt und vor allem: wozu soll sie dienen? Becky wechselt von Teeniegöre zu Satanstochter von jetzt auf gleich. Der Moment, in dem Becky die Sicherungen durchbrennen, ist toll eingefangen, doch der Weg dorthin ist arg holprig und man wünscht sich mehr von Beckys John Wick-Momenten.

Nicht Splatter, auch kein Thriller – aber ein gelungenes Experiment

Denn genau daran krankt es, um Becky zu einem waschechten Hit werden zu lassen. Für einen Splatterfilm sind die Einlagen zu spärlich, dafür aber gekonnt eingesetzt. Für einen Thriller kommt zu wenig Spannung auf und von Charakterentwicklung muss man nicht sprechen. Das wird auch nicht gewollt. Es bleibt bei Becky die Frage, was genau der Zuschauer erwartet. Der Cast weckt gewisse Erwartungshaltungen, das Genre ebenfalls und die Geschichte der rebellischen Teenietochter wurde auch nicht das erste Mal verfilmt. Es wird ein Mix gezeigt, in dem vor allem die Schauspieler aus der „Komfortzone“ ausbrechen und dem Zuschauer etwas präsentieren, das unangenehm und unpassend ist. Lulu Wilson als durchdrehende und gewaltgenießende Tochter, Kevin James als Neonazi aus Überzeugung und einem Monolog gegen Rassenmischung – in Zeiten des Hashtags #BlackLiveMatters durchaus mutig. Es passt erschreckend gut und macht Spaß, zuzuschauen. Als Partyfilm weniger geeignet, denn das Genrepublikum mag den Bodycount eventuell höher, aber Becky macht wenig richtig falsch – dafür aber mit positiven Elementen wie Effekten, Ekelfaktor und sogar Erzählgeschwindigkeit (es kommen lediglich am Anfang etwas Längen auf) vieles absolut richtig.

Fazit

Becky hinterlässt den Zuschauer kurz nach dem Abspann mit gemischten Gefühlen. Der Cocktailmix muss erst verdaut werden. Eigentlich sind alle Zutaten bekannt und man meint zu wissen, was man bekommt. Dennoch schmeckt es seltsam. Ob gut oder schlecht, dass erfordert eine neutrale Betrachtung. Wollte man als Zuschauer einen Funsplatter oder ein waschechtes Drama? Für ein Drama fehlen alle Elemente, dennoch schafft es Becky hier und da zu überraschen. Diese übertriebene Exzesse, welche Becky zum Ende hin zelebriert, kann durchaus als erfolgreiches Ventil verstanden werden. Dass dies kein Elternratgeber à la Olaf Ittenbach ist, ist mit Blick auf den Cast einleuchtend. Und genau hier imponiert der Film auf mehreren Ebenen. Wenn man meint, man wüsste was die Schauspieler machen und vor allem nicht machen würden, offenbaren sich mehrere Twists, trotz dramaturgischen Schema F. Daher bleibt Becky nach der zweiten Überlegung ein guter Cocktailmix, der sich sehen lassen kann.

© Splendid Film


Ab 30. Oktober 2020 im Handel erhältlich:

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