Arboretum

Die Pubertät ist mitunter eine der härtesten Zeiten, die auf dem eigenen Lebensweg bestanden werden wollen. Freud und Leid, Frust und unkontrollierte Gefühle liegen dicht beieinander und jeder sucht nach dem richtigen Ventil, um mit diesem Überfluss an Emotionen umzugehen. In der deutschen Produktion Arboretum erzählt Regisseur Julian Richberg die von Gewalt geprägte Coming of Age-Story zweier junger Männer in Thüringen kurz nach der Jahrtausendwende und vermischt diese mit einem düsteren Einschlag. Gesehen haben wir das ungewöhnliche Außenseiterdrama auf dem Hardline Filmfestival 2022. Einen deutschen Verleih hat der Film bislang noch nicht gefunden.

Thüringen, 2001: Erik (Oskar Bökelmann, Staub auf unseren Herzen) und Sebastian (Niklas Doddo, Alles was zählt) sind beste Freunde. Sie sitzen im selben Boot, denn beide sind Teenager inmitten der Provinz, wo der Hund begraben ist und jeder jeden kennt. Gewalt bestimmt ihren Alltag: In der Schule sind sie Mobbingopfer, auf dem Dorftreff müssen sie sich vor den brutalen Nazis in Acht nehmen. Als sie Elli (Anna Jung) kennenlernen, bekommt die Freundschaft der beiden Jungen einen Riss. Während sich die Welt des einen zum Positiven verändert, schlägt bei dem anderen der moralische Kompass in Richtung Vergeltung um. Als ein geheimnisvolles Wesen aus dem Sumpf erscheint, bricht das, was lange unter der Oberfläche brodelte, endgültig aus Erik hervor …

Damals auf dem Dorf …

OriginaltitelArboretum
Jahr2020
LandDeutschland
GenreComing of Age
RegieJulian Richberg
CastErik: Oskar Bökelmann
Sebastian: Niklas Doddo
Eriks Vater: Volker Figge
Sebastians Mutter: Elena Halangk
Elli: Anna Jung
Patrick: Tobias Krebs
Laufzeit79 Minuten
FSKunbekannt
Titel im Programm des Hardline Filmfestivals 2022

Erik und Sebastian sind nicht um ihr Leben zu beneiden. In der Oberstufe ist man zwar gewissermaßen auf der Zielgeraden, wie es danach weitergeht: unklar. In der Freizeit wird die Zeit totgeschlagen und eben Beat’em ups gezockt. Da wir uns im Jahr 2001 befinden, ist das Kommunikationsverhalten auch noch ein anderes, als wir es heute kennen. Aussteigen und in virtuelle Sphären abtauchen war zwar zu diesem Zeitpunkt bereits möglich, nicht unbedingt aber üblich. Also gilt es die Zeit mit den Menschen zu verbringen, die da sind. Denn andere gibt es nicht. Sowohl in der Schule als auch in der Freizeit sind beide Mobbing, Erniedrigung und Gewalt ausgesetzt. Denn wir befinden uns nicht irgendwo in Deutschland, sondern in Thüringen, wo der Anteil an Rechtsextremisten über dem deutschen Durchschnitt liegt. In der Handlungsebene von Arboretum ist das auch nichts Ungewöhnliches, sondern brutaler Alltag. Wenn die Nazis den Dorftreff stürmen, muss man sich eben verstecken, um keine blutige Lippe zu riskieren. 2001 ist nicht 2021 und die Provinz ist nicht die Großstadt. Arboretum atmet einen Zeitgeist, den viele kennen, der heute aber nur noch punktuell gegenwärtig ist. Besonders gelungen ist dabei die Reproduktion eines authentischen Lebensgefühls zur Jahrtausendwende. Poster von Matrix, Tomb Raider und Scream erinnern an Jugendzimmer von damals ebenso wie der dicke Röhrenmonitor.

Gewaltfantasien

Beide Jungen wünschen sich, dass einfach mal etwas passiert, was ihr Leben mal auf den Kopf stellt. Dieser Wunsch wird schneller Realität als sie sich bewusst machen können. Was beginnt wie ein typischen Außenseiterdrama, nimmt nach dem ersten Drittel an Fahrt auf. Denn es zeichnet sich ab, dass beide Jungen unterschiedliche Wege einschlagen werden. Dazu trägt bei, dass ein übernatürliches Wesen Teile der Handlung einnimmt. Dieses bleibt äußerst vage im Hintergrund (vergleichbar mit dem Hasen Frank in Donnie Darko) und stellt eine Metapher innerer Zerrissenheit dar, zwingend nötig gewesen wäre es allerdings für den Verlauf der Handlung nicht. Viel mehr erfasst es die in Erik stattfindende Wesensveränderung.  Arboretum hält seine eigene Phantastik im Hintergrund und besinnt sich ganz auf die Entwicklung der beiden Protagonisten. Damit treten Parallelen zu Super Dark Times auf, einer US-Produktion aus dem Jahr 2017, in der die Unberührtheit der Jugend im Idyll durch einen Akt der Gewalt zerstört wird. Arboretum findet viele Formen für Gewalt und macht früh kenntlich, dass diese Geschichte keinen guten Ausweg nehmen kann.

Wenig Budget, viel herausgeholt

Es ist erstaunlich, wie gut die Produktion aussieht, dafür, dass der Film auf ein minimales Produktionsbudget zurückgreifen musste. Die beiden Hauptdarsteller Oskar Bökelmann und Niklas Doddo spielen authentisch ihre beiden Außenseiter und zeigen sich innerhalb der Entwicklung ihrer Rolle vielseitig. Sie tragen die Leere und Hoffnungslosigkeit ihrer Charaktere mit sich, ohne dabei unglaubwürdig zu sein. Auch Kameraarbeit und das stimmungsvoll beleuchtete Bild sind astrein und lassen keinen Anlass zur Kritik. Der bebende Score vermittelt die zunehmende Anspannung und die toxische Aufladung der Situation, die ihrem großen Knall unaufhaltsam entgegenrennt. Auf der Gegenseite stehen oftmals Kleinigkeiten, die eben doch daran erinnern, dass es sich um ein Erstwerk handeln. Etwa wenn die Kennzeichen darauf aufmerksam machen, dass nicht in Thüringen, sondern in Hessen gedreht wurde. Dinge, auf die eher ein aufmerksames Auge achtet. Auf technischer Ebene fällt allerdings stärker negativ ins Gewicht, dass die Tonabmischung zu wünschen übrig lässt: Vor allem an belebten Plätzen wie in der Schule und dem Dorftreff wird es deutlich schwieriger, den Dialogen zu folgen, da diese nicht gegen die Hintergrundgeräusche ankommen.

Fazit

Arboretum beginnt trotz seiner Laufzeit von nur 79 Minuten gemächlich, nimmt ab dem ersten Drittel aber an Fahrt auf und entwickelt schließlich eine Sogkraft, die man hinter einem Film wie diesem kaum erwartet hätte. Es ist ein Film über eine Gewaltspirale, mögliche Auswege und falsche Abbiegungen. Nicht immer einwandfrei, aber ein starker Debütfilm für Julian Richberg, der die dichte Atmosphäre einfängt, als sei er selbst dabei gewesen (obwohl er zur Handlungszeit jünger als die Protagonisten selbst  war). Das nüchterne Coming-of-Age-Drama mit Horror-Subtext ist mehr als nur einen Blick wert, denn überzeugende Genreware aus deutschen Landen ist immer gerne gesehen.

© Stadtfuchs Media

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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