Beach Bum

Lesezeit: 5 Minuten

Exzentrische Schriftsteller gibt es wie Sand am Meer, zumindest im Kino und im Fernsehen. Egal ob Hunter S. Thompson in Fear and Loathing in Las Vegas oder Hank Moody in Californication, ohne Alkoholexzess, Drogenrausch oder Sexorgie lässt sich scheinbar kein einziges Wort zu Papier bringen. Filme über diese Exzesse von Schriftstellern bilden daher fast schon ihr eigenes Genre. Und in dieses Genre ist auch Beach Bum, der neue Film von Harmony Korine, einzuordnen. Seit dem 1. August 2019 ist der Film auf DVD und Blu-ray in Deutschland erhältlich. Doch gelingt es dem umstrittenen Regisseur, der Thematik neue Aspekte abzugewinnen?

     

Beach Bum handelt von keinem realen Schriftsteller, sondern von dem fiktiven Dichter (Matthew McConaughey, Free State of Jones), der von allen nur Moondog genannt wird. Auf den Florida Keys ist er Lokalberühmtheit und öffentliches Ärgernis zugleich. Denn mit dem Verfassen von Poesie ist er nur selten beschäftigt. Stattdessen berauscht er sich mit verschiedensten Drogen und macht, was auch immer ihm gerade in den Sinn kommt, egal was andere davon halten mögen. Doch als eines Tages seine Frau Minnie (Isla Fisher, Nocturnal Animals) stirbt, steht er plötzlich mittellos da. Denn das ganze Vermögen gehörte seiner Frau, und das Testament schreibt vor, dass Moondog zunächst ein neues Buch veröffentlichen muss, bevor er das Erbe antreten kann. Völlig abgebrannt macht sich der Poet ans Werk, natürlich nicht ohne einen Exzess auf den nächsten folgen zu lassen.

Gammeln auf’m Strand

Originaltitel The Beach Bum
Jahr 2019
Land USA, UK, Schweiz, Frankreich
Genre Komödie, Drama
Regisseur Harmony Korine
Cast Moondog: Matthew McConaughey
Minnie: Isla Fisher
Lingerie: Snoop Dogg
Lewis: Jonah Hill
Flicker: Zac Efron
Captain Wack: Martin Lawrence
Pilot: Donovan Williams
Laufzeit 95 Minuten
FSK

Wer nun erwartet, dass diese Herausforderung einen klassischen Plot in Gang setzt und die Hauptfigur vor schwierige Entscheidungen stellt, dürfte schnell enttäuscht werden. Denn eine Handlung oder einen roten Faden sucht man hier vergeblich. Stattdessen beobachten wir Moondog, wie er seinem ungezügelten Lebensstil nachgeht. Dies könnte funktionieren, wenn der Film aus mehreren starken Einzelepisoden bestehen würde, die entweder lustig, dramatisch oder irgendwie interessant wären. Doch gibt es im ganzen Film nur zwei Szenen, die wirklich Spaß machen, weil sie mit zunehmender Absurdität immer lustiger werden. Der Rest des Films besteht aus eher uninteressanten Handlungsfetzen und oftmals werden die immer gleichen Einstellungen wahllos aneinander geschnitten. Moondog trinkt, Moondog fährt Boot, Moondog liegt am Strand, Moondog umarmt Wildfremde, Moondog kifft, Moondog torkelt durchs nächtliche Florida. Scheinbar endlos ergießt sich diese Bilderflut. Und als Zuschauer beginnt man sich bald zu fragen, was das Ganze soll.

Im Freak-Paradies

Tatsächlich scheint der Film fast keine relevante Aussage zu haben. Eine Gesellschaftskritik, wie in vergleichbaren Werken, sucht man hier vergeblich. Während in Fear and Loathing in Las Vegas das Verhalten der Protagonisten als radikale Antwort auf das konservativ verkrustete Amerika der Nixon-Ära verstanden werden konnte und jedes Anecken der berauschten Helden einen Akt der Rebellion darstellte, fehlt dieser Aspekt hier völlig. Denn Moondog bewegt sich in einem Umfeld, welches sich längst an sein Verhalten gewöhnt hat und selbst regelmäßig mit gesellschaftlichen Konventionen bricht. Scheinbar haben die Freaks also gewonnen, zumindest in Florida. Doch gleichzeitig haben wir es hier aber mit einem äußerst privilegierten und begüterten Milieu zu tun. Leider verpasst Korine die Gelegenheit, hier den Finger in die Wunde zu legen und die hippe Fassade unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu hinterfragen. Denn steht dieser Lebensstil wirklich allen Menschen offen? Ist Glück nur eine Frage der Einstellung? Wie würde Moondogs Leben aussehen, wenn er keinen Erfolg als Schriftsteller hätte? An einer Beantwortung dieser Fragen ist der Film leider nicht interessiert.

Live fast, die old

Ebenfalls fehlt der Handlung jegliches Drama, weil Moondogs verantwortungsloses Handeln niemals negative Konsequenzen für ihn hat. Zum Schluss des Films sagt er selbst über sich, er sei das Gegenteil eines Paranoikers. Er glaube, dass das Universum sich verschworen habe, ihn glücklich zu machen. Und tatsächlich, egal ob er obdachlos wird oder in eine Entzugsklinik eingeliefert wird, so wirklich schlimm scheint das für ihn nie zu sein. Nicht wegen seiner positiven Lebenseinstellung, sondern vielmehr, weil sich immer schnell ein Ausweg für ihn auftut. Dies ist nicht nur unrealistisch, es macht auch die Figur uninteressant. Denn hierdurch werden Konflikte umgangen, welche wirklich für Dramatik sorgen könnten. Natürlich soll an dieser Stelle nicht eine konservative Moralisierung gefordert werden. Doch künstlerische Aussagen sind meist nur dann interessant, wenn sie ambivalent sind, wenn sie Raum für Diskussion lassen. Doch Beach Bum schaut sich wie ein eineinhalbstündiger Werbeclip für einen kompromisslos hedonistischen Lebensstil. Selbst für Zuschauer, die mit dem Lebensstil des Protagonisten sympathisieren, dürfte das zu eindimensional sein.

Florida, oh Florida

Einziger Lichtblick sind tatsächlich die handwerklichen Aspekte des Films. Denn die Kombination aus dem Licht und den Farben Floridas und echtem 35mm-Film sorgen für fantastische Bilder. Zusammen mit dem naturalistischen Sounddesign und der touristischen Kulisse fühlt man sich als Zuschauer regelrecht in den Sommer auf den Keys transportiert. Der Film ist also bestens geeignet, um im eigenen Heim etwas Urlaubsstimmung aufkommen zu lassen.

Fazit

Beach Bum funktioniert als reiner Ambiente-Film und ist vermutlich ideal, um auf einer Party im Hintergrund zu laufen, oder um ein Drogenerlebnis zu begleiten. Als eigenständiges Kunstwerk funktioniert er nicht. Dafür ist er weder lustig, noch tiefgründig genug. In gewisser Weise verrät Korine damit auch die Aussage seines kleinen Meisterwerks Spring Breakers, in dem er eine Gesellschaft kritisierte, die den Exzess als Ventil in kleinen Dosen zulässt, um ein freudloses System zu stützen. Sein neuer Film nimmt nun exakt diese Ventilfunktion ein. Moondog schlägt über die Stränge, damit wir als Publikum weitermachen können, wie bisher. Radikale Kunst ist das nicht.

© Constantin Film

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Timo Beyer

Mit Timo Beyer haben wir einen waschechten Historiker in unserer Redaktion, der sich nicht nur mit großer Begeisterung auf jeden Historienfilm stürzt, sondern auch für das klassische Hollywood-Kino brennt. Sein Lieblingsgenre sind Western verschiedenster Couleur, von John Wayne bis Clint Eastwood. Seine Film- und Buchsammlung platzt aus allen Nähten, weshalb er immer auf der Suche nach neuem Stauraum ist.

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